Lauterbrunnen

«Der Eiger-Express vernichtet in einem ersten Schritt 42 Arbeitsplätze»

LauterbrunnenDas V-Projekt ist ein Jahrhundertprojekt der Jungfraubahnen. Der engagierteste Gegner ist Christian von Almen. Er stört sich vor allem an der «einseitigen und widersprüchlichen» Information seitens der Bahnen.

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Christian von Almen , bereits im März dieses Jahres haben Sie in den Gemeinden Grindelwald und Lauterbrunnen gelbe Flugblätter mit einer kritischen Stellungnahme zum V-Projekt verteilt, rund 3000. Wie böse waren die Reaktionen?
Christian von Almen: In der Presse hat nur der Berner Oberländer das Flugblatt erwähnt. Das hat uns ein wenig erstaunt. Das Flugblatt hat meiner Meinung nach zu einer differenzierteren Diskussion beigetragen. Denn bis zu diesem Zeitpunkt gab es nur die Stimmen der Befürworter. Die Rückmeldungen waren alle positiv.

Das Lauterbrunnental wird vom Vorhaben weniger tangiert als Grindelwald. Weshalb engagieren Sie sich gegen das Vorhaben?
Dieses Jahrhundertprojekt hat auf die ganze Region grosse Auswirkungen. Es ist ein Irrglauben, zu denken, dass es nur Grindelwald betrifft. Warum? Die Bahnen sind über Jahrzehnte gewachsen, parallel dazu der Tourismus. Das schuf ein Gleichgewicht. Jetzt plant man einen neuen Hauptzubringer aufs Jungfraujoch. Da wird dieses Gleichgewicht empfindlich gestört.

Was ist so schlimm daran?
Durch den neuen Hauptzubringer auf der Grindelwald-Seite werden Lauterbrunnen und Wengen vom Touristenstrom Richtung Jungfraujoch und ins Skigebiet vermehrt abgeschnitten. Grindelwald hat auf der anderen Seite noch mehr Verkehr. Schon heute reichen dort die Kapazitäten von Strasse und Bahn an Hochsaisontagen nicht aus. Das steht derzeit noch in den Sternen, und die Zahnradbahn ist ja auch noch da Aufgrund von Informationen, die uns zum Vorgängerprojekt vorliegen, ist anzunehmen, dass sich auch der Eiger-Express nur rechnet, wenn das Angebot der WAB massiv verkleinert wird. Grundsätzlich sind wir mit dem Namen V-Projekt nicht glücklich. Für uns sind das zwei eigenständige Projekte, die verschiedene Bedürfnisse abdecken und unterschiedliche Auswirkungen haben.

Ist das nicht gut?
Aus der Sicht des lokalen Tourismus macht nur das Projekt GGM Sinn. Der Flaschenhals in Grindelwald -Grund im Winter wird praktisch aufgehoben. Somit wird auch das heute bestehende Problem mit den Befüllungszeiten gelöst. Die Skifahrer werden im Skigebiet besser verteilt. Das sind wichtige qualitative Verbesserungen für die Gäste von Grindelwald, Wengen und Lauterbrunnen.

Die Männlichenbahn hat kein Geld und ist auf den Goodwill der Jungfraubahnen angewiesen. Wieso nicht zwei Vorhaben verknüpfen und damit den Eiger-Express realisieren?
Für die GGM besteht ein gesetzlicher und betrieblicher Zwang zur Sanierung. Zudem wird der Engpass im Grund aufgelöst. Sollte das nicht ausreichen, könnte in einem zweiten Schritt der Eiger-Express gebaut werden, dabei besteht jedoch kein Handlungsbedarf. Doch bei ihm, so vermuten wir, geht es den Jungfraubahnen darum, mit einer noch schlankeren Infrastruktur noch mehr Gewinn zu machen. Arbeitsplätze gehen verloren, und unsere Landschaft wird ganz erheblich beeinträchtigt. Wir hoffen darum, dass der Kanton Bern als grösster Einzelaktionär über seinen Beteiligungen an der BEKB, BKB und GVB die legitimen Bedürfnisse seiner Bürger über diejenigen der Shareholder eines hochprofitablen Unternehmens stellen wird.

