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«Die Tage vergehen extrem schnell!»

Nach 100 Tagen im Amt spricht Steffisburgs Gemeindepräsident Jürg Marti (30, SVP) über das Ausgeliefertsein und Lernprozesse.

Seit 100 Tagen verstärkt im Rampenlicht: Steffisburgs Gemeindepräsident Jürg Mari (SVP) vor dem Gemeindehaus.
Seit 100 Tagen verstärkt im Rampenlicht: Steffisburgs Gemeindepräsident Jürg Mari (SVP) vor dem Gemeindehaus.
Markus Hubacher

Ist Jürg Marti im Juli 2009 noch die selbe Person, wie er es im Herbst 2008 war? Ja. Aber mein Hintergrund und mein Umfeld sind heute anders als damals.

Sie haben von der Privatwirtschaft in die Politik gewechselt, sind jetzt «Chef» einer grossen Gemeinde und auch noch Vater geworden. Wie haben Sie die vielen grundlegenden Veränderungen bewerkstelligt? Das passierte alles Schlag auf Schlag, ich nahm eines ums andere. Ich war schon vor meinem Amtsantritt darum bemüht, Geschäft, Politik und Familie unter einen Hut zu bringen. Heute nutze ich die Zeit daheim intensiver. Zudem habe ich «nur» noch zwei Rollen – die politische und die private.

Wie haben Sie sich in Ihrem neuen Beruf eingelebt? Ich bin in einem ganz anderen Umfeld tätig. Ich kann am Morgen nicht ins Büro kommen und im Alleingang Entscheide fällen. Dafür arbeite ich eng und intensiv mit den verschiedenen Verwaltungsstellen zusammen – und bin den Bürgern Rechenschaft schuldig. Das ist für mich noch immer ein Lernprozess, den ich mit viel Interesse und Freude durchlaufe. Und es entstehen immer wieder sehr konstruktive Diskussionen.

Wer lernt mehr von wem: Die langjährigen Verwaltungsangestellten vom jungen Ex-Privatwirtschafter oder umgekehrt? Ich hoffe, dass dieses Lernen gegenseitig ist. Ob es mir gelingt, einen frischen Wind in die Verwaltung zu bringen, kann ich selber nicht beurteilen. Auf der anderen Seite treffe ich hier sehr interessante und kompetente Persönlichkeiten, von denen ich viel lernen kann. Ich war mir immer bewusst, dass ich der Verwaltung und dem Ratskollegium anfänglich ausgeliefert sein werde.

Das Wort «ausgeliefert» beinhaltet auch, dass Sie bis zu einem gewissen Grad hilflos sind... Absolut. Wenn ich die Informationen, die ich für meine tägliche Arbeit brauche, nicht oder nur verspätet erhalten würde, wäre ich verloren. Das ist in der Privatwirtschaft genau gleich. Ich darf aber betonen, dass ich nie den Eindruck hatte, diese Abhängigkeit würde ausgenutzt. Ich wurde vom ersten Tag weg sehr offen und warmherzig aufgenommen und unterstützt.

Können Sie da etwas konkreter werden? Ich fing am ersten April an und wünschte, am zweiten alle Abteilungen persönlich zu besuchen. In der Nacht um zehn nach vier kam unser Sohn zur Welt, danach besuchte ich zusammen mit meinem Vorgänger Hans Rudolf Feller noch einen Termin und um neun Uhr gings hier los. Ich spürte, dass bei den rund 80 Mitarbeitenden eine grosse Motivation herrscht und wurde immer wieder überrascht – sei es mit einem Apéro im Werkhof oder versteckten Schokolade-Osterhasen in meinem ganzen Büro.

Inwiefern ist der Tagesablauf als Gemeindepräsident für Sie anders als früher? Ich habe den Eindruck, die Tage vergehen hier rasend schnell. Ich kann kaum einen halben Tag ununterbrochen an einem Geschäft arbeiten, weil immer wieder etwas noch gerade dringend geklärt werden muss.

Gibt es Dinge, die Sie bereits geändert haben? Das sind höchstens kleine Änderungen, die ich jeweils direkt einfliessen lasse. Es macht keinen Sinn, ein gut funktionierendes System radikal verändern zu wollen oder auf eine Person auszurichten. Wenn ich morgen nicht zur Arbeit kommen kann, muss die Gemeinde genau gleich weiterlaufen können. Was ich verstärkt habe, sind regelmässige Besprechungen mit Abteilungsleitern und Dritten.

Welches sind die wichtigsten Projekte, die in der nächsten Zeit anstehen? Die Entwicklung des Bahnhofgebiets gehört sicher dazu. Diese ist mit dem Projekt Bypass Thun-Nord verknüpft, welches auch ein grosser Brocken ist. Weiter wird uns der Aufbau der Regionalkonferenz in nächster Zukunft stark beschäftigen.

In der letzten Sitzung des Grossen Gemeinderates zeigte sich, dass die politische Schonzeit für Sie als «höchsten Lernenden» von Steffisburg vorbei ist. Die Wahlen 2010 sind in Sichtweite und der Tonfall wird härter. Wie gehen Sie damit um? Im ersten Moment war ich enttäuscht, ich glaube, das ist menschlich. Aber damit muss ich umgehen können. Ich will kritische Voten ernst nehmen und nicht abprallen lassen. Das wäre die falsche Taktik. Mir ist auch bewusst, dass ich nur wenige Monate ruhig arbeiten kann, bevor der Wahlkampf in meinem Umfeld wieder voll losgeht.

Ich persönlich konzentriere mich allerdings nicht auf den Wahlkampf, sondern auf meine Arbeit, welche ich bestmöglich ausführen will.

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