Steffisburg

«Wir erlebten die Hölle»

SteffisburgSalwa und Issa Dayoub sind der Hölle entkommen. Die Hölle, das ist Syrien; das, was der Bürgerkrieg aus dem Land gemacht hat. Nun leben sie bei ihrem Sohn in Steffisburg.

Salwa und Issa Dayoub (v.r.) haben bei ihrem Sohn Manhal, der als Bauingenieur arbeitet, und dessen Frau Oksana in Steffisburg ein vorübergehendes neues Zuhause gefunden.

Salwa und Issa Dayoub (v.r.) haben bei ihrem Sohn Manhal, der als Bauingenieur arbeitet, und dessen Frau Oksana in Steffisburg ein vorübergehendes neues Zuhause gefunden. Bild: Patric Spahni

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Issa Dayoub ist pensionierter Lehrer. Er und seine Frau Salwa wollten in Homs, ihrer Heimatstadt, den Ruhestand geniessen. Sie hofften, dass die Familie ihres Sohnes Manhal dereinst aus der Schweiz nach Syrien zurückkehren würde. Nie hätten sie gedacht, dass es umgekehrt sein würde, dass sie es sein sollten, die ihre Heimat verlassen müssen.

Aufstände und Repression

Im März 2011 beginnen die Proteste gegen das Regime von Präsident Bashar al-Assad (siehe Kasten). Erst sind es friedliche Demonstrationen, doch die Regierung zerschlägt jede Form von Aufstand. Zu den liberalen Kräften, die ein demokratischeres Syrien fordern, gesellen sich bald militante religiöse Gruppierungen, die selber nach Macht streben. Sie schrecken vor Waffengewalt ebenso wenig zurück wie die Armee.

Die Proteste werden immer aggressiver, ebenso die Repression der Regierung. Homs wird zur Hochburg der Aufständischen, der christliche Bezirk zum Zentrum der immer blutigeren Kämpfe. Und auf einmal sind Issa und Salwa Dayoub mitten im Krieg.

Im eigenen Haus gefangen

Die Regierung versucht anfänglich, die Zivilisten zu schützen. Das Militär blockiert Strassen mit Panzern und Sandsäcken. Doch die Rebellen überwinden die Hindernisse und verschanzen sich in Wohnhäusern, Schulen und Kirchen. Sowohl die Armee als auch die Rebellen vertreiben Menschen aus ihren Häusern, vergewaltigen, foltern, töten, wer sich wehrt.

Schliesslich fordert die Armee alle Unbeteiligten auf, die Stadt zu verlassen. Viele bleiben. Die Flucht scheint ihnen zu gefährlich. Auch Salwa und Issa Dayoub verlassen ihr Haus nicht. Das ist bald auch nicht mehr möglich. «Auf der Strasse hätte man jeden Moment erschossen werden können», sagt Issa Dayoub.

Es gibt kaum mehr Möglichkeiten, an Esswaren zu kommen. «Es war sogar zu gefährlich, die Leichen wegzutragen», sagt Salwa Dayoub. Scharfschützen schiessen aus Fenstern und von Dächern, Rebellen verschanzen sich hinter aufgetürmten Leichen. Ständig schlagen Raketen ein, ständig detonieren Bomben.

Flucht aus Homs

Im Juni 2011 zerstört eine Bombe Dayoubs Haus. Auf einen Schlag sind die Rentner obdachlos. Obdachlos in einer Stadt, in der auf alles geschossen wird, was sich in den Strassen bewegt. Sie müssen weg, sofort. Zum Packen bleibt keine Zeit. Viel gäbe es ohnehin nicht mehr mitzunehmen. Praktisch das ganze Hab und Gut ist verbrannt.

Soldaten bringen Issa und Salwa Dayoub gegen Schmiergeld nach al-Nasrah in die Berge. Hier haben Dayoubs ein Ferienhaus, hier fühlen sie sich fürs Erste sicher. Inzwischen ist den beiden aber das Geld ausgegangen. Eine Rentenzahlung hat das Paar schon lange nicht mehr erhalten. Das Geld, das ihnen Manhal aus der Schweiz schickt, können sie bald nicht mehr beziehen: Alle Banken haben dicht gemacht. Und es dauert nicht lange, bis die Kämpfe das Dorf erreichen.

Wieder schlägt eine Rakete in Dayoubs Haus ein, unmittelbar neben Salwa. «Wie durch ein Wunder blieb ich unverletzt», sagt sie. Wieder müssen sie fliehen. Ohne Geld, ohne Gepäck, lediglich mit dem Trost, überhaupt noch am Leben zu sein.

