Grindelwald

«Bei der ersten Abstimmung wird das V-Projekt wohl abgelehnt»

GrindelwaldDas V-Projekt sorgt für Diskussionen. Manfred Braun beobachtet die Bahnpolitik intensiv und veröffentlicht seine Meinungen in einem Blog im Internet. Er bemängelt die fehlende B-Variante des 200-Millionen-Projekts.

Manfred Braun betrachtet mit seinem Blog Griwa.com  die touristische Entwicklung in Grindelwald. Er arbeitet als Informatikprojektleiter und ist Gleitschirmpilot.

Manfred Braun betrachtet mit seinem Blog Griwa.com die touristische Entwicklung in Grindelwald. Er arbeitet als Informatikprojektleiter und ist Gleitschirmpilot. Bild: Markus Hubacher

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Seit Jahren kommentieren Sie die touristische Entwicklung in der Jungfrauregion in Ihrem Blog Griwa.com. Haben Ihre Bemühungen schon etwas bewirkt, oder sind Sie einfach ein Opportunist?
Manfred Braun: Mit Griwa.com versuche ich seit 2008, meinen völlig unkommerziellen Beitrag zur Entwicklung des Tourismus in der Jungfrauregion zu leisten. Die Website ist für mich und viele Gleichgesinnte eine Art Sprachrohr, das aktuell 500 bis 750 Besucher pro Tag zählt.

Was stört Sie denn am V-Projekt?
Ich möchte festhalten, dass ich ein Befürworter der Sache, aber noch nicht ganz hundertprozentig überzeugt bin. Einmal mehr ist die Kommunikation der Jungfraubahnen mangelhaft. Wenn sie die Bevölkerung für das Projekt brauchen, sollten sie die richtigen Schlüsse ziehen.

Welche wären das?
Eine B-Variante aufzuzeigen, wäre das Minimum. Die Haltung «Entweder – oder» stört viele Leute. Sie informieren sich und sehen durchaus auch die Nachteile der heutigen Tourismuspolitik, die hauptsächlich auf Masse setzt.

Immerhin sind die Jungfraubahnen eines der erfolgreichsten Bahnunternehmen der Schweiz.
Das stimmt und verdient Respekt. Ich frage mich nur, warum die Jungfraubahnen so sehr auf die neue 3S-Bahn von Grindelwald-Grund zum Eigergletscher drängen.

Bisher hörte man nur Entscheidungsträger und Kritiker des Projekts. Wie ist die Stimmung in der Bevölkerung?
Viele haben Angst vor Arbeitsplatzverlust und wollen sich nicht dazu äussern. Die Situation ist ähnlich wie bei der Abstimmung zur Zentrumsüberbauung. Niemand äusserte sich öffentlich, das Projekt scheiterte dennoch an der Urne. Erst als Alternativen ausgearbeitet wurden, hat das Stimmvolk Ja gesagt.

Droht dem V-Projekt dasselbe Schicksal?
Bei einer ersten Abstimmung wird das V-Projekt wohl abgelehnt. Erst wenn die Jungfraubahnen eine Alternative aufzeigen, wird sich etwas bewegen. Apropos Meinungen, Sie haben selber ja schon Umfragen gemacht.
Genau, etwa ob der Wunsch nach einer Ganzjahreskarte für die Jungfrauregion besteht.

Wie ging die Umfrage aus?
Rund 120 Teilnehmende haben sich dafür ausgesprochen. Ich habe die Resultate den Gemeindepräsidenten, Tourismus-, und Bahnverantwortlichen und den Medien zugestellt.

Was passierte dann?
Die einzige Reaktion kam von Urs Kessler, der mich zu einem einstündigen Gespräch eingeladen hat. Er erklärte mir seinen Standpunkt und mit welchen Problemen er sich so herumzuschlagen hat.

