Thun

Eine Ehe, zwei Denkweisen

ThunDurch ihre Beziehung wurde Katrin Bentley mit dem Asperger-Syndrom vertraut. Heute coacht sie in Australien und hierzulande Betroffene und Angehörige. Zur Zeit arbeitet sie in Thun an ihrem ersten deutschsprachigen Buch.

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Als Katrin Bentley vor 26 Jahren den Entschluss fasste, nach Australien auszuwandern, war ihr zwar bewusst, dass die Entscheidung ihr Leben verändern würde. Dass die Veränderung weit über die Sprache, die Umgebung und das soziale Umfeld hinausreichen würde, das ahnte sie aber nicht. Die Auswanderung sollte sie mit einer völlig anderen Art, die Welt zu begreifen, konfrontieren.

«Eine spezielle Ausstrahlung»

Katrin Widmer, wie sie damals hiess, wuchs in Thun auf und wurde Primarschullehrerin. «Irgendwann wollte ich ein Abenteuer erleben und reiste für drei Monate nach Australien», erzählt sie. Kurz vor der Heimreise lernte sie einen Mann kennen. «Einen Mann mit einer ganz speziellen Ausstrahlung, das fiel mir sofort auf.»? Wieder zurück in der Schweiz erhielt sie bald Besuch aus Australien. Sie und der junge Australier verliebten sich.

Als er wieder abreisen musste, stand das Paar vor einer Entscheidung. «Statt die Beziehung abzubrechen entschlossen wir uns zu heiraten, ganz kurzfristig», sagt sie. Die Thunerin wanderte, nun als Katrin Bentley-Widmer, nach Australien aus. «Im Nachhinein muss ich sagen: ganz naiv. Ich gab alles auf, meinen Job, meine Familie, meine Freunde.»

Nicht nur die Sprache

Auf die anfängliche Euphorie folgte bald die Ernüchterung: Ihr Mann war vollkommen mit seinem Beruf beschäftigt und zeigte kaum Interesse, etwas mit seiner Frau zu unternehmen. Nach der Arbeit war er müde und zog sich lieber zurück. Katrin Bentley, die «down under» nicht als Lehrerin arbeiten konnte, hatte Schwierigkeiten, einen Job zu finden. Bald überkam sie eine unheimliche Einsamkeit und grosses Heimweh nach ihrer Familie und ihren Schweizer Freunden. «Ich fühlte mich grauenhaft allein in Brisbane und vermisste den See und die Berge zutiefst.»

Immer wieder kam es zudem zu Missverständnissen zwischen ihr und ihrem Mann, immer wieder gab es Situationen, in denen sich beide völlig falsch verstanden fühlten. «Erst hatten wir das Gefühl, es sei die Sprache. Aber als ich immer besser Englisch konnte, merkten wir, dass es etwas anderes war», sagt sie. «Wir sind nicht nur Schweizer und Australier, sondern wir sind im ganzen Denken, in der ganzen Wahrnehmung verschieden.»

Ein Buch lieferte die Erklärung

Es war schliesslich ein Buch des britischen Psychologen Tony Attwood, das Katrin Bentley die Augen öffnete: «Ich erkannte so viele unserer Alltagssituationen wieder», sagt sie. So viele, dass ihr eins klar wurde: Ihr Ehemann hat das Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus (siehe Infobox).

Das erklärte unter anderem sein aussergewöhnliches Talent in seinem Beruf, sein grosses Bedürfnis nach Ruhe und Einsamkeit, seine enorm ausgeprägte visuelle Vorstellungskraft, seine extrem detaillierte Wahrnehmung, sein photographisches Gedächtnis und seine aussergewöhnliche Kapazität, ihm wichtige Informationen im Kopf zu speichern. Es erklärte aber auch seinen Dauerstress und die zahlreichen Kommunikationsprobleme, die sich dem Paar immer wieder in den Weg stellten.

Je mehr sich die beiden von da an mit dem Syndrom beschäftigten, umso grösser wurde das Verständnis für die jeweils andere Denkweise. «Nach 18 Jahren hatte ich endlich Gelegenheit, meinen Mann besser zu verstehen», sagt die heute 53-Jährige. Auch ihrem Mann sei es so ergangen: «Für Leute mit dem Asperger-Syndrom sind wir nämlich auch komische Käfer.»

