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Spiellust rang alle Widerwärtigkeiten nieder

Die tapferen Spielleute des Freilichttheaters Saanenland setzten sich an der Premiere von «Farinet, der Falschmünzer» beeindruckend über alle Widerwärtigkeiten hinweg.

Volksszenen im Morast. Anstossen auf die neu erlangte Freiheit von Farinet (Jürg Domke, vorne leicht rechts) – im Wissen, dass die Ruhe nur kurz sein wird.Bilder
Volksszenen im Morast. Anstossen auf die neu erlangte Freiheit von Farinet (Jürg Domke, vorne leicht rechts) – im Wissen, dass die Ruhe nur kurz sein wird.Bilder
Markus Hubacher
Farinet, Helfer der Armen. Das Kleinbauernpaar Victor (Walter Reuteler) und Alice (Esther Bütschi) ist in Not. Es kann auf Farinet (Jürg Domke) zählen.
Farinet, Helfer der Armen. Das Kleinbauernpaar Victor (Walter Reuteler) und Alice (Esther Bütschi) ist in Not. Es kann auf Farinet (Jürg Domke) zählen.
Markus Hubacher
In die Irre geführt. Als Hutzelweibchen verkleidet, narrt Farinet die Gendarmerie und lenkt sie auf eine falsche Fährte.
In die Irre geführt. Als Hutzelweibchen verkleidet, narrt Farinet die Gendarmerie und lenkt sie auf eine falsche Fährte.
Markus Hubacher
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Sie konnten einem leid tun, die insgesamt 50 Akteure des Vereins Freilichttheater Saanenland. Just als sie sich am Freitagabend um 20 Uhr zum Standbild auf der Spielfläche Almi in Gsteig aufstellten und die Erzählstimme aus dem Off die einordnenden Worte zur Handlung sprach, ging es los: Ein mächtiges Gewitter über den imposanten Felsformationen beim Sanetschpass mit einem 15-minütigen sintflutartigen Regen machte jegliche Fortsetzung unmöglich. Innert kurzer Zeit standen weite Teile des Terrains unter Wasser. Der Morast wurde zum nächsten Hindernis, das sich den Laienspielern in den Weg stellte und zu gar mancher Rutschpartie führte.

Schliesslich verwunderte es nicht, dass die Stromzufuhr zu spuken begann und die Scheinwerfer zu fortgeschrittener Stunde nur noch eingeschränkt funktionierten. Es hätte auch nicht erstaunt, wenn nur noch bei Kerzenlicht fertiggespielt worden wäre und die oft stark strapazierten Gesichtsmikrofone ihren Geist aufgegeben hätten.

Die tapferen Laien zwischen 2 und 75 hätten wohl auch so noch mit stoischer Ruhe und Unbeugsamkeit unbeirrt und engagiert weitergespielt, wie wenn sie das gar nicht viel anhaben könnte. Erst kurz vor 23.30 Uhr war dann Feierabend für alle Beteiligten. Mit der Bewunderung und dem hochverdienten Applaus des 300-köpfigen Publikums auf der voll besetzten Tribüne wurde ihre grossartige Leistung gewürdigt.

Nicht aus der Ruhe zu bringen

Auch nicht einen Deut aus der Ruhe bringen liess sich Margrith Brand, Speakerin und Präsidentin des Freilichttheatervereins Saanenland. Sie sprach stets wieder aufmunternde und witzige Worte ins Mikrofon. Man spürte, dass sämtliche Beteiligten die Abhärtung gegenüber den äusseren Einflüssen schon den ganzen Sommer über hatten üben können. Jetzt wollten sie auch noch diese Premiere in einem Solidaritätsakt – zu dem ebenso alle beteiligten Helfer und Sponsoren im Saanenland gehören – packen.

Und wie sie sie packten! Alleine von der Stückwahl her ist «Farinet, der Falschmünzer» in der Fassung von Markus Keller nach dem Buch von Willi Wottreng ein gewaltiger Brocken, der in der Entwicklung der Handlung viel Zeit braucht und auch personenintensiv daherkommt. Dazu ist die Titelfigur aus dem Aostatal, die mit dem Prägen und Stanzen von Falschkleingeld das offizielle Notengeld konkurrenzierte, eine höchst schillernde Gestalt: Der mit anderen Schmugglern kooperierende Farinet (1845–1880) stellte nicht nur die Behörden im Unterwallis, wo er sich viel aufhielt, vor schier unlösbare Probleme. Er besass ein grosses Helferherz und zog die Sympathien der armen Bergbevölkerung, bei der er Schutz und Unterschlupf fand, auf seine Seite.

Dazu verfügte der Volksheld über einen unwiderstehlichen Charme und pflegte mehrere Liebschaften mit einheimischen Frauen – mit entsprechenden Komplikationen, die wohl auch dazu geführt haben können, dass er verraten wurde und auf einer Treibjagd der Gendarmerie aus nie ganz geklärten Gründen zu Tode kam.

Eine pfiffige Hauptfigur

Jürg Domke hat sich diese grosse Rolle (die 2010 beim gleichen Stück auf dem Ballenberg von Profi Thomas Mathys gespielt wurde) zugetraut. Er gibt ihr in der Tat pfiffige Gestalt zwischen Mitgefühl, Verführerlust, gewiefter Verschlagenheit und Wandlungsgeschick, wenn er als Hutzelweib verkleidet die Gendarmen in die Irre führt und für Schmunzler sorgt. Dass sich unterhaltende Elemente mit Komik und leichter bis gröberer Überzeichnung (gerade bei den ungelenken Soldaten, dargestellt vom ehemaligen Skirennfahrer Mike von Grünigen und von dessen Sohn Elio) abwechseln, ist Regisseurin Ruth Domke wichtig.

Sie setzt stark auf Emotionalität: So wie beim Auftauchen von Farinet ebenso unbändige Freude wie Argwohn und Misstrauen (etwa bei den gehörnten Ehemännern) entstehen, nimmt auch das Beweinen des tot aufgefundenen Farinet viel Platz und Zeit ein. Und was die drei Frauen Martina (Beatrice Reichenbach), Joséphine (Miriam Oehrli) und die Journalistin Camille Clément (Christine Schwizgebel) als Geliebte von Farinet in ihrer Anziehungskraft, Hoffnung und Enttäuschung zum Ausdruck bringen, lässt nicht kalt.

Die Naturbühnenfläche mit dem angrenzenden Wald und das von einem Dreierteam mit der Stiftung Alpenruhe gebaute Haus mit Gartenbeet nutzt Domke für bewegte Auftritte und einige rasante Abgänge – manchmal gar in Sprintmanier. Etwas problematisch wirds beim Maienfest, wenn linkerhand musiziert und getanzt wird und rechts wichtige Dialoge zwischen Gemeindepräsi (Gottfried Janz), Untersuchungsrichter Gross (Matthias Moser) und Jean (Ueli Brand) ablaufen: Da kommt der Zuschauer mit dem Fokus (hier schauen, da hören) an seine Grenzen.

Ansonsten verfolgt man gespannt und vielfach amüsiert, wie die Handlungsfäden gesponnen werden. Die Spiellust der Beteiligten wird zum grossen und bestaunten Kraftakt, diesen von Wetterkapriolen geprägten Premierenabend doch noch zu einem guten Ende zu führen.

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