Und weiter?
Wir diskutierten auch die Kritik bezüglich Eintritte ans Lauberhornrennen und Snowpenair. Das Resultat sieht man jetzt. Die Lifte Wixi und Lauberhorn sind wieder für alle ohne Unterbruch benutzbar. Saisonkarteninhaber können beim Snowpenair wieder Tickets ohne Bahnfahrt kaufen. Aber mein Hauptanliegen für eine «preislich attraktive Jahreskarte» wurde leider vertagt.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus dieser Sache?
Man sieht, wer das Sagen in der Region hat. Es ist nicht die Politik und auch nicht die Wirtschaft, schon gar nicht die Touristiker. Auch bei so kleinen Themen wie einer Jahreskarte. Dabei gäbe es so viele Vorteile, die für eine Jahreskarte sprechen würden.

Die da wären?
Die Leute gehen vielleicht auch bei nicht perfektem Wetter ins Gebiet und frequentieren Bahnen und auch Bergrestaurants. Sie könnten die Schönheiten der Natur so vielleicht gar intensiver erfahren.

Zurück zum V-Projekt, in Ihrer 8-seitigen Anregung im Zuge der Mitwirkung verdächtigen Sie die Jungfraubahnen, dass für diese die Erschliessung des Eigergletschers nur ein Zwischenschritt sei, um das Joch irgendwann mit einer Gondelbahn zu erschliessen. Das sind Hirngespinste, oder?
Schätzungsweise um 2025 werden die Jungfraubahnen ihre Tunnel überdenken müssen.

Wie kommen Sie auf eine solche abenteuerliche Idee?
Eine Gesamtsanierung des Tunnels zum Jungfraujoch wird aufgrund des Temperaturanstiegs und der Tunnelsicherheit unumgänglich.

Schon heute taut der Permafrost, gewisse Bereiche auf dem Joch müssen künstlich gekühlt werden. Aber so schlimm ist die Situation doch nicht, oder?
Die Tunnelsanierung drängt sich nicht nur wegen der Klimaveränderungen auf. Auch das Sicherheitsdenken wird sich mit der Zeit noch verstärken.

Sie verweisen auf Kaprun, dort, wo bei einem Tunnelbrand im Jahr 2000 155 Personen den Tod fanden. Dennoch ist die Situation kaum vergleichbar, dort gab es keine Fluchtwege, der Tunnel aufs Joch hingegen ist durch weitere Stollen mehrmals durchbrochen, die Türen lassen sich auch von innen öffnen, ebenso die Fenster.
Die Jungfraubahnen erfüllen heute die gesetzlich benötigten Sicherheitsanforderungen. Wie wir bei den A8-Tunnels sehen, kann sich das in Zukunft ändern. Ich schätze die Kosten einer kompletten Sanierung nach heutigen Ansätzen auf 350 bis 500 Millionen Franken, mindestens.

Der Tunnel aufs Joch kann doch nicht stillgelegt werden?
Wenn die Tunnelsanierung ums Jahr 2025 ein Thema wird, könnten die Jungfraubahnen vielleicht doch auf die Idee kommen, statt den Tunnel zu sanieren, die 3S-Bahn um gut 3 Kilometer knapp unters Joch zu verlängern. Die Touristen könnten in grossen Glasgondeln wie in einem Heli – aber lautlos – über die Gletscher gleiten in adäquatem Tempo.

Will das der Kunde?
Als Tourist möchte ich lieber die Aussicht geniessen, als durch dunkle Tunnels fahren. Den alten Tunnel mit Nordwand und Eismeer könnte man mit kleinerem und gesichertem Rollmaterial als Adventure- oder Nostalgievariante weiterführen.

Da wäre eine Gondelbahn in der Tat vorteilhafter Doch schon 1998 scheiterte ein Projekt einer Seilbahn vom Grund auf die Kleine Scheidegg. Offenbar will die Mehrheit der Bevölkerung an der WAB festhalten?
Es ist eine schöne Bahn, zweifellos. Doch es ist nicht mehr Stand der Dinge 2013, mit einer Zahnradbahn ins Skigebiet zu reisen. Ein- und Aussteigen ist mühsam, bei viel Betrieb ist man zum Stehen verdonnert.

