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Steuerdebakel mit Happy End

Dieter Lutz aus Pieterlen wurde nicht nur Opfer einer Gewaltattacke. Als Folge der Tat türmte sich bald ein Schuldenberg auf seinem Schreibtisch. Eine Geschichte, die zeigt, dass auch Steuerbeamte mit sich reden lassen.

Dieter Lutz und seine Verlobte Ellen Winterhalder sitzen im Büro von Erich Fehr am Bahnhofplatz in Biel. Dort, im zweiten Stock des Gebäudes, ist der Sitz der Steuerverwaltung des Kreises Seeland, dessen Vorsteher Fehr ist. Es ist Montagabend, 17 Uhr, draussen ist es dunkel, nass und kalt. Es sind Steuerschulden und eine traurige und wirre Geschichte, die das Paar hierher zu Erich Fehr geführt haben. Fehr hat vor sich auf dem Tisch einen Stoss Papiere liegen. Die Geschichte zeigt, wie unerbittlich die Bürokratie weiterläuft, ungeachtet dessen, was im Leben eines Menschen geschehen ist. Sie zeigt aber auch, wie sich unüberwindbar scheinende Hindernisse bewältigen lassen, «wenn man den Mut hat, die eigenen Probleme auf den Tisch zu legen», sagt Erich Fehr. Nicht handlungsfähig Im Sommer 2007 wurde Dieter Lutz in Biel von einem Fremden grundlos spitalreif geschlagen. Mit einem Faustschlag zertrümmerte ihm der Täter den gesamten Gesichtsschädel. Lutz, der bereits vor dem Ereignis gesundheitlich angeschlagen war, verlor durch die Tat den Boden unter den Füssen und geriet in einen Strudel aus Arbeitslosigkeit, Depression und einen Schuldenberg. Lutz verschwand aus der Gegend, kehrte zu seinen Eltern in die Ostschweiz zurück und landete in einer psychiatrischen Anstalt. Seine Freundin Ellen Winterhalder, mit der er damals noch nicht zusammenlebte, informierte er nicht. Auch sie hatte gesundheitliche Probleme. Durch das Verschwinden von Lutz erlitt sie einen Nervenzusammenbruch. Auch sie wurde in die Psychiatrie eingewiesen. Während die beiden ihre Geschichte erzählen, wird Erich Fehr klar, weshalb Lutz die Einreichefrist für die Steuererklärung verpasst und anschliessend auf keine der Mahnungen reagiert hat. «Hätten wir früher davon gewusst, hätten wir anders handeln können», sagt der Steuerbeamte. Niemand reagierte Fehr erklärt, ähnliche Fälle habe er zwar auch schon erlebt. Aber dieser sei «schon extrem». Denn komme eine Person in die Lage, ihre Rechte und Pflichten nicht mehr wahrnehmen zu können, dann bestimme diese im Normalfall jemanden, der dies für sie übernehme. Wäre Dieter Lutz nicht spurlos verschwunden gewesen, dann wäre das in diesem Fall seine Freundin Ellen Winterhalder gewesen. Doch weil niemand da war, der auf die zu hohe Steuereinschätzung innert der vorgeschriebenen 30-tägigen Frist mit einer Einsprache hätte reagieren können, schuldet Lutz der Steuerbehörde inzwischen mehrere tausend Franken. Dazu kommen Rechnungen vom Spital. Denn Lutz hatte, weil er nicht handlungsfähig war, den Unfall der Suva nicht gemeldet. Und diese wollte demzufolge nicht für die Kosten aufkommen. «Das Schlimme daran ist, dass ich nur durch diese sinnlose Tat in diese Schwierigkeiten geraten bin», sagt Lutz. Gut ein Jahr nach der Tat fanden sich Dieter Lutz und Ellen Winterhalder wieder. Sie versuchte daraufhin, die Sache mit den Steuern mit endlosen Telefonaten und diversen Schreiben in Ordnung zu bringen. Doch weil der Behörde einige dieser Schreiben nicht vorgelegen hätten und die Sachbearbeiterin am Telefon die Geschichte nicht gekannt habe, habe man nicht anders handeln können, als auf die Zahlungen zu bestehen, erklärt Fehr den beiden. Die Sachbearbeiterin habe also «nichts falsch gemacht». Die ersehnte Lösung Hätten Lutz und Winterhalder hingegen früher das persönliche Gespräch gesucht und sich erklärt, sagt Fehr, «hätten wir eine Lösung gefunden». Nun aber will er Nägel mit Köpfen machen: Winterhalder und Lutz sollen ihm Arztzeugnisse vorlegen, die bescheinigen, in welchem Zeitraum beide nicht handlungsfähig waren. «Dann», sagt Fehr, «füllen Sie nochmals eine Steuererklärung für das Jahr 2007 aus. Über die Höhe der Teilzahlungen können wir dann auf der neuen Basis diskutieren, einverstanden?» Das Paar freut sich. Genau diese Lösung hätten sie sich erhofft, sagen sie, denn nun sei klar, dass nicht der ganze Betrag auf einmal bezahlt werden müsse. Und auch die drohende Betreibung sei damit abgewendet. Montagabend, 18 Uhr. Auf dem Bahnhofplatz in Biel fassen sich Ellen Winterhalder und Dieter Lutz an den Händen und lachen. Dicke Schneeflocken fallen auf den nassen Asphalt. Bald ist Weihnachten. Brigitte Jeckelmann/bt >

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