Thun

Ruag-Defence-Chef bekennt sich zum Standort Thun

ThunMarkus Zoller ist seit Oktober CEO der Ruag Division Defence. Er macht keinen Hehl daraus, dass sich der Bereich im Umbruch befindet. Dennoch glaubt er an die Zukunft des Standortes Thun.

Der gebürtige Basler Markus Zoller glaubt an die Zukunft des Standortes Thun.

Der gebürtige Basler Markus Zoller glaubt an die Zukunft des Standortes Thun. Bild: zvg/Carolina Piasecki

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Die Ruag ging aus den bundeseigenen Rüstungsbetrieben hervor. Haben Sie, Herr Zoller, zur Ruag gewechselt, weil Sie als Quasibundesbeamter eine ruhige Kugel schieben wollten?
Markus Zoller: Ihre Frage suggeriert eine falsche Vorstellung von der Ruag. Die Ruag ist eine privatrechtliche Aktiengesellschaft nach Schweizer Recht, die den Bund als Hauptaktionär hat. Es gibt in der Schweizer Wirtschaft kaum ein anderes Unternehmen, das sich seit der Gründung so dynamisch und weltoffen entwickelt hat wie die Ruag. Aber ein Kulturwandel braucht seine Zeit. Es ist mitunter meine Aufgabe, auf der sehr guten Basis, die mein Vorgänger geschaffen hat, die nächsten Schritte zu machen.

Wie erging es Ihnen dabei in den ersten Monaten?
Ich fühle mich extrem gut. Ich habe topmotivierte und kompetente Mitarbeitende sowie einen hochspannenden Job. Es hat mich vollumfänglich darin bestätigt, dass ich den richtigen Entscheid getroffen habe, als ich mich letztes Jahr für die Ruag entschieden habe.

Landläufig wird die Ruag Defence als Waffenschmiede des Bundes bezeichnet. Was ist da dran?
Auch das ist ein falsches Verständnis. Die Ruag Defence ist ein sehr breit aufgestelltes Technologieunternehmen, das in verschiedensten Geschäftsfeldern unterwegs ist. Einige Beispiele dazu sind die Raupensysteme, die Robotik, die Schutzlösungen und die Führungsshelter. Dann sind es aber auch modernste Simulations- und Trainingssysteme sowie eine Vielzahl stark IT-lastiger Führungs-, Überwachungs- und Kommunikationssysteme.

Sie sind ein erfahrener Geschäftsmann. Gibt es dennoch Bereiche, die für Sie neu sind?
In erster Linie die Branche. Ich habe in den ersten vier Monaten, in denen ich jetzt an Bord bin, sehr viel Zeit aufgewendet, meine Division und den Konzern kennen zu lernen. Ich war an fünfzehn Standorten, liess mir die Produkte zeigen, habe mit Mitarbeitenden gesprochen, habe Kundenbeziehungen aufgebaut und natürlich viele intensive Gespräche mit Partnern und Lieferanten geführt.

Ganz neu ist die Branche für Sie jedoch nicht. Sie waren fünf Jahre beim Militär tätig. Wie kommt Ihnen diese Erfahrung zugute?
Die kommt mir sehr zugute. Ich lernte als Hauptmann viele verschiedene Bereiche der Schweizer Armee kennen und kann auf diesem Know-how aufbauen, auch wenn sich vieles verändert hat seither. Ich spreche die Sprache meiner Kunden, kenne ihre Bedürfnisse und finde entsprechend Anknüpfungspunkte.

Sie sind in einer schwierigen Zeit zur Ruag Defence gestossen: 2012 verzeichnete die Division sinkenden Umsatz und rückläufigen Gewinn. Hat sich dieser Trend 2013 fortgesetzt?
Die Ruag Defence hat 2012 mit 25 Millionen Franken Ebit immer noch einen ganz wesentlichen Anteil an das Konzernresultat geliefert, nämlich 22 Prozent. Dass der Umsatz 2012 sinken würde, war bereits vorher abzusehen und wurde so auch offen kommuniziert. Dies vor allem, weil ein paar grosse Aufträge der Schweizer Armee ausliefen, wie etwa der Werterhalt der Leopard-Panzer oder der Genie-Panzer Kodiak. Man unternahm deshalb grosse Anstrengungen, die auslaufenden Aufträge über neue Projekte aufzufangen. Das ist bisher nur zu einem Teil gelungen. Für Auskünfte zu den Zahlen 2013 ist es aber noch zu früh, die Bilanzmedienkonferenz findet am 20.März statt.

Sie haben die auslaufenden Geschäfte angesprochen. Haben Sie das Steuer eines sinkenden Schiffes übernommen?
Nein. Die Ruag Defence befindet sich in einer Transformationsphase. Wir sind im Wandel, stärker zu internationalisieren und im zivilen Sektor tätig zu werden. Bei solchen Transformationsprozessen kann es sein, dass man durch eine Delle hindurchmuss. Durch diese Delle fahren wir aktuell. Aber wir haben klare Vorstellungen, wie die Ruag Defence wieder mindestens in jene Grösse und Rentabilität kommt, in der sie in der Vergangenheit war.

Welche Rolle wird der Standort Thun bei diesen Restrukturierungen spielen?
Der Standort Thun ist für die Ruag Defence weiterhin einer der Hauptstandorte, auf die wir ganz klar setzen. Hier wickeln wir unter anderem das Raupengeschäft ab. In den letzten zwei Jahren haben wir infolge des Rückgangs in diesem Bereich Restrukturierungen vollzogen und die Personalbasis reduziert. Heute haben wir eine kritische Minimalgrösse erreicht, um im Bereich Raupen wirtschaftlich operieren zu können. Hier stehen wir gemeinsam vor grossen Herausforderungen.

Gemeinsam?
Einerseits als Ruag Defence, damit wir weiter die Produktivität verbessern, aber auch international Aufträge akquirieren können. Wir sind anderseits aufs Schweizer Geschäft angewiesen, also auf Projekte des VBS. Die dritte Dimension ist die Politik, die Rahmenbedingungen schafft, damit wir das Raupengeschäft sowohl in der Schweiz als auch international wettbewerbsfähig betreiben können.

Sind Sie zuversichtlich, dass die rund 400 Stellen in Thun erhalten bleiben?
Wie ich es vorher angesprochen habe: Es gibt drei Parteien, die vor grossen Herausforderungen stehen. Die Ruag selber, das VBS und die Politik. Ich bin zuversichtlich, dass wir die Grössenordnung hier erhalten können, wenn wir in dieser Trilogie gute Lösungen entwickeln können.

Sie haben erwähnt, dass die Ruag den zivilen Markt stärker bedienen will. Welche Möglichkeiten hat die Ruag Defence hier überhaupt?
Hier am Standort Thun sind wir heute beispielsweise führend bei der Entwicklung von Robotiksystemen und unbemannten Fahrzeugen. Das sind Systeme und Lösungen, die in Krisen- oder Bedrohungssituationen und auch im Zivilen angewendet werden können. Ebenso unsere Simulationssysteme: Auch eine Polizei profitiert davon, in einer Trainingsanlage, wie wir sie in Bure oder Walenstadt betreiben, trainieren zu können. Zudem sind wir im Bereich der Cybersecurity unterwegs, also dem Analysieren von Datenflüssen im Internet und dem Sichern von unternehmenskritischen IT-Systemen. Das sind Themenfelder, die zivil ein gewaltiges Potenzial haben.

Wie gross ist der Anteil von zivilen Aufträgen aktuell?
Im Halbjahresergebnis waren es konzernweit 56 Prozent zivile und 44 Prozent militärische Aufträge. 50 zu 50 wäre ein ausgewogenes Verhältnis. Bei Ruag Defence sind wir aber noch nicht so weit, da stehen wir im zivilen Segment noch in den Anfängen. Wir sind aber daran, das Schritt für Schritt auszubauen.

Ein zweiter Punkt der Konzernstrategie ist das Wachstum im Ausland. Ist es bei den Ausfuhrbestimmungen des Bundes der Ruag Defence überhaupt möglich, hier zuzulegen?
Es ist möglich, ja. Wir sind heute bereits weltweit unterwegs und verzeichnen ein gutes Wachstum.

Dann ist eine allfällige Lockerung der Ausfuhrbestimmungen, über die der Nationalrat in der Frühlingssession abstimmt, ja überflüssig.
Aus Sicht der Ruag wäre es vorteilhaft, wenn wir die gleichen Exportmöglichkeiten hätten wie unsere Nachbarländer, welche politisch und sicherheitspolitisch ähnliche Prinzipien verfolgen wie die Schweiz. Aber letztlich macht die Ruag das, was der Eigner, also der Bund, will. Wir halten uns an die Schweizer Regeln, sowohl in der Schweiz selber als auch im Ausland.

