Lukas Bärfuss auf Spuren in seiner Heimatstadt

Thun

Der Schriftsteller Lukas Bärfuss erhält am Mittwoch den grossen Thuner Kulturpreis. An seine Heimatstadt erinnern ihn viele Erlebnisse.

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Sein Rucksack scheint schwer bepackt zu sein. Leicht vorübergebeugt eilt Lukas Bärfuss über den Bahnhofplatz. In der dicken Jacke samt Kapuze mit orangem Futter und inmitten der Passanten im T-Shirt ist er von weitem zu sehen. Nun ist er da, in Thun, in seiner Heimatstadt, mit Schweissperlen auf der Stirne. «Welch schöner Herbsttag. Wie warm es hier ist», sagt er, der soeben mit dem Zug aus Zürich angekommen ist und drei Stunden später zu einer Lesung in Bern erwartet wird. Thun als Zwischenhalt für einen Rundgang und einen Blick zurück in die Zeit in dieser Stadt als Kind und Jugendlicher.

Die bunten Blätter fallen von den Bäumen, am Horizont in Richtung Oberland sind Eiger, Mönch und Jungfrau zu sehen, und die Herbstsonne bescheint das weisse Thuner Schloss, das sich am wolkenlos blauen Himmel deutlich abzeichnet.

«Thun ist einfach eine extrem schöne Stadt. Mich hier so zu fühlen, ist eine grosse Befreiung», schwärmt er. Der Aarefeldplatz: Da sehe er immer noch das längst abgerissene Aarefeldschulhaus, die Bäume rundherum, die Laubcontainer. Etwas weiter dem Weg entlang, gleich an der Aare und bei der Oberen Schleuse, der Scherzligschleuse, steht ein Rundgebäude. Das frühere Restaurant Luxor. Da habe einmal seine Mutter gearbeitet.

Aufmerksam beobachtet Lukas Bärfuss die Wellenreiter, deren schneidigen Bretter mit einem Seil an die Brücke gebunden sind. «Das und Ähnliches haben wir schon damals gemacht», staunt der 43-Jährige. «Allerdings weiter unten, nach der Regiebrücke. Durch diese Schleuse hier sind wir bloss geschwommen.» Etwas, von dem er jedoch nur abraten könne. «Das ist heute eindeutig zu gefährlich.»

Er beobachtet die jungen Männer in ihren Tauchanzügen, plötzlich entdecken sie auch ihn. Einer rennt auf ihn zu, triefend vor Nässe und mit dem iPhone in der Hand. «Ich habe Ihr Buch gelesen, genial! Darf ich mich mit Ihnen fotografieren?», fragt er. Bärfuss’ Nicken quittiert er mit einem lauten Danke, stellt sich neben den Schriftsteller, drückt ab und staunt, als dieser ihm von seinen eigenen Erinnerungen als Wellenreiter erzählt.

Das Kleist-Inseli ist ebenfalls ein Ort voller Erinnerungen. Da ist zum Beispiel die Villa Julia. Auf der Brücke, die über die Aare zu der verwunschen scheinenden Liegenschaft führt, stand einst sein Vater. «Ich habe nur zwei Fotos von ihm – und auf einem Bild steht er genau da», sagt Bärfuss und arrangiert sich genau am selben Ort und in ähnlicher Position. Sein Vater sei – einem Brückenwärter gleich – zwischen ihm und dem Schriftsteller Heinrich von Kleist gestanden. «Erst nach seinem Tod 1996 habe ich mich dazu entschlossen, Schriftsteller zu werden.» Also sieben Jahre nach seinem Wegzug aus Thun. Personen im eigenen Leben müssen zuerst sterben, damit die Geschichten frei erfunden werden können.

Am Anfang von Lukas Bärfuss’ Bücherleben stand ohnehin nicht das Schreiben, sondern das Lesen. «Ich war als 8-Jähriger im Dürrenastquartier mit unserem Hund spazieren.» Ein Mann habe seine Wohnung geräumt und eine Bananenkiste voller Bücher, unter anderem ein Lexikon, vor das Haus gestellt. «Das war für mich eine Offenbarung. Von da an verschlang ich jedes Buch.»

1971 ist Lukas Bärfuss in Thun geboren. In seine Kindheit und Jugend fielen zahlreiche Umzüge, ein knapp geschaffter Schulabschluss, ein Zwischenjahr im Welschland mit durchzechten Wochenenden in Thun und ein knappes Jahr im damaligen Lehrerseminar in Thun. «Danach flog ich raus, landete auf der Strasse und jobbte von da an wild herum.»

Obdachloses Strassenleben in Thun. «Ich vergesse nie, wie kalt die Winternächte neben dem Denner an der Frutigenstrasse gewesen sind. Das war alles andere als lustig.» Nur einem Schutzengel sei es zu verdanken, dass er nicht abgestürzt sei. Drogen seien damals in Thun allgegenwärtig gewesen, illegale wie legale. «In den Beizen hat man so viel Alkohol bekommen, wie man bezahlen konnte.» Mit dem Jugendschutz sei es noch nicht so genau genommen worden. 1989 zog er nach Bern und schlug sich bis zur Rekrutenschule durch. Von Bern ging es weiter nach Biel, von da nach Langenthal und schliesslich nach Zürich, wo Bärfuss mit seiner Frau und den drei Kindern lebt.

