Berner Oberland

«Wir haben noch Potenzial ausserhalb der Schifffahrt»

Berner OberlandIm August hat Claude Merlach die Leitung der BLS Schifffahrt übernommen. Er sieht das Potenzial, den Betrieb eigenwirtschaftlich zu organisieren.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Claude Merlach, was hat Sie dazu getrieben, nach einem halben Leben bei den relativ soliden Bundesbahnen bei der Schifffahrt anzuheuern, die sich in einem schwierigen Umfeld bewegt?
Claude Merlach: Es ist eine Herausforderung – und ich fühle mich mit der Schifffahrt und dem Element Wasser emotional stark verbunden. Die Schifffahrt ist ein sehr positiv besetztes Produkt.

Das haben Ihre Vorgänger alle auch schon gesagt – aber keiner hats geschafft, aus diesen Emotionen richtig Geld zu machen. Was wollen Sie besser machen?
Hans Meiner hat eine sehr gute Basis geschaffen, indem er das Angebot wieder hochgefahren hat, nachdem es stark reduziert worden war. Er konnte einen Gegentrend einleiten, und ich glaube, dass ich darauf aufbauen kann. Die Frage bleibt jedoch dieselbe: Wie füllen wir diese Schiffe jetzt noch besser, und wie organisieren wir den Betrieb so, dass wir wieder einen Gewinn erwirtschaften, der uns einen gewissen Handlungsspielraum lässt? Aber um bereits Lösungen präsentieren zu können, bin ich noch zu wenig lange im Amt.

Wenn Sie noch keine Lösungen haben, so doch bestimmt Ideen?
Es gibt für mich zwei Richtungen, die ich sehe: Erst einmal müssen wir versuchen, unser Kerngeschäft Schifffahrt noch besser machen zu können. Wir können es wahrscheinlich noch intensiver als emotionales Erlebnis vermitteln und verkaufen.

Dieser Ansatz ist aber weder neu noch bahnbrechend ...
Richtig. Deshalb möchte ich auch, dass wir unabhängiger werden vom Wetter. Ich denke da an Charterfahrten oder an Gruppen. Die Frage muss lauten: Wie bringe ich Touristen dazu, neben dem Jungfraujoch auch den Thuner- oder Brienzersee zu besuchen? Da sehe ich Chancen, und da müssen wir zusammen mit Partnern aktiv werden.

Und sonst?
Ich denke, wir haben auch noch Potenzial ausserhalb der Schifffahrt. Nehmen wir zum Beispiel unser eigenes Verkaufsartikelsortiment, aber auch das Sortiment auf den Schiffen – ich frage mich, ob wir da schon alle Möglichkeiten ausgelotet haben. Auch in der Werft haben wir enormes Know-how und auch technische Ausrüstung, die vielleicht für Dritte attraktiv ist.

Sie haben vom BLS-Verwaltungsrat den Auftrag erhalten, eine neue Strategie für die Schifffahrt zu erarbeiten. Was bedeutet das für die Flotte, konkret z.B. die stillgelegte «Stadt Bern» auf dem Thunersee?
Wir machen jetzt eine grundlegende interne und externe Analyse, um festzustellen, was wir heute und in Zukunft alles brauchen. Daraus wird sich ergeben, wie viele Schiffe wir noch brauchen und wie gross die sein müssen.

Stichwort Werft: Den Kern der technischen Ausrüstung – die 12,8 Millionen teure Werfthalle – wollen Sie auf Kosten der Steuerzahler neu bauen. Ein ambitioniertes Unterfangen in einem finanziell gebeutelten Kanton.
Dessen sind wir uns bewusst. Derselbe Kanton hat aber bereits 2007 entschieden, dass wir keine Betriebsbeiträge mehr erhalten – und damit eine schweizweit einzigartige Situation geschaffen. Im Vergleich zu uns profitieren die Schifffahrtsgesellschaften beispielsweise auf dem Genfer- oder dem Zürichsee jährlich von erklecklichen öffentlichen Beiträgen. Wir haben unseren Betrieb dadurch so weit optimiert, dass wir kaum mehr Geld verlieren – aber vor allem dadurch auch kein Geld mehr verdienen, mit dem wir irgendwo grössere Investitionen tätigen könnten.

Sind Sie der Meinung, dass die BLS Schifffahrt dadurch, dass Sie keine Betriebsbeiträge mehr vom Kanton erhält, ihren Sparbeitrag geleistet hat?
Die BLS hat in den letzten Jahren mehrere Millionen in die Schifffahrt investiert, und damit ihren Teil dazu beigetragen.