Eine Schwäche wie andere

Bei Personen mit Asperger-Syndrom ist vor allem die Fähigkeit der verbalen und nonverbalen Kommunikation beeinträchtigt. Wer nicht «zwischen den Zeilen lesen» kann, oder etwas nicht?«durch die Blume sagen» kann, gerät unweigerlich in unangenehme Situationen. «Aspies», wie sich Menschen mit Asperger-Syndrom im englischsprachigen Raum nennen, weichen daher sozialen Situationen oft lieber aus und beschäftigen sich intensiv mit einem Hobby.

Katrin Bentley vergleicht das Syndrom mit einer ihrer eigenen Schwächen: «Ist man nicht gut in der Physik, hat das kaum zwischenmenschliche Konsequenzen. Bestehen aber Probleme im Bereich der Kommunikation, werden Beziehungen sofort schwierig und Betroffene werden von der Gesellschaft oft stark verurteilt.»

Michelangelo war wohl einer

Eine Asperger-Ehe zu führen, sei nicht einfach, gibt sie zu: «Nicht wegen dem einen oder anderen Partner, aber wegen dem grossen Unterschied im Denken.» Gleichzeitig bereichere das Asperger-Syndrom ihre Beziehung aber. «Mein Mann kann alles, was ich nicht gut kann, sehr gut und ich kann gut, was ihm weniger liegt. Idealerweise können wir das kombinieren.» Asperger verfügen nämlich oftmals über grosse Talente, etwa im Bereich der Wahrnehmung und Gedächtnisleistung.

So wird bei vielen grossen Autoren, Komponisten, Wissenschaftlern rückblickend das Asperger-Syndrom vermutet. «Zum Beispiel der Michelangelo war ganz typisch», sagt Katrin?Bentley. «Wäre der an gesellschaftlichen Anlässen interessiert gewesen und hätte lieber mit Freunden ein Bier getrunken, wäre die sixtinische Kapelle nie fertig geworden.»

Zweites Buch erscheint 2014

Heute gibt Katrin Bentley die Erfahrungen aus ihrer Beziehung an Betroffene und deren Angehörige weiter. «Aus dem Verständnis, das ich mir über das Syndrom aneignete, entstand der Wunsch, anderen zu helfen», sagt sie. Sie wolle damit einen Beitrag dazu leisten, Vorurteile und?Ammenmärchen über das Syndrom aus der Welt zu schaffen. Im autobiographischen Buch «Alone Together: Making an Asperger Marriage Work» schildert sie, wie sie und ihr Mann gelernt haben, mit der jeweils anderen Denkweise umzugehen. Nächstes Jahr erscheint beim Wörthersee-Verlag ihr erstes deutschsprachiges Buch.

Das Asperger-Syndrom sei heute ein selbstverständlicher Teil ihrer Beziehung, sagt Katrin Bentley. Beide Partner wüssten mit der jeweils anderen Denkweise umzugehen. «Und wenn wir gemeinsam am Thunersee spazieren, den wir beide so lieben, dann sind wir einfach glücklich», sagt sie. «Ich auf meine und er auf seine Weise.» (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 09.08.2013, 13:47 Uhr

Katrin und Gavin Bentley führen eine Asperger-Ehe. Sie haben gelernt, mit ihren unterschiedlichen Denkweisen umzugehen. (Bild: zvg)

Asperger-Syndrom

Das Asperger-Syndrom wurde 1944 erstmals vom österreichischen Kinderarzt Hans Asperger beschrieben und nach ihm benannt. Es bezeichnet einen abweichenden Informationsverarbeitungsmodus und gilt als leichte Form des Autismus. Es betrifft vor allem die Fähigkeit, nonverbale Signale bei anderen Personen intuitiv zu erkennen und intuitiv selbst auszusenden.

«Am einfachsten versteht man das Syndrom, wenn man es als Beschreibung einer Person betrachtet, die die Welt anders als andere wahrnimmt und begreift», schreibt Professor Tony Attwood, einer der weltweit führenden Asperger-Forscher.

Folgende Punkte können Anzeichen für das Syndrom sein:


  • Extrem ausgeprägtes Interesse an einem bestimmten Thema

  • Hohe Empfindlichkeit gegenüber bestimmten Geräuschen, Gerüchen, Aromen oder anderen Reizen

  • Schwierigkeiten beim Ausdrücken von Emotionen

  • Völlige Erschöpfung nach sozialer Interaktion

  • Die Tendenz, Gesagtes wortwörtlich zu verstehen

  • Ausgesprochene (manchmal verletzende) Ehrlichkeit

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