Nun gilt es aber zu handeln, die Konzession der Männlichenbahn 2016 läuft aus. Und die Jungfraubahnen investieren nur, wenn der Eiger-Express realisiert werden kann...
Wir glauben nicht, dass es sich die Jungfraubahn imagemässig leisten kann, uns als Souverän abzustrafen, nur weil wir uns für unsere wirtschaftlich notwendigen Eigeninteressen einsetzen und darum Nein zum Eiger-Express sagen.

Viele Leute sagen sich: 200 Millionen investieren oder nicht investieren ist kein Pappenstiel in der heutigen Zeit. Was sagen Sie denen?
Wenn man 200 Millionen zum Wohl der Talschaften investiert, finden wir das toll. Doch es scheint, dass der Eiger-Express einzig dem Zweck dient, den Gast von Interlaken schnell aufs Jungfraujoch und wieder weg zu bringen. Dieser Gast kommt einmal in seinem Leben. Er hält sich nur wenige Stunden bei uns auf. Wir brauchen jedoch dringend den individuellen, wiederkehrenden Gast. Nur dieser zahlt in unseren Hotels den betriebsnotwendigen Preis. Zudem zerstört der Eiger-Express eine weltweit einmalige Landschaft.

Ist das nicht ein bisschen viel Schwarzmalerei?
Als Beispiel möchte ich Dresden aufführen. Die Stadt war Unesco-Weltnaturerbe, dann wurde überdas Elbtal eine Autobahn gebaut. Deswegen wurde die Ansicht auf Dresden beeinträchtigt und die Stadt aus dem Weltnaturerbe ausgeschlossen. Der Eiger-Express hätte eine ähnliche negative Wirkung auf die Nordwand, etwa mit Bahnstützen mit über 60 Metern Höhe.

Dennoch haben sich die Gemeinderäte von Grindelwald und Lauterbrunnen öffentlich fürs Projekt ausgesprochen...
Durch den Eiger-Express gehen laut den Bahnen in einem ersten Schritt 42 Arbeitsplätze verloren. Da verstehen wir die Gemeindeexekutiven nicht, die sich beklagen, dass junge Familien mangels Perspektiven wegziehen. Zudem müssten die Gemeinden für ein so grosses Projekt zwingend unabhängige Studien verlangen, die die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt aufzeigen. Diese fehlen unseres Wissens.

Die Hoteliers in Grindelwald sehen es positiv, sie erhoffen sich eine Belebung. Der Individualgast soll länger im Tal verweilen, während der Massentourismus über den Grund abgewickelt wird.
Der Eiger-Express, wie der Name schon sagt, befördert den Gast «per Express» aufs Joch und zurück. Die Fahrt mit der WAB von Lauterbrunnen oder Grindelwald auf den Eigergletscher gibt uns heute die Gelegenheit, für unsere Ferienregion zu werben. Mit dem Eiger-Express fällt diese weitgehend weg. Nach nur fünfzehn Minuten steigt der Gast auf dem Eigergletscher in den Tunnel um. Von diesem «beschleunigten Gast» können wir wirtschaftlich kaum profitieren.

Stichwort Kleine Scheidegg: Gegenüber dieser Zeitung hat Jungfraubahnen-CEO Urs Kessler gesagt, er wolle diesen Ort wieder in die Belle Epoque zurückführen, entflechten, aufwerten. Diese Aussage sollte Sie doch freuen?
Das ist das gleiche Thema wie die Situation beim Bahnhof Lauterbrunnen oder beim Shuttlebetrieb nach Wengen. Beide sind seit Jahrzehnten pendent. Seit Jahren existiert sogar ein Masterplan, umgesetzt wurde kaum etwas. Und nun sollen plötzlich alle diese Projekte realisiert werden? Ist das glaubwürdig?

