Zum Hauptinhalt springen

Sie stehen vor einem Wendepunkt

langnau/siem reapIn Kambodscha haben Anja Rettenmund und Katrin Santschi eine Englischschule aufgebaut. Ihr

Die Zeit ist reif. Es braucht neue Leute, neue Energie, neues Wissen. Lange haben die zwei Langnauerinnen Anja Rettenmund und Katrin Santschi mit sich gehadert, doch jetzt lassen sie los. «Es ist besser für uns und das Projekt, wenn wir uns zurückziehen», sagen sie beide. 8Jahre lang arbeiteten sie ehrenamtlich und investierten viel Zeit, Geld und Kraft in ihr Projekt in Kambodscha. Gemeinsam bauten die heute 29-jährigen Frauen in der Stadt Siem Reap zwei Sprachschulen auf, in denen Kinder und Jugendliche von 9 bis 20 Jahren gratis Englischunterricht erhalten. In der Schweiz gründeten sie 2004 einen Verein, um die Schule in Kambodscha zu finanzieren. Anja Rettenmund und Katrin Santschi haben auf Anfrage sofort zugesagt, von ihren Erlebnissen in der Vergangenheit und ihren Zukunftsplänen für den Verein zu berichten. Rettenmund wohnt in Kambodscha. Zurzeit ist sie zu Besuch in der Schweiz und weilt für zwei Monate bei ihren Eltern in Langnau. Santschi lebt heute in Bern und arbeitet in einem Fairtrade-Geschäft in Basel. Begonnen hat alles mit einer Reise ins Abenteuer. Von Langnau aus brachen die damals 21-jährigen Freundinnen 2002 zu einem Trip durch Asien auf, in Kambodscha, einem der ärmsten Länder Südostasiens, blieben sie hängen. Sie merkten schnell, dass die Kambodschaner in Siem Reap Kenntnisse in Englisch benötigen, damit sie überhaupt eine Arbeit finden. Doch eine Schulbildung können sich viele nicht leisten. «So haben wir mithilfe eines einheimischen Studenten angefangen, den Kindern und Jugendlichen Englisch beizubringen», sagt Anja Rettenmund. Zurück in der Schweiz gründeten sie dann den Verein Salariin Kampuchea und suchten Geldgeber. Eigene Fussballmannschaft Der Verein in der Schweiz wuchs, und auch die NGO (Nichtregierungsorganisation) in Kambodscha wurde stetig grösser. Fanden die Lektionen anfangs provisorisch unter einem Vordach statt, sind bis heute zwei Schulen in einem Raum eines Klosters und in einem gemieteten Haus mit Büro, Bibliothek und Computerraum entstanden. «Später kamen auch Lebenskunde- und Berufsfachunterricht hinzu», sagt Katrin Santschi. «Und wir haben sogar eine eigene Fussballmannschaft.» Heute werden rund 200 Schüler unterrichtet, die Zahl der Angestellten ist auf acht angewachsen. Sie sind alle krankenversichert und haben eine Pensionskasse. Türen öffnen In den 8 Jahren kümmerte sich Santschi als gelernte Detailhandelsverkäuferin um die Vereinsarbeit und die Administration in der Schweiz, die Kindergärtnerin Rettenmund übernahm den organisatorischen Part vor Ort und die Weiterbildung der Mitarbeiter. Ihr Ziel war, «den Menschen im Land die Möglichkeit zu bieten, ihr Leben und das der Familien durch Bildung zu verbessern», sagt Rettenmund. «Und ihnen so die Türe für eine Lehre oder weitere Ausbildung zu öffnen.» Dieses Ziel haben die Frauen erreicht. 60 Schüler haben bereits abgeschlossen, viele haben eine Lehrstelle oder einen Platz im Gymnasium gefunden. Ein weiteres Ziel aber, nämlich das Projekt selbsttragend und selbstständig zu machen, hätten sie noch nicht erreicht, so Rettenmund weiter. 27 Prozent der Ausgaben werden durch den Verkauf von kambodschanischem Handwerk in der Schweiz finanziert – dies auch nur durch die Unterstützung zahlreicher ehrenamtlicher Helferinnen. Der Rest wird immer noch von Spenden und Mitgliederbeiträgen abgedeckt. Die jährlichen Spenden belaufen sich auf rund 38000 Franken. «Aber arbeitstechnisch läuft die Schule, auch dank dem dortigen Projektleiter, ohne unsere Präsenz.» Nachfolge gesucht Nach all dem Engagement wollen Rettenmund und Santschi spätestens im nächsten Jahr den Verein und die NGO abgeben. Ein neuer Vereinsvorstand muss also zusammengestellt werden. Die Zukunft ist momentan ungewiss. Die Frauen suchen Nachfolger, die das nötige Know-how besitzen. «Leute, die vielleicht besser hinter die Kulissen der internationalen Zusammenarbeit blicken und auf professionellen Wegen Firmen und Sponsoren ins Boot holen können», erklärt Rettenmund. Sie selbst würden langsam an Grenzen stossen. Bis Juli 2012 ist das Projekt gesichert. Danach wird sich zeigen, wie es weitergeht. Noch sind die Langnauerinnen positiv eingestellt. «Bereits haben sich einige Interessenten gemeldet, aber wir suchen dringend weitere motivierte Leute und sind für jede Hilfe dankbar», betont Anja Rettenmund. Auch weiterhin seien sie auf Spendengelder angewiesen, damit der neue Vorstand nicht bei null anfangen müsse. Sollte sich jedoch niemand finden, wird der Verein in der Schweiz aufgelöst, die Finanzierung der NGO in Kambodscha wäre nicht mehr gewährleistet, das Inventar würde an eine andere NGO übergehen. Doch das hoffen beide nicht. «Unser grösster Wunsch ist, dass das Projekt weiterlaufen kann.» Künftiges Zuhause Auch wenn für Rettenmund und Santschi jetzt die Reise ins Ungewisse beginnt, sind sie von ihrem Entscheid überzeugt. Leiser Zweifel ist trotzdem zu spüren. «Vom Kopf her ist es richtig so», sagt Rettenmund. «Dennoch habe ich ein mulmiges Gefühl. Kambodscha war meine neue Heimat, die Schule meine Arbeit.» Unwillkürlich frage sie sich, wo in Zukunft ihr Zuhause sein werde.Nadja NoldinSpenden: Vereinskonto Salariin Kampuchea. Raiffeisenbank Bern. Konto-Nr.: 34270.68. www.cambodia-school.org>

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch