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«Ich erhielt ein zweites Leben geschenkt»

Eine Leserin wünschte sich, von der Redaktion des Berner Oberländers im Rahmen der Weihnachtsaktion zu erfahren, wie es den beiden jungen Männern geht, die bei einem Unfall im Sommer 2011 schwer verletzt wurden.

Marcel Germann liest die Zeitungsberichte über den Unfall, den er im Sommer 2011 gemeinsam mit einem Kollegen erlitt, auch heute noch immer wieder durch.
Marcel Germann liest die Zeitungsberichte über den Unfall, den er im Sommer 2011 gemeinsam mit einem Kollegen erlitt, auch heute noch immer wieder durch.
Susanne Michel

Es passierte am 30. August 2011: Eine 44-jährige Autofahrerin aus der Region fährt auf der Umfahrungsstrasse Frutigen bei Reichenbach-Reudlen in den Baustellenbereich, wo einheimische Strassenbauer der Marti AG mit Belagsarbeiten beschäftigt sind. Dort kollidiert ihr Auto mit zwei Arbeitern und verletzt beide schwer. Ein Atemlufttest ergibt, dass die Lenkerin über 2 Promille im Blut hat, wie die Kantonspolizei später erklärt. Die beiden Verunfallten werden mit dem Rega-Helikopter ins Spital geflogen. Das Careteam des Kantons Bern wird eingesetzt. Bei den Schwerverletzten handelt es sich um Kollegen des Skicross-Olympiasiegers Mike Schmid. Dessen Vater ist der Chef der beiden Verunfallten.

«Ich erzähle gerne, wie es mir heute geht. Es spricht doch auch für unsere Gesellschaft, dass so ein Schicksalsschlag nicht einfach vergessen geht», sagt Marcel Germann. Er sitzt in einem Restaurant in Spiez, und auf den ersten Blick lässt nichts erahnen, dass das für ihn nicht selbstverständlich ist.

«Es gab nichts zu operieren»

22 Meter fliegt er am 30. August nach dem Aufprall durch die Luft in die Fahrtrichtung des Unfallautos. Die Lenkerin kann bremsen, der Bauarbeiter aus Achseten bleibt mit dem Kopf unter der Stossstange liegen. Mit zwei gebrochenen Wirbeln, einem gebrochenen Brustbein und mehreren gebrochenen oder gequetschten Rippen. Zudem weist er unzählige Prellungen und Schürfungen auf. Trotzdem wird Marcel Germann drei Tage später aus dem Spital entlassen. «Es gab nichts zu operieren, und es musste von selber heilen», sagt der 33-Jährige. Aber er ist nach wie vor am «doktern».

Zwar arbeitet er derzeit wieder zu 100 Prozent. Wie immer im Winterhalbjahr als Verkäufer von Sportartikeln. Aber alles geht nicht mehr. Im vergangenen Sommer hat Marcel Germann versucht, wieder wie während sechzehn Jahren bei der Marti AG auf dem Bau zu arbeiten. «Es ist hart, dass ich relativ schnell merken musste, dass ich das wegen meiner Rückenverletzungen nicht mehr kann», sagt der Oberländer mit glasigen Augen.

Zudem seien ihm nach der Rückkehr «zum Team und zur Arbeit, auf die ich mich so gefreut habe», immer wieder Erinnerungen an den Unfall aufgeblitzt. «Plötzlich hat es wieder so gerochen, plötzlich hat mich ein Fahrzeug erschreckt, und da hatte ich immer wieder völlig unvermittelt einzelne Bilder vor Augen.» Mit seinen Arbeitskollegen und dem Careteam spreche er oft über den Unfall, dessen Hergang er nur vom Protokoll der Polizei her genau kenne. Das habe auch allen sehr geholfen. Aber immer wieder diese Flashs zu haben, «war sehr speziell».

Sehnsucht nach den Pisten

Wegen der gebrochenen Wirbel sucht der Oberländer nun gemeinsam mit seinen Ärzten und Therapeuten vom Rückenzentrum Thun und der Invalidenversicherung nach einer geeigneten Tätigkeit, mit der er sein Geld verdienen könnte. «Keine leichte Sache», sagt Germann. Denn er könne weder lange sitzen noch lange körperlich arbeiten. Und: «Ich bin doch mit ganzem Herzen Bauarbeiter.»

Auch in seiner Freizeit ist der dreifache Familienvater eingeschränkt. Mit seinen beiden jüngeren Kindern, die zwei und vier Jahre alt sind, kann er nicht so herumtollen, wie er das mit seinem heute 12-jährigen Ältesten machen konnte, als der in diesem Alter war. Und mit seinen Kindern würde er «saugern» schlitteln, Ausflüge unternehmen und vor allem über die Pisten flitzen. «Wieder mal selber Ski fahren zu können, wäre der Hammer», sagt der Mann, der auch in diesem Winter auf diese Leidenschaft verzichten muss.

«Ich bin mir aber sehr bewusst, dass ich ein zweites Leben geschenkt erhielt, und darf nicht klagen.» Marcel Germann ist auch der Unfallverursacherin nicht böse, die er bereits vor dem Unfall gut kannte: «Sie hatte ein grosses Problem. Genauso gut hätte sie aber wie viele andere auch durch das Handy, das Radio, Streit oder Küssen mit einem Beifahrer abgelenkt werden können, es war unser Schicksal.»

«Sie leidet ganz anders»

Mit der Bekannten, durch die er verunfallte, hat der Oberländer nach dem Unfall gesprochen. Und er weiss: «Seither hat sie das mit dem Alkohol im Griff. Sie leidet mindestens genauso wie wir, nur auf eine ganz andere Art.»

Nicht nur die Gespräche mit seinen damaligen Arbeitskollegen haben dem Oberländer geholfen: «Meine Familie hat ein riesiges Verständnis.» Das sei nicht normal – und nicht immer leicht. Denn wegen der Schmerzen sei er immer wieder ungeduldig. Dass er dann besser an die frische Luft gehe, anstatt rumzustänkern, habe er erst lernen müssen.

Mit dem anderen Bauarbeiter, der damals ebenfalls schwer verunglückte, hat Marcel Germann immer wieder Kontakt. Sie erkundigen sich, wie es dem anderen geht. Doch über den Unfall sprechen die beiden Kollegen auch nach eineinhalb Jahren nicht.

Dass sich nach wie vor viele Menschen Gedanken darüber machen, wie es ihm und seinem Kollegen geht, freut den zweiten Verunfallten. Doch er möchte nicht mit Namen genannt werden und bittet um Verständnis: «Eigentlich ist es für mich noch immer zu schwer, über den Unfall zu sprechen. Erst recht, wenn das dann alle lesen können.»

Glück im Unglück

Der Oberländer A.B.* ist nach wie vor daran, sich in den Alltag zurückzukämpfen. Beim Unfall erlitt er einen Schädel- und einen Genickbruch. Auch der fünfte und der sechste Halswirbel waren gebrochen. Zudem verbrannte es ihm den Rücken, und er erlitt diverse Prellungen. Der Bauarbeiter weiss, dass er an diesem Tag im Sommer 2011, als er dreissig Jahre alt war, grosses Unglück und Glück auf einen Schlag hatte. «Ich habe ein zweites Leben erhalten», sagt er ebenfalls. Aber auch ein Schicksal, das ihn nun ein Leben lang prägt.

Wieder auf dem Bau, aber

In Anbetracht seiner Verletzungen tönt es wie ein Wunder: A.B. sitzt nicht im Rollstuhl und arbeitet zu 100 Prozent – und zwar noch immer bei der Marti AG. «Ich bin wieder mit denselben Kollegen zusammen, die mir damals beim Unfall sehr geholfen haben und denen ich sehr dankbar bin», sagt A.B. Und doch ist nicht alles so, wie es vor dem 30.August 2011 war: «Ich habe nach wie vor Schmerzen und bin auf Medikamente angewiesen. Regelmässig gehe ich zur Physiotherapie. Das werde ich noch sehr lange machen müssen.»

Der Gerichtsprozess zum Unfall ist noch nicht abgeschlossen. Auch deshalb will und kann A.B. nicht mehr zu diesem Tag im Sommer 2011 sagen.

«E gschänkti Gschicht» ist die Weihnachtsaktion dieser Zeitung. Nur zwei Wünsche wurden geäussert. Die Redaktion des «Berner Oberländers» nimmt das als Kompliment, dass diese Zeitung während des ganzen Jahres kaum Wünsche offenlässt.>

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