«Wer sonst sollte investieren, wenn nicht die Jungfraubahnen?»

Grindelwald

Das V-Projekt sorgt seit der ersten Präsentation für Diskussionen in Grindelwald. Ruedi Bhend, ehemaliger Gemeinderat und Kommissionsmitglied weiss, wo touristisch der Schuh drückt.

Ruedi Bhend in seinem Metallbaubetrieb an der Dorstrasse in Grindelwald. Hier werden immer noch die legendären Bhend-Pickel hergestellt. Er sass früher im Gemeinderat und engagierte sich in verschiedenen Kommissionen.

Ruedi Bhend in seinem Metallbaubetrieb an der Dorstrasse in Grindelwald. Hier werden immer noch die legendären Bhend-Pickel hergestellt. Er sass früher im Gemeinderat und engagierte sich in verschiedenen Kommissionen.

(Bild: Markus Hubacher)

Das V-Projekt ist ein grosses Thema, wahrscheinlich ist es das grösste bahntouristische Vorhaben seit dem Bau der Jungfraubahn, die 1912 eingeweiht wurde. Wie ist Ihre Haltung dazu?Ruedi Bhend:Grundsätzlich ist es für mich ein Glücksfall, dass wir mit den Jungfraubahnen einen Partner und Investor in der Region haben, den wir kennen und der 200 Millionen Franken investieren kann und will. Wir müssen also keinen Investor suchen. Das sagt schon viel aus. Denn wir müssen attraktiver werden im Wintersport, da haben wir in jüngster Zeit nicht geglänzt.

Das bedeutet? Andernorts wird viel getan für den Wintersport. Da können wir nicht hintenanstehen. Der Gast von heute verlangt einiges an Infrastruktur, das müssen wir bieten. Wir sind darauf angewiesen, dass endlich etwas passiert.

Als ehemaliger Gemeinderat und Mitglied verschiedener Kommissionen haben Sie das Geschehen in der Gemeinde lange mitgeprägt. Was hat sich verändert aus Ihrer Sicht? Ich glaube, was sich verändert hat, ist die Schnelllebigkeit, das hat Auswirkungen auf den Tourismus. Gäste, die 14 Tage in die Ferien kommen, sind selten geworden. Dazu kommt die Mobilität, man ist heute ziemlich schnell von der Stadt Bern in Zermatt. Auch der Weg nach Österreich ist nicht so weit zum Skifahren. Das ist eine Herausforderung, noch mithalten zu können.

Der Wintersport ist generell rückläufig... Durch unsere Hochpreissituation steht die Schweiz klar hinter Österreich und dem Südtirol. Mit diesem Nachteil dürfen wir nicht noch schlechter sein. Im Gegenteil, wir müssen fast mehr bieten als die Mitbewerber. Das ist aber nicht der Fall. Deshalb ein Ja für das V-Projekt.

Wenn man im Winter unterwegs ist, hat man nicht das Gefühl, dass Grindelwald zu wenig Gäste hat. Haben Sie keine Angst vor noch volleren Pisten? Ich glaube, diese Gefahr ist nicht gegeben. Endlich haben wir fast durchgehend beschneite Talpisten, mit einer schnelleren Bahn können diese ebenfalls besser genutzt werden.

Das muss sich noch zeigen... Es ist doch so: Wenn die Pisten nicht voll sind, ist ein Betrieb kaum rentabel. Man kannte diese Pro-und-Kontra-Diskussion schon damals, als die Firstbahn neu gebaut wurde. Einige Leute vertraten die Ansicht, es solle vor allem eine Bahn für den Gast von Grindelwald sein. Das geht jedoch nicht, nur mit den notwendigen Frequenzen kann ein Betrieb rentabel gestaltet werden. Die Bahn kostet sehr viel, Beschneiung und Pistenpräparation sind ebenfalls kostenintensiv.

Der Massentourismus ist für Grindelwald Fluch und Segen zugleich. Was erhofft man sich im Dorf von der neuen Bahn? Ich denke, man könnte mit dieser Masse, die vielfach kritisiert wird, auch mehr machen.

Ideen? Ich weiss nicht, ob man die Leute im Grund noch besser abholen und zumindest für einen Moment ins Dorf bringen könnte

Die desolate Situation im Grund soll mit einem Masterplan entschärft werden, beispielsweise ist ein Parkhaus angedacht. Doch was viele Leute stört, ist die Haltung der Jungfraubahnen: Es gibt keinen Plan B, entweder das V-Projekt oder keine neue Bahn. Risiken sehe ich dabei keine, nur Chancen.

Ist das V-Projekt nicht ein Klumpenrisiko: Es braucht zwei Gemeindeabstimmungen zu Zonenplanänderungen, zwei Bergschaften müssen auch Ja sagen. Für mich wäre es das Schlimmste, wenn wir den gleichen Fehler wie vor 30 Jahren machen würden. Damals war die Haltung in Grindelwald: Beschneiung ist etwas Wunderbares, aber wir brauchen das nicht. Darunter haben wir 20 Jahre gelitten. Heute sind wir zum Glück einigermassen auf dem aktuellen Stand. Dasselbe Szenario droht bei einer Ablehnung des V-Projekts, doch die Auswirkungen auf das Tal wären auf lange Sicht verheerender.

