Lauterbrunnen

Peter Wälchli: «Beim V-Projekt kennen wir die Investoren»

LauterbrunnenDas V-Projekt der Jungfraubahnen ist ein Jahrhundertprojekt. Ebenfalls betroffen ist die Gemeinde Lauterbrunnen mit ihren sechs Dörfern. Der Gemeindepräsident erklärt, warum das Vorhaben für das Tal wichtig ist.

Peter Wälchli ist Gemeindepräsident und Geschäftsführer der  Energie Elektro Plus EWL.  Im Hintergrund erkennt man das Wappen der Gemeinde Lauterbrunnen, die  aus   den Bezirken  Lauterbrunnen, Gimmelwald, Isenfluh, Mürren, Stechelberg und Wengen mit 3000 Einwohnern besteht.

Peter Wälchli ist Gemeindepräsident und Geschäftsführer der Energie Elektro Plus EWL. Im Hintergrund erkennt man das Wappen der Gemeinde Lauterbrunnen, die aus den Bezirken Lauterbrunnen, Gimmelwald, Isenfluh, Mürren, Stechelberg und Wengen mit 3000 Einwohnern besteht. Bild: Markus Hubacher

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Peter Wälchli, können Sie einige Gedanken zum Multimillionenvorhaben der Jungfraubahnen äussern ?
Peter Wälchli: Wir sind eingebettet in die Jungfrauregion. Das hat weiter reichende Auswirkungen, als wir uns vorstellen können. Ich denke da an den Verkehr, sowohl den öffentlichen, aber auch den individuellen. Den Tourismus als grosser Wirtschaftsfaktor. Und auf dem Eigergletscher sind wird durch Pistenanpassungen vom Projekt direkt betroffen.

Im März dieses Jahres unterschrieben die Gemeindepräsidenten von Lauterbrunnen und Grindelwald ein Moratorium, in dem das Vorhaben offiziell unterstützt wird. Ist das vorauseilender Gehorsam gegenüber den Jungfraubahnen?
Nein, überhaupt nicht. Es ist vielmehr das Ergebnis einer langjährigen Zusammenarbeit. Die ersten Gespräche dafür, die Visionen und Masterpläne mit einander zu diskutieren, fanden schon vor einigen Jahren statt. Denn die Kleine Scheidegg war in der Vergangenheit manchmal auch ein Streitpunkt zwischen den Gemeinden Lauterbrunnen und Grindelwald. Heute sind es Fragen zur Ver- oder Entsorgung der Kleinen Scheidegg und des Jungfraujochs oder der Organisation der Alpenfeuerwehr, die geklärt werden müssen. Aber ja, wir haben das Glück, in unserer Region starke Bahnen zu haben.

Haben die Gemeinden denn überhaupt was zu sagen bei diesem Vorhaben?
Auch die Jungfraubahnen müssen sich an die gesetzlichen Bestimmungen hatten. Es wird Baubewilligungsverfahren und Überbauungsordnungen geben, über die der Stimmbürger direkt entscheiden kann.Und die Landbesitzer nehmen bereits heute starken Einfluss auf das Vorgehen der Jungfraubahnen. Jede Partei will ihre Interessen durchsetzen, das ist durchaus legitim.

Wie stark ist Lauterbrunnen von den Jungfraubahnen abhängig? Ein Beispiel ist der Bahnanschluss nach Wengen.
Wir sind abhängig, das ist kein Geheimnis. Aber es ist eine gegenseitige Abhängigkeit, ohne einander können weder Jungfraubahnen noch Gemeinde agieren. Es ist eine Frage, wie man miteinander umgeht. Da hat sich meiner Meinung nach in den vergangenen Jahren viel geändert. Man kann heute konstruktiv miteinander diskutieren. Heutzutage ist es wichtig, dass wir nicht mehr nur ortsspezifisch Entscheidungen treffen, sondern die ganze Region im Fokus haben.

Das tönt liberal, hat die Regionalkonferenz dazu beigetragen, dass die Gemeinden über ihren Gartenzaun hinaus denken?
Aus meiner Sicht stark: Für mich als Gemeindepräsident ist es dankbar, mich regelmässig mit Amtskollegen austauschen zu können. Man kennt die Nöte und Sorgen der Gemeinden in der Region. Das öffnet ein bisschen den Weitblick. Eines ist klar: Herausforderungen wie Verkehr, Gesundheitsversorgung oder Energierichtplanung machen vor Gemeindegrenzen nicht halt.

Zurück zum V-Projekt: Für Lauterbrunnen dürfte wohl der Teilaspekt WAB Plus von grösstem Interesse sein?
Die Mobilitätsentwicklung macht es der Gemeinde nicht einfach, für eine nachhaltige Entwicklung zu sorgen, denn die Anforderungen sind gestiegen. Da nimmt das V-Projekt die Gesamtverkehrsproblematik auf. Neben neuen, komfortableren Panoramazügen ist es auch vorgesehen, dass die Gäste und Einheimische von Wengen ein eigenes Perron erhalten. Ein Pendelverkehr und damit die Abkopplung vom Verkehr auf die Grosse Scheidegg sind ebenfalls angedacht. Mit den Millioneninvestitionen in den Doppelspurausbau von Wengen auf die Kleine Scheidegg haben die Bahnen ja bereits vorgelegt.

Nichtsdestotrotz plagen Lauterbrunnen auch Sorgen...
Auf den Terrassen Wengen und Mürren gab es in den Jahren eine Abwanderung, dies wurde aber durch die Zuwanderung im Tal aufgefangen. Wir brauchen eine bessere Organisation vor Ort. Ein Gast, der mit dem Flugzeug reist, hat in Zürich noch eine weite Reise vor sich. Der Transfer ist nicht überall gut gelöst. Das ist eine Herausforderung für Gemeinde, Tourismus und Bahnen.

