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Staatsanwalt fordert geschlossene Anstalt – Kneubühl attackiert das Plädoyer

Anders als der Staatsanwalt hält der amtliche Verteidiger Peter Hans Kneubühl durchaus für schuldfähig. Kneubühl sei in seinen Aussagen ernst zu nehmen, forderte Philipp Kunz am Freitag vor Gericht in Biel. Kneubühl selbst hinterfragte in seinem Plädoyer das Vorgehen der Justiz.

Am Montagmorgen startete der Prozess gegen Peter Hans Kneubühl. Der heute 68-Jährige hatte vor über zwei Jahren in Biel einem Polizisten in den Kopf geschossen. (7. Januar 2010)
Am Montagmorgen startete der Prozess gegen Peter Hans Kneubühl. Der heute 68-Jährige hatte vor über zwei Jahren in Biel einem Polizisten in den Kopf geschossen. (7. Januar 2010)
Keystone
Als wäre er selber der Gutachter: Peter Hans Kneubühl (links) stellt im Gerichtssaal einem Polizisten Fragen zum Einsatz am 8. September 2010. (7. Januar 2013)
Als wäre er selber der Gutachter: Peter Hans Kneubühl (links) stellt im Gerichtssaal einem Polizisten Fragen zum Einsatz am 8. September 2010. (7. Januar 2013)
Karin Widmer, Keystone
In der Nähe der Alterssiedlung und des Bauernhofes Falbringen in Ried ist Peter Hans Kneubühl am Freitagmorgen um 6.09 Uhr gefasst worden.
In der Nähe der Alterssiedlung und des Bauernhofes Falbringen in Ried ist Peter Hans Kneubühl am Freitagmorgen um 6.09 Uhr gefasst worden.
Keystone
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Zwei Stunden dauerte das Plädoyer von Staatsanwalt Andreas Jenzer gestern vor dem Regionalgericht in Biel. Dabei liess er keinen Zweifel daran, wie er den Beschuldigten einstuft: als intelligenten, aber psychisch kranken Menschen, der in eine geschlossen Anstalt eingewiesen werden müsse. Peter Hans Kneubühl (79) hatte sich 2010 gegen die Zwangsversteigerung seines Elternhauses mit Waffengewalt gewehrt. Er leide an einer wahnhaften Störung und müsse als schuldunfähig eingestuft werden, so Jenzer. Zur Untermauerung seiner These führte er Aussagen an, die Kneubühl selbst oder Zeugen während der Untersuchung sowie im Rahmen der Gerichtsverhandlung gemacht hatten.

«Polizei ging mit äusserster Zurückhaltung vor»

Die Zitate liessen aufhorchen. So hatte sich Kneubühl einmal als «ersten politischen Gefangenen der Schweiz» bezeichnet. Er werde politisch verfolgt und: «Wenn Ermer (die Gutachterin, Anm. d. Red.) den Prozess gewinnt, so stehen die Tore der Hölle offen.» Kneubühls Schwester hatte ausgesagt, ihr Bruder habe einen «Riesenhass» auf sie, er denke, sie habe ihren Vater getötet. In einem Brief an eine Nachbarin hatte er geschrieben: «Ich bin 100-prozentig überzeugt, dass ich liquidiert werden soll.» Es gebe in der Schweiz die Todesstrafe nicht, «aber das macht man hier subtiler».

Staatsanwalt Jenzer erachtet es als bewiesen, dass der Beschuldigte bei der Polizeiaktion im September 2010 die Schüsse auf die Polizisten abgab, damit ihr Leben gefährdete und einem von ihnen schwere Verletzungen zufügte. Kneubühl sagte im Verlauf der Woche nie etwas zu den Schüssen. Er habe aber indirekt seine Taten zugegeben und sie auch nicht bestritten, so Jenzer. Es stimme auch nicht, dass die Polizei ihn vernichten wollte. «Die Polizei ging mit äusserster Zurückhaltung vor.» Das psychiatrische Gutachten stufte der Staatsanwalt als unparteiisch und fachlich fundiert ein.