Wären Sie als Seeländer überhaupt auf die Stelle im Oberland aufmerksam geworden, wenn Sie nicht aus gemeinsamen Zeiten bei den SBB Kontakt mit Ihrem jetzigen Vorgesetzten Andreas Willich gehabt hätten?
Nein, von mir aus wäre ich nicht auf die Idee gekommen. Andreas Willich erwähnte einmal beiläufig in einem Gespräch, dass Hans Meiner definitiv in den Ruhestand gehe – mehr nicht. Ich war gerade in einer einjährigen Auszeit und nahm diese Information einfach mal zur Kenntnis. Plötzlich begann es dann «zu drehen», und ich fing an, mich ernsthaft mit der Idee zu befassen, mich auf die Stelle zu bewerben – was ich dann auch tat. Denn es ist eigentlich der schönste Job, den man sich wünschen kann – wenn man den finanziellen Druck jetzt mal ausklammert.

Wie hat die Familie reagiert?
Meine Mutter war begeistert, denn mein Vater selig war totaler Blümlisalp-Fan. Dass ich «Chef» dieses Schiffs bin, wäre für ihn ein absolutes Highlight. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 07.11.2014, 07:43 Uhr

Zur Person

Der 47-jährige Seeländer Claude Merlach war zuletzt Leiter der Vertriebsregionen des SBB Personenverkehrs und verantwortlich für 190 Verkaufsstellen mit rund 2000 Mitarbeitenden. Er kann auf eine über zwanzigjährige Laufbahn im öffentlichen Verkehr zurückblicken. Er betont, er habe einen starken Bezug zum Wasser – nicht nur, aber auch dank seines Hobbys Schwimmen. Daneben ist Claude Merlach leidenschaftlicher YB-Fan. «Von daher bin ich Herausforderungen gewohnt», sagt er augenzwinkernd.

Kommentar

Hand aufs Herz: Wer hätte erwartet, dass die BLS Schifffahrt nach einem derart verregneten Sommer einen Zuwachs an Fahrgästen auf Thuner- und Brienzersee ausweisen würde? Natürlich heisst ein Passagierplus nicht zwingend, dass im Frühling 2015, wenn die BLS ihr Gesamtergebnis bekannt gibt, auch Schwarze Zahlen für die Schifffahrt ausgewiesen werden. Zur Erinnerung: Auch 2013 resultierte bei vergleichbaren Passagierzahlen ein Betriebsergebnis mit einem Minus von mehr als einer Million Franken.

Trotzdem zeigen die Passagierzahlen der Sommersaison 2014, dass die BLS Schifffahrt grundsätzlich auf dem richtigen Weg ist. Wer ein derart schönwetterabhängiges Produkt wie die Schifffahrt anbietet und in einem historisch verregneten Sommer mehr Passagiere befördert als im Vorjahr, macht irgendetwas richtig. Zudem zeigen die Vergleiche der Passagierzahlen mit den Vorjahren, dass Massnahmen wie die Verlängerung des Sommerfahrplans oder die Einführung der Winterschifffahrt Früchte tragen.

Die Tendenz bei den Passagierzahlen zeigt in den letzten
Jahren klar nach oben – und dies, obwohl die Infrastruktur nie wesentlich ausgebaut wurde. Kein neues oder grundlegend erneuertes Schiff wurde in den letzten Jahren auf Thuner- oder Brienzersee in Betrieb genommen – und trotzdem zeigt die Erfolgstendenz bei der Schifffahrt nach oben.

Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier im Grossen Rat tun deshalb gut daran, dem Millionenbeitrag an den Bau einer neuen Werfthalle zuzustimmen und nicht aus blinder Sparwut und falscher Angst vor staatlicher Unterstützung für die Schifffahrt den Sparhammer fallen zu lassen. Denn hier geht es um mehr als einen ideologischen Grabenkampf: Es geht darum, ein sich erholendes Zugpferd einer ganzen Branche endgültig fit zu machen – oder zu töten.

Marco Zysset, Redaktor
m.zysset@bom.ch

Artikel zum Thema

Mehr Gäste auf Thuner- und Brienzersee

Berner Oberland Die BLS Schifffahrt hat trotz lausigen Sommerwetters bis Ende Oktober total 1 Prozent mehr Passagiere befördert als 2013. Mehr...

Fast 13 Millionen für die Werfthalle

Thun Der Kanton Bern soll die BLS Schifffahrt beim Bau der neuen Werfthalle in Thun unterstützen. Die Regierung beantragt dem Grossen Rat einen Investitionsbeitrag von insgesamt 12,8 Millionen Franken. Mehr...

Feines Zmorge auf dem Wasser

Ausflug: bis 19. Oktober 2014 Starten Sie in den Tag mit einem gluschtigen Zmorge an Bord eines der Schiffe der Bielersee Schifffahrt. Ob auf dem Bielersee, der Aare oder auf den drei Seen: Sie wählen die Route und Ihr Frühstück. Geniessen Sie den Morgen und das einmalige Panorama. Mit der Tageskarte können Sie zudem auch den Nachmittag auf dem Wasser verbringen. Mehr...

Marktplatz

Immobilien

Kommentare

Die Welt in Bildern

Das grösste Tier der Erde: Ein Besucher des Royal National Parks, südlich von Sydney, Australien, betrachtet einen toten Wal, der an die Wattamolla Beach angespült wurde. (24. September 2018).
(Bild: Dean Lewins) Mehr...