Es wird auch gesagt, wenn man nicht in die Infrastruktur investiere, verliere die Region den Anschluss. Nicht nur in Andermatt wird mit der grossen Kelle angerichtet. Auch auf der Lenzerheide: Dort wird eine Verbindung nach Arosa geschaffen. Wollen Sie das Oberland konservieren?
In Andermatt und auf der Lenzerheide profitiert die gesamte Bevölkerung. Doch es ist schon so, mit unserem Standpunkt wird man in die Ecke der Ewiggestrigen und der Verhinderer gestellt. Als die Swissair oder die UBS ihren aggressiven Vorwärtskurs betrieben haben, gab es sicher auch mahnende Stimmen.

Nichtsdestotrotz, der Wintersport serbelt...
Dass das Skifahren bei uns rückläufig ist, hat nichts mit unserer mangelnden Infrastruktur zu tun. Auch in Zermatt ist dies so. Was sich erwiesenermassen positiv auf unseren Wintertourismus auswirken würde, wäre endlich eine direkte Verbindung zwischen First und Männlichen. Heute muss man dreimal umsteigen.

Auf der Kleinen Scheidegg haben Sie auch andere Gründe für Ihr Engagement. Ihr Bruder betreibt das legendäre Hotel Bellevue. Hat man Angst um die eigenen Pfründe?
Das Problem am V-Projekt ist, dass es dabei vermutlich hauptsächlich um Beförderungskapazitäten und eine noch kostengünstigere Abwicklung des Gruppentourismus Richtung Joch geht. Dieser Gruppentourismus entwickelt sich immer mehr zu einem Billigtourismus. Unser Tourismus in den Tälern ist jedoch viel komplexer. Er definiert sich primär über die intakte Landschaft und den Gast, der bei uns Ferien macht.

Man merkt, der vorherrschende Massentourismus ist Ihnen ein Dorn im Auge. Ist es ein Dilemma, dass sich das Oberland heutzutage unter Wert verkauft?
Ich zitiere Guglielmo Brentel, Präsident vom Branchenverband Hotelier Suisse. Er erklärte zum Tourismus Richtung Jungfraujoch: «Ich glaube aber, ohne europäische Gäste wird es schwierig für den Schweizer Tourismus. Wir müssen den Europäer unbedingt zurückholen.» Und er warnte: «Ich spreche von Treibern, die wollen, dass die Touristen auf die Jungfrau fahren, hinunterkommen, eine Uhr kaufen und weiterreisen. Das ist nicht in unserem Interesse. Wir leben vom Gast, der hierbleibt.» Dem ist nichts beizufügen.

Der Tourismus hat das Oberland von der Armut erlöst...
Wir können heute vom Massentourismus aufs Jungfraujoch nur bedingt profitieren. Die Entwicklung im lokalen Tourismus gibt Grund zu zunehmender Sorge. Würden wir im gleichen Ausmass wie die Jungfraubahn vom Massentourismus profitieren, hätten wir weniger Sorgen.

Interlaken Tourismus brüstet sich damit, neue Gästesegmente mit Indern, Chinesen und Arabern erschlossen zu haben. Ist das nichts wert?
Es geht um das gesunde Gleichgewicht. Dass man sich nicht in einseitige Abhängigkeit begibt, etwa von Gruppentourismus, Asien-Markt und so weiter. Wenn Interlaken so erfolgreich wäre als Tourismusort, warum werden so viele Hotels verkauft? Was macht man aus der einmaligen Lage zwischen zwei Seen und der Jungfrau in Griffnähe? Ich denke, man müsste mit aller Kraft auch den Individualtourismus fördern.

Zurück zum V-Projekt. Was passiert, wenn es realisiert wird?
Dann haben wir in den Lütschinentälern eine sehr wichtige Chance vertan, auch in Zukunft partnerschaftlich gegenüber der Jungfraubahn auftreten zu können. Die Jungfraubahn kann mit dem Eiger-Express das Jungfraujoch unabhängig von unserem lokalen Tourismus betreiben. Wir könnten also noch weniger am Erfolg des Jochs teilhaben.

Sie kämpfen als David gegen Goliath. Haben Sie weitere Aktionen geplant?
Wir tun weiterhin unser Möglichstes, um sachlich über die Konsequenzen dieses Projekts zu informieren. Wir werden alle sinnvollen Mittel und Möglichkeiten ausschöpfen. (Berner Oberländer)

Erstellt: 25.09.2013, 06:07 Uhr

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