Flucht in den Libanon

Von al-Nasrah fliehen Issa und Salwa Dayoub ins Nachbardorf Marmarita zu einem Freund. Der Weg dahin ist lebensgefährlich. Scharfschützen töten alles, was ihnen ins Visier gerät. Dayoubs überleben.

Für sie gibt es nur noch einen Ort, wo sie hinwollen: zu ihrem Sohn Manhal in die Schweiz. Sie wollen ein Gesuch für ein humanitäres Visum stellen. Doch die Schweizer Botschaft in Syrien befindet sich in Damaskus, 150 Kilometer entfernt. Der Weg dorthin wäre der sichere Tod. Stattdessen fliehen sie in den Libanon, auch diesmal in Todesgefahr. Unterwegs wird der Sohn einer Mitflüchtenden erschossen. Zeit für ein Begräbnis bleibt nicht. «Die Mutter konnte die Leiche ihres Sohnes nur mit Gras bedecken», sagt Salwa Dayoub.

Kein Geld für Lebensmittel

Im Libanon, dem 4,5-Millionen-Einwohner-Staat, sind Issa und Salwa Dayoub zwei von über einer halben Million syrischer Flüchtlinge. Entsprechend prekär sind die Zustände. Dayoubs können sich dank der finanziellen Hilfe einer Verwandten und ihres Sohnes ein Obdach leisten: eine Hütte, die sie sich mit mehreren Dutzend anderen Flüchtlingen teilen.

Sauberes Wasser gibt es nicht, auch keinen Strom. Unter dem Blechdach wird es heiss wie in einem Ofen. 600 Dollar pro Monat bezahlen sie für die Miete. Sie hungern, weil das Geld für die horrend teuren Lebensmittel kaum reicht. Salwa Dayoub wird krank, doch medizinische Hilfe zu holen, liegt nicht drin. Und doch gehören sie zu den Glücklichen unter den syrischen Flüchtlingen: Viele können sich im Libanon nicht einmal ein Dach über dem Kopf leisten.

Der erlösende Entscheid

Nach vier langen Monaten erhalten Dayoubs Bescheid aus der Schweiz: Ihr Gesuch um ein humanitäres Visum wurde genehmigt. Am 14.September können sie den Libanon verlassen. Seither wohnen sie bei der Familie ihres Sohnes Manhal in Steffisburg. «Ich kann immer noch nicht glauben, dass wir hier sind», sagt Salwa Dayoub. «Wir fühlten uns wie tot. Jetzt leben wir wieder», sagt Issa Dayoub.

Demnächst zieht das Paar nach Tramelan. Dort stellt ihnen die Kirche eine Wohnung zur Verfügung, nicht zuletzt, weil ihnen Alt-Nationalrat Christian Waber (EDU), ein Freund Manhals, bei den Formalitäten geholfen hat. Auch Regierungsrat Hans-Jürg Käser hat sich persönlich für sie eingesetzt. Die Hoffnung, jemals nach Syrien zurückkehren zu können, haben Dayoubs aber aufgegeben. «In Syrien ist kein Leben mehr», sagt Issa Dayoub.

Jetzt möchten Issa und Salwa Dayoub noch möglichst viel Zeit mit ihren sechs Enkelkindern verbringen. Den Enkeln nahe zu sein, war auch ihr Wunsch, als sie noch hofften, dass Manhal eines Tages mit seiner Familie zu ihnen nach Syrien zurückkehren würde. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 22.11.2013, 12:14 Uhr

Bürgerkrieg in Syrien

Die Bewegung des arabischen Frühlings erreichte im März 2011 auch Syrien. Friedliche Demonstranten forderten im Staat, der von der Baath-Partei unter Präsident Bashar al-Assad regiert wird, mehr Demokratie. Das Regime versuchte, die Aufstände im Keime zu ersticken, kündigte im April 2011 allerdings Reformen an. Bis zum Mai 2012 wurde die führende Rolle der Baath-Partei aus der Verfassung entfernt, allerdings der Präsident mit mehr Machtbefugnissen ausgestattet.

Die Bevölkerung Syriens ist ethnisch sehr vielfältig. Sie setzt sich aus syrischen Arabern, Kurden, Aramäisch-Sprechenden, Turkmenen und Palästinensern zusammen. Diese verteilen sich auf verschiedene Religionsgemeinschaften, unter denen die Sunniten mit über 70 Prozent Anteil an der Bevölkerung die zahlenmässig stärkste sind. Zu den religiