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Wie lange gibt es die Skiliftanbügler noch?

Sie gehören zum Skifahren wie der Muskelkater, die Skiliftanbügler. Sie helfen, trösten, schlichten gar. Doch: Immer mehr Lifte weichen topmodernen Anlagen. Ist auch der Anbügler bald reif fürs Museum? Nicht auf der Elsigenalp.

Sonnengegerbt die Haut, cool die Sonnenbrille, locker die Sprüche. Ist das Bild, das man gemeinhin vom Bügelgeber hat, einzig ein altbackenes Klischee? «Wir sind die Helden der Alpen – das hat mir mein Sohn so gesagt.» Peter Brügger lässt seinen Worten ein herzhaftes Lachen folgen. Er ist ein Mann, der gerne lacht – oft und aufrichtig.

Helden sterben nie. So ist es auf der Kinoleinwand. Das wahre Leben ist aber nicht Hollywood und des «Anbüglers» Lifttrassee nicht der rote Teppich der Filmstars in Cannes. Wo Skiliftbügelgeber einst Wintersportlern auf den Schlepplift halfen, thronen heute vielerorts moderne Sesselbahnen im Schnee. Die Helden finden sich in Neben- statt Hauptrollen wieder, sitzen in futuristischen Bahnstationen hinter Glas: anonymes Kontrollieren statt kundenbindendes Parlieren. «Wir bügeln hier noch an, weil es Tradition und Service am Kunden ist», sagt Brügger. Der Frutiger tut es den 14. Winter.

Lange Tage, wichtiger Lohn

Frostig blau ist das Licht an diesem prächtigen Wintermorgen auf der Elsigenalp. Klamm sind die Finger derer, die das Nötige für die frühen Gäste bereitstellen. Das Thermometer zeigt minus 13 Grad. «Besser als plus. Minus sieben Grad täten es aber auch», flachst Hans Wyssen. Er steht neben dem Schlepplift mit Baujahr 1966. Der Landwirt und Saisonangestellte aus Linter bügelt seit 24 Saisons an – heute mit Peter Brügger. Der ist Bauer wie er – und von September bis April «Nebenverdienstler» an Elsigen. Während sich Wyssen im Kontrollraum einen gehäuften Löffel Instantkaffee ins heisse Wasser rührt, sagt Brügger, dass die Arbeit am Lift nicht nur beliebt, sondern auch existenziell sei. Dass die Tage der 18 Saisonliftler – allesamt Besitzer von Hof und Veh – bis zu 15 Stunden lang sind, darüber klagt der 46-Jährige aus Reinisch nicht. «Das ist einfach unser Leben.» Punkt. Morgens um fünf geht es in den Stall, dann an den Lift. «Znacht» gibt es, wenn das Vieh gemolken und der Mist gekarrt ist.

Mehr als simple Helden

Während der Sportwochenhaben sie alle Hände voll zu tun, die Anbügler. Bei der Elsigenalpbahnen AG sind sie weit mehr als «nur» Helden. «Wir machen Pistenpatrouillen, leisten am Lift technische Hilfe und stehen bei Unfällen im Rettungseinsatz», zählt Hans Wyss auf. Das sei in kleineren Gebieten so, schiebt er nach. Waser nicht sagt: Die Bügelgeber sind auch Zusprecher und -hörer, Tröster und Schlichter: «Es gibt Paare, die sich schon beim Bereitstellen auf dem Lifttrassee ‹wüescht sägä›», sagt Peter Brügger. Es sei doch Sonntag, versuche er die Lage dann etwa zu entschärfen. Manchmal sagt er auch besser nichts. «Das hat man mit der Zeit im ‹Gschpüri›.»

Drei Bügellängen voraus

Der «Küpfer-Lift» (1978) schleppt die ersten Schneesportler bergwärts. Der ältere «Habegger» – er hat stolze zwölf Jahre mehr auf seiner Umlenkrolle – steht noch still. Benamst nach den Erbauern aus der Region Thun, ist der «Küpfer» mit seinen 118 Bügeln nicht nur der jüngere, sondern auch der agilere Teil des Doppellifts: Wer sich in seiner Schlange einreiht, ist ganze drei Bügellängen, oder 20 Sekunden, schneller am Berg. In Teamarbeit bewegt das Duo 1800 Gäste pro Stunde, 12000 an Spitzentagen und über 600000 pro Saison. Der aktuelle Winter sei noch nicht top, weiss Peter Brügger. Das Wetter war an den Wochenenden nicht nur einladend. Die Sonne ist im Gebiet, das für 6 Millionen Franken garantiert schneesicher gemacht wurde, ein wichtiger Faktor. Das Hauptgästesegment heisst: Tagesgast, sportlich.

Immer mehr Skifahrer passieren das Drehkreuz für die Bergfahrt. Mann trifft sich derweil in der wohlig warmen Liftstation, wärmt sich dort die kalten Glieder. Der Pistenchef kommt vorbei, oder der Mechaniker, der ein bockendes Pistenfahrzeug in die Gänge bringen soll. Am Vortag hat sich noch ein Bündner aus Davos angemeldet. Im Auftrag des Schweizer Bergbahnverbandes prüft er die Pisten auf Herz und Nieren – und deren Sicherheit. Wegen der Kontrolle bricht hoch über dem Engstligtal keine Hektik aus. «Es sind nur kleine Sachen, die mir aufgefallen sind, etwa die Markierung einer Kreuzung, die es zu verbessern gilt», wird der Davoser dem Betriebsleiter und Geschäftsführer Hans Trachsel später berichten.

«Die laufen noch Jahre»

Trachsel, 65-jähriges Elsigenalp-Urgestein, übergibt das Zepter bald an Filius Daniel. Wie geht es mit dem Liftbetrieb am Frutiger Skiberg weiter? «Die Lifte sind technisch in einem sehr guten Zustand. Mit denen kann man noch ein paar Jahre weiterfahren.» Und das günstig, ergänzt Hans Trachsel – «für uns und für den Skiabo-Käufer». Ob die Zukunft dereinst auch an Elsigen Sesselbahnen bringt, steht heute in den Sternen. «Wir leben vom Tagestouristen und haben keinerlei Verpflichtung gegenüber einem Tourismusdorf.»

Die Vorschriften seien strenger und die Leute anspruchsvoller geworden, vergleicht Anbügler Hans Wyss im Häuschen beim Doppellift das Heute mit dem Gestern. Kollege Peter Brügger glaubt derweil, dass die «Anbügler-Romantik» mehr als nur Klischee sei. «Wir sind eine Visitenkarte und fördern die Verbundenheit mit unseren Gästen.» An einer Wand hängt neben einem Kalender mit einer barbusigen Schönheit eine Kinderzeichnung. Gemalt hat diese ein Junge namens Joel. Und er schrieb nebens illustrierte Malheur: «Danke an alle, die mir nach dem Sturz geholfen haben.»

Wie war das noch? Genau: Helden sterben nie.

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