Von der Villa Julia und dem Kleist-Inseli geht es zurück, nun über die Scherzligschleuse und auf den Aarequai. Die Herbstsonne lässt die bunten Blätter an den Bäumen glänzen und in der Aare spiegeln. Lukas Bärfuss blinzelt in die Sonne und erzählt von seiner frühsten Kindheitserinnerung. Da sei er zwei Jahre alt gewesen. «Ich sass auf dem Sofa, betrachtete meine Beine, die da ausgestreckt waren und nicht über die Kante reichten.» Er habe einige Bilder aus sehr frühen Jahren im Kopf, das sei zwar unüblich, doch bei ihm sei das so.

Der mehrfach ausgezeichnete Bärfuss wendet den Blick übers Wasser. Auf der gegenüberliegenden Uferseite steht der Thunerhof, der zwiespältige Erinnerungen weckt. «Als Kind liebte ich die Stadtbibliothek, die sich damals noch da befand, und hasste zugleich die Räume des Sozialamtes, welche ebenfalls und noch heute dort angesiedelt sind», erzählt er. «Doch meine Verbundenheit zu Thun bleibt immer stark, denn hier habe ich viele Dinge zum ersten Mal im Leben gemacht.»

Die bevorstehende Verleihung des Kulturpreises am Mittwoch durch die Stadt Thun bedeutet Lukas Bärfuss viel. Eine Versöhnung ermögliche sie ihm – vor allem mit sich und seinen Emotionen aus der Kindheit und Jugendzeit in dieser Stadt. «Alle Wege sind Heimwege, meinte Robert Walser einmal, und es ist sehr schön, von der Heimatstadt anerkannt zu werden», zitiert Bärfuss den bekannten Literaten.

Einige der Gefühle, die an seine jugendliche Vergangenheit in Thun erinnern, spiegeln sich in seinem neusten Roman «Koala» wieder. So sind es etwa die Ausdrücke wie «eine lausige Kleinstadt» oder «ein kleines Scheisskaff». «Bei dieser Wortwahl geht es nicht um Thun, sondern sie beschreibt genau die Gefühle, die wir damals für diesen Ort empfanden», erklärt Lukas Bärfuss.

In den 70er- und 80er-Jahren sei die gesellschaftliche Enge in der Stadt für ihn erstickend gewesen. «Kulturell war nichts los. Die Armee dominierte alles. Jeder wusste über jeden Bescheid – und erst das Mokka und das Kühlhaus brachten etwas von der Welt nach Thun.» Heute sei Thun eine andere Stadt, eindeutig offener und lebendiger. «Aber wer wie ich als Jugendlicher weggeht und als Erwachsener später zurückkommt, bei dem sind die alten Bilder oftmals deutlicher als die Gegenwart.»

Zu jener Vergangenheit gehört auch die Erinnerung an Besuche im Restaurant Reber am Plätzli am Aarequai, mit Blick auf die Scherzligschleuse. An Vermicelles, an eine Portion wie diejenige, vor der er mittlerweile sitzt. «Mein erstes Vermicelles habe ich hier gegessen – und es schmeckt noch genauso gut wie damals, als ob es hier erfunden worden wäre.»

Auf der Terrasse erzählt er von seinen Plänen und Träumen. «Noch viele Bücher», sagt Lukas Bärfuss, der aktuell an einem Stück für das Deutsche Theater und einem für das Norwegische Nationaltheater arbeitet. Danach will er ein neues Buch angehen. «Eines über die Liebe und den Tod, wie immer bei mir», schiebt er nach und überlegt. «Doch eigentlich ist mein Wunsch vor allem der, ein vollendeter Schriftsteller zu werden.»

Er, der zahlreiche Bücher geschrieben hat, Theaterstücke in der Schweiz und in Deutschland, Essays, Kolumnen, Drehbücher und vieles mehr (vgl. auch Kasten zur Person). Noch habe er nicht das geschrieben, was er in sich spüre. «Ich bin auf dem Weg, es ist eine ständige Entwicklung.» Ob es eine Vollendung gebe, wisse er nicht. Im Kopf sei er immer am Schreiben. «Es ist wie eine stete Übersetzungsarbeit von dem, was ich spüre, denke und ausdrücken will.» Eine Differenz bleibe immer übrig.

«Denn Worten und Begriffen fehlt das Wesen der Sache.» 29 Buchstaben, eine Grammatik und die Regeln des Satzbaus böten weitaus weniger Möglichkeiten zur Präzision als Töne, Gesten und Bilder. «Die Freiheit für uns Schreibende besteht darin», sagt er und lächelt, «dass wir die Sätze gliedern und die Geschichte komponieren können.»

«Was mich heute zum Schriftsteller macht, ist, dass ich immer schreiben und mich an Unbekanntes herantasten will.» Dieses weisse Blatt sei allen Künstlern gemein. «Wir müssen uns nach der Vollendung eines Erzeugnisses immer wieder an Neues und Unbekanntes wagen.»

Fertig Vermicelles. Die Zeit rinnt. Lukas Bärfuss schultert den schweren Rucksack. Bücher für die Lesung in Bern. Der Zug trifft bald ein. Bahnhof. Bise. Jetzt ist die warme Jacke perfekt.

Thuner Tagblatt

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