Urs Kessler widersprach dieser These von einer Gondelbahn aufs Joch an einer Veranstaltung bereits vehement.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass die von mir geschilderte Vision nicht doch in der Chefetage und beim Verwaltungsrat diskutiert wird. Dass man dies nicht offiziell kommuniziert, ist leicht nachvollziehbar.

Reden wir doch über die vielfach verlangte B-Variante...
Schon heute wäre es technisch möglich, die Strecke Grund–Kleine Scheidegg im 15-Minuten-Takt zu bedienen. Dafür wäre allerdings nicht nur neues Rollmaterial nötig, sondern die Strecke müsste mit mehr Doppelspurabschnitten zum Kreuzen und Überholen ausgestattet werden.

Was müsste aus Ihrer Sicht auch noch berücksichtigt werden?
Um die Wengener Seite besser ins Projekt zu integrieren, sollen die Jungfraubahnen Auskunft über den Ersatz des Fallbodenlifts geben. Im Grund sollen sich die Touristen ennet der Lütschine in einem kleinen Park erholen können und die schöne Landschaft von Grindelwald geniessen. Die heutige Situation im Grund, wo es nur so wimmelt von Verkehrsinfrastruktur, ist desolat. Wir wohnen in der Nähe und sehen das beinah jeden Tag. Für mich ist auch wichtig, dass der Gleitschirmlandeplatz bleibt, wie er ist, und die Chilchbodenbrücke als Fussgängerbrücke weiterbenutzt wird.

Das ist Wunschdenken, das wohl kaum erhört wird. Sollte man das Projekt gar grundsätzlich überdenken? Nebst Ausbau der WAB und dem Ersatz GGM könnte man den Männlichen mit einer neuen, grossen Luftseilbahn von Zweilütschinen direkt auf den Gipfel erschliessen. Die Wintersportler wären innerhalb einer guten ÖV-Stunde von Thun direkt im Skigebiet. Zusätzlich müsste man die schon verschiedentlich skizzierte Sesselbahn vom Läger auf den Gipfel bauen. Mit einem Panoramarestaurant würde der Männlichengipfel etwa so verändert wie seinerzeit das Schilthorn.

In einer losen Serie beziehen Entscheidungsträger aus Tourismus, Gewerbe und Politik Position zum V-Projekt. Bisher äusserten sich Bruno Brawand, Präsident von Grindelwald-Hotels (1.6.); Peter Egger, Präsident von Grindelwald Tourismus (15.6.); Emanuel Schläppi, Gemeindepräsident von Grindelwald (29.6.); Marianne Bomio-Rubi, Bergschaftspräsidentin Wärgistal (3.8.); Urs Kessler, CEO Jungfraubahnen (17.8.); Peter Wälchli, Gemeindepräsident von Lauterbrunnen (10.9.) Christian von Almen, Hotelier Lauterbrunnen (25.9.). Ruedi Bhend, Schmied und Alt-Gemeinderat Grindelwald (21.10.).

Erstellt: 07.11.2013, 09:36 Uhr

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Das V-Projekt

In Planung Mit dem V-Projekt für rund 200 Millionen Franken sollen laut den Jungfraubahnen die Ausflugsziele Männlichen und Eigergletscher mit einer 3-S-Bahn neu erschlossen werden.

Letzteres mitunter auch, damit Schneesportgäste schneller ins Skigebiet oder Ausflugstouristen aufs Joch befördert werden können. So soll sich die Fahrzeit aufs Joch von Bern aus um rund drei Viertel Stunden auf zwei Stunden und 31 Minuten verkürzen.

Neben zwei neuen Gondelbahnen soll auch der Verkehr im Grund entflechtet und der Zugang zur Firstbahn im Dorf verbessert werden. Die Kapazität der Wengernalpbahn soll mit neuem Rollmaterial um 20 Prozent erhöht werden.

Der Zeitplan ist ehrgeizig: Die Konzession der Gondelbahn Grindelwald–Männlichen läuft 2016 aus, danach soll die neue Achtergondelbahn Fahrt aufnehmen und die Reisezeit auf 19 Minuten verkürzen. Eine erste Version der Neuerschliessung, das sogenannte Y-Projekt, scheiterte 2011 am Widerstand der Landbesitzer.

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