Zu diesem Punkt setzte Philipp Kunz, Pflichtverteidiger von Peter Hans Kneubühl, jedoch Fragezeichen. «Ich habe selten jemanden gesehen, der so genau weiss, was er will und was er tut», sagte er. Es sei erstaunlich, wie genau sich Kneubühl an alle Details der Polizeiaktion erinnere. Dass er Schüsse gehört habe, die gar nie gefallen waren, sei wohl eine Täuschung gewesen, weil die Polizisten zur Ablenkung Knallkörper in die Wohnung warfen. «Mir imponiert», so Kunz, «wie haargenau er voraussah, wie sich der Einsatz abspielen würde.»

Das Gutachten spreche von einem schweren Wahn mit beschränkter Wahrnehmung. Ein Wahn liege dann vor, wenn das, was jemand als wahr annehme, nicht stimme. Ob sich die früheren Vorfälle von Kneubühl nicht so oder ähnlich zugetragen hätten, sei aber unsicher. Denn es habe damals Polizeikontrollen und Gerichtstermine gegeben.

Kneubühl verteidigte sich sachlich und umfangreich

Philipp Kunz bezeichnete die Aussagen Kneubühls als «politische Manifestation». Dieser wolle sich nicht an die geltenden Normen halten und bestreite das Gewaltmonopol des Staates. Er glaube, jeder Bürger habe ein Widerstandsrecht. Kunz stellte klar, dass dies nicht seine eigene Meinung sei. Aber: «Solche Auffassungen finden Sie auch in politischen Manifesten oder an den Wänden der Berner Reitschule.» Der Beschuldigte sei ernst zu nehmen, deshalb ist er schuldfähig.» Sollte ihn das Gericht so einstufen, müsste ein neues Gerichtsverfahren eröffnet werden, bei dem er für seine Taten verurteilt werden könnte. Mit Spannung wurde erwartet, wie sich Peter Hans Kneubühl verteidigen würde. Der Rentner sprach höflich, formulierte gut verständlich – und dies fünf viertel Stunden lang. Er bedankte sich bei Gerichtspräsident Markus Gross, dass er während der Verhandlung Fragen stellen durfte. Das Plädoyer des Staatsanwalts nannte Kneubühl eine «Verdrehung der Tatsachen». Er würde, wenn er Zeit hätte, Punkt für Punkt widerlegen. Jenzer sei im Verlauf der Untersuchung auf keine seiner Eingaben eingetreten. «Er hat meine Beweise und Belege immer totgeschwiegen. Zwischen uns herrscht ein langer, böser Krieg.»

Kneubühl legte seine Theorien dar

Im Verlaufe seines Plädoyers geriet Kneubühl immer mehr auf die Ebene seiner Verschwörungstheorien. Er behaupte nicht, die Polizisten hätten ihn erschiessen wollen. «Ich bin aber überzeugt, dass es Leute gibt, die hinter mir her waren», sagte er. Diese hätten versucht, ihn in eine Situation zu bringen, bei der er sich wehrte. «Denn sie wussten, dass ich mich wehren würde. Und wenn jemand Gewalt ausübt, darf er erschossen werden.»

«Ich erhoffte mir mehr vom Prozess»

Kneubühl gab zu verstehen, dass er sich mehr vom Prozess erhofft hatte. Denn die Hintergründe, die zur Tat vom September 2010 führten, seien nicht untersucht worden. Er kritisierte, dass das Gericht seine Beweisanträge abgelehnt hat. Er hätte damit erreicht, dass weitere Personen befragt worden wären. «Das bedeutet, dass Schuldige nicht bestraft werden und dass man mit falschen Anschuldigungen vor Gericht Erfolg haben kann.»

Nächste Woche berät das Gericht das Urteil. Es wird am Freitagmorgen verkündet.

SDA/js

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