Die Produktion und der Export von militärischem Material ist ein emotionales Thema. Haben Sie jemals Gewissensbisse oder moralische Bedenken?
Ich setze darauf, dass sich ein souveräner Staat auch verteidigen kann. In dieser Hinsicht spielt die Ruag für die Schweiz eine zentrale Rolle. Letzten Samstag hatte ich die Möglichkeit, eine mobile Radarstation der Schweizer Armee zu besichtigen, die am WEF im Einsatz stand. Dort war die Armee – und damit auch sehr viele Systeme, welche die Ruag betreibt und unterhält – im Einsatz, um eine solche Grossveranstaltung abzusichern und überhaupt erst zu ermöglichen. Was eine Schweizer Armee macht und was letztlich auch wir machen, ist dafür nötig, dass die Schweiz überhaupt ihre Rolle auf der weltpolitischen Bühne spielen kann.

Der Einsatzbereich der Schweizer Armee ist kaum vergleichbar mit jenem von Armeen in weniger stabilen Ländern...
Erstens: Die gesetzlichen Rahmenbedingungen und die ganzen Überprüfungen, die das Seco auf einer permanenten Basis macht, sind die Regeln, an die wir uns immer halten. Beim Seco sowie beim EDA arbeiten internationale Experten, an deren Beurteilungen wir uns vollumfänglich richten. Zweitens müssen die entsprechenden Länder Nichtwiederausfuhrerklärungen unterschreiben. Und drittens verfolgen die Ruag und auch ich persönlich eine Geschäftspolitik, zu der wir vollumfänglich stehen können.

Zu einem anderen Thema: Der Kauf des Gripen ist mit Gegengeschäften verbunden. Würde auch die Ruag Defence konkret von Gegengeschäften profitieren?
Von den in der Verteidigungsbranche üblichen Offset-Gegengeschäften würde die Ruag sowie viele andere Schweizer Unternehmen profitieren. Dies auch regional verteilt. Für die Ruag Defence ergibt sich durch das Gripen-Geschäft ein interessantes Geschäftspotenzial, einerseits im Bereich der Simulations- und Trainingsanlagen, andererseits auch mit der Integration des Gripen-Systems in die ganzen Führungs- und Kommunikationsanwendungen, die von uns unterhalten werden.

In Zahlen?
Hier Angaben zu machen, wäre rein spekulativ. Die Gegengeschäfte wären ja nicht gesichert für die Ruag Defence, wir stehen im Wettbewerb mit anderen und müssten uns erst um die Aufträge bewerben und diese auch gewinnen. Daher ist eine Zahl zum jetzigen Zeitpunkt nicht nennbar.

Sie werden am 18.Mai also Ja zum Gripen-Kauf stimmen.
Ich werde Ja stimmen. Aber nicht nur aus geschäftspolitischer Sicht. Ich bin persönlich überzeugt, dass der Erneuerungsbedarf vorhanden ist und dass es den Gripen braucht. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 05.02.2014, 09:37 Uhr

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Zur Person

Markus Zoller wurde 1968 in Riehen bei Basel geboren. Er studierte an der ETH Ingenieurwesen und doktorierte später an der Hochschule St.Gallen auf dem Gebiet Ökonomie/Marketing. Seit zwanzig Jahren ist er in System- und Projektgeschäften bei verschiedenen Firmen tätig, darunter ABB, Alstom, Continental und Siemens. Seit Oktober vergangenen Jahres ist er CEO der Ruag Division Defence und Mitglied der Konzernleitung.

Zum Unternehmen

Die Ruag-Gruppe beschäftigt 7800 Mitarbeitende und setzt sich aus den fünf Divisionen Space, Aviation, Aerostructures, Ammotec und Defence zusammen. Letztere bietet Dienstleistungen und Produkte für die Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie an. Zu den Kunden zählen Landstreitkräfte, Originalteilehersteller sowie Sicherheits- und Notfallorganisationen. Am Standort Thun beschäftigt die Ruag 900 Personen, davon arbeiten rund 400 für die Ruag Defence.

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