Was müsste dringend angegangen werden?
Für den Gast ist die heutige Situation sicher nicht optimal. Wenn eine Familie nach Wengen reisen will, das Parkhaus in Lauterbrunnen voll ist und die Züge überfüllt sind, ist das eine schlechte Situation. Wenn wir gemeinsam eine Lösung suchen, haben Orte wie Gimmelwald, Mürren oder Wengen längerfristig eine Chance. Aber dafür muss man über den Tellerrand schauen. Beim V-Projekt bin ich zuversichtlich.

Stirbt die Hoffnung zuletzt?
Es wird immer davon gesprochen, den Gast besser abzuholen. Aber dafür müssen wir aus dessen Position agieren. Das V-Projekt bring eine qualitative Verbesserung. Es ist nicht ein Einzelprojekt mit der neuen 3S-Bahn von Grindelwald-Grund auf den Eigergletscher. Dazu gehört auch die Revision der Ortsplanung, etwa mit dem Entwicklungsgebiet Dorfeingang/Bahnhofareal Lauterbrunnen. Das müssen die Bürger sehen: Wenn wir nicht offen diskutieren, haben wir nie ein ganzheitliches Resultat.

Ein Beispiel: Wie kommt ein Gast zur Talstation Stechelberg?
Mit dem Auto ist es klar. Mit dem ÖV wirds schwieriger. Zu einem guten Auftritt gehören auch die Beschriftung oder Beleuchtungen. Der erste Eindruck ist entscheidend, und der muss verbessert werden. Der Gast will in die Ferien gehen und sich nicht mit nicht zu Ende gedachten Verkehrslösungen herumschlagen. Gewisse Sachen sind einfach über die Jahre gewachsen, und nun ist es an der Zeit, diese zu optimieren.

Man hätte die 3S-Bahn aber auch in Lauterbrunnen bauen können...
Hinter solchen Projekten stehen primär die Finanzen. Wunsch und Wirklichkeit klaffen da auseinander. Es gab schon andere visionäre Projekte, die zwar schön, langfristig aber finanziell nicht tragbar waren. Ein Beispiel dafür ist das Sportzentrum Mürren, das die Gemeinde seit Jahrzehnten finanziell belastet.

Weitere Probleme?
Als Beispiel nenne ich die Zweitwohnungsproblematik. Sinnigerweise sind es primär nicht Orte wie Wengen oder Mürren, die uns Probleme bereiten. Es ist eine Tatsache: Die Leute wandern ab, die ältere Generation stirbt aus, dann wird die Wohnung automatisch zur Zweitwohnung, ob man will oder nicht. Davon sind eben auch die kleinen Orte betroffen.

Wie lautet das Patentrezept?
Wir haben nur eine Chance, unsere bekannten Orte auf den Terrassen zu erhalten, nämlich wenn die Infrastruktur stimmt. Denn eine moderne Verkehrsanbindung ist für junge Familien ebenso wichtig wie für die ältere Generation. Ansonsten ist es eine Frage der Zeit, dass gewisse Orte aussterben. Dazu gehören natürlich auch Schulinfrastrukturen, die wir derzeit für 6,5 Millionen Franken aufrüsten.

Auf dem Eigergletscher spielt die Bergschaft Wengernalp das Zünglein an der Waage beim V-Projekt. Wie ist die Tendenz dort?
Ich selber bin in der Begleitgruppe, die von Adolf Ogi geleitet wird. Da habe ich ein offenes und konstruktives Verhalten kennen gelernt. Durchaus auch kritisch. Bei den Bergschaften habe ich das Gefühl, sie müssten den Schritt machen und das Vorhaben gesamtregional betrachten. Sonst läuft es nur darauf hinaus, wer wie viel Überfahrtsrecht erhält.

Was passiert, wenn das V-Projekt scheitert?
Es ist klar, jedes Projekt birgt Risiken, aber auch Chancen. Eine Gemeinde schaut zuerst zum Wohl der Allgemeinheit, das entspricht nicht immer den Interessen des Einzelbürgers. Wenn das Projekt nicht kommt, werden viele Infrastrukturinvestitionen hinten angestellt. Und die Konkurrenz schläft nicht, wir haben einen Nachholbedarf bei der Infrastruktur. Und: Beim V-Projekt kennen wir die Investoren. In Andermatt etwa sind die Risiken ungleich höher. Aber was dort qualitativ passiert, ist unglaublich. Das sind die Anforderungsprofile der nächsten Jahre. Und qualitativ müssen wir uns steigern: bei den Hotels, den Bahnen und der Gästebetreuung. Denn wenn das Geschäft plötzlich rückläufig wird, können auch die vielen Infrastrukturen nicht erhalten werden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.09.2013, 08:07 Uhr

Die neuen Bahnen fahren ab Grindelwald-Grund und erschliessen
den Eigergletscher und den Männlichen. Rot markiert die Jungfraubahn. (Bild: zvg)

Serie

In einer losen Serie beziehen Entscheidungsträger aus Tourismus, Gewerbe und Politik Position zum V-Projekt der Jungfraubahnen. Bisher äusserten sich Bruno Brawand, Präsident von Grindelwald Hotels (1.6.), Peter Egger, Präsident von Grindelwald Tourismus ( 15.6.), Emanuel Schläppi, Gemeindepräsident von Grindelwald (29.6), Marianne Bomio-Rubi, Bergschaftspräsidentin Wärgistal (3.8.), Urs Kessler, CEO Jungfraubahnen (17.8).

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