Grindelwald und Rückständigkeit werden oft in einem Atemzug genannt. Die Realität ist doch etwas anders: Das Zentrum wird für 30 Millionen neu gestaltet, und es wird sogar in neue Hotelbetriebe investiert. Das stimmt, aber punkto Attraktivität der Bahnen sind wir nicht mehr top, das muss man ganz klar sehen. Ich gehe sehr viel an anderen Orten skifahren und muss eingestehen: Grindelwald hat Nachholbedarf. Die Männlichenbahn hätte man schon vor 10 Jahren ersetzen sollen.

Was ist mit der Wengernalpbahn (WAB)? Die WAB ist eine wunderbare Bahn, aber nicht für den Skifahrer. Dieser will skifahren und möglichst schnell im Gebiet sein.

Kritiker monieren, die neue 3-S-Bahn diene nur dazu, noch mehr Leute noch schneller aufs Joch zu bringen. Natürlich wollen die Jungfraubahnen auch das Joch in die Neuinvestition miteinbeziehen. Die Situation auf dem Joch ist Sache der Bahnen, aber mit einem schnellen Skigebietszubringer kann das Tal nur profitieren.

Landschaftlich ist das Ganze umstritten: Mit bis zu 60 Meter hohen Masten wird sich das Landschaftsbild für immer verändern. Hat man nicht auch Angst, das wertvollste touristische Gut – die intakte Landschaft – aufs Spiel zu setzen? Ich glaube nicht. Weil, man erschliesst ein Gebiet touristisch ja nicht neu. Würde man die Bahn aufs Faulhorn bauen, hätte ich meine Bedenken und Verständnis für die Kritiker. Doch im Gebiet gibt es schon die WAB und die Männlichenbahn.

Man spricht von Vorteilen für die Region, für Grindelwald. Sie sind Unternehmer: Was hat der Normalbürger davon, gibt es Chancen, oder geht der Touristenstrom künftig einfach an Grindelwald vorbei? Man muss die Gesamtsituation betrachten: Florieren die Jungfraubahnen, geht es allen gut. Aber wir müssen touristisch attraktiv sein, und dafür braucht es Infrastruktur.

Andere Frage: Was passiert, wenn das Projekt scheitert? Grindelwald hat über eine Million Logiernächte jährlich, deren Zahl würden wohl kaum zusammenbrechen? Nein, die nächsten Jahre passiert sicher nichts. Aber: Der Winter war schon die vergangenen Jahre das Sorgenkind, Zahlen aus den 90er-Jahren konnten nicht mehr erreicht werden. Doch weil wir eine fast gleich starke Sommersaison haben, konnten wir den Rückgang immer kompensieren.

In einem ersten Schritt wollen die Jungfraubahnen Arbeitsplätze reduzieren... Kurzfristig kann es sein, dass Arbeitsplätze an der WAB verloren gehen. Doch auch die neue Bahn braucht Personal, und wenn wir uns touristisch weiterentwickeln, ist die Chance grösser, sogar neue Arbeitsplätze zu generieren.

Geht es den Grindelwaldern zu gut? Man diskutiert darüber, ob 200 Millionen investiert werden sollen oder nicht... Am Hasliberg haben die Bahnen Probleme, in Saanen muss die öffentliche Hand regelmässig Geld einschiessen. Wer sonst sollte investieren, wenn nicht die Jungfraubahnen?

Die Jungfraubahnen versprechen vieles: Neben der Entflechtung im Grund will man auch die Kleine Scheidegg aufwerten, die Verbindung nach First soll verbessert werden und, und, und. Hat die Gemeinde überhaupt einen Spielraum? Im Moment sieht man anhand der Überbauungsordnung, was konkret gebaut werden soll. Seitens Gemeinde sind Einflussnahmen schwierig, die finanzielle Situation lässt keinen grossen Spielraum zu. Was wichtig wäre, wenn man die Umfahrungsstrasse noch verbessern könnte, eine neue Umfahrung wird kaum möglich sein.

Sie sind ein Befürworter, doch viele Leute sind unschlüssig, mitunter haben sie Angst. Etwa, dass sich noch grössere Touristenströme über das Tal ergiessen. Was sagen Sie denen? Die Bahn ist die Chance für Grindelwald. Viele Leute betrachten es als selbstverständlich, dass wir ein finanzstarkes Bahnunternehmen haben. Gleichzeitig muss die Gemeinde keine finanziellen Abenteuer eingehen. Punktuell sind sicher Mehrausgaben möglich. Doch für potenzielle, weitere Investoren wäre die neue Bahn sicher ein wichtiges Signal.

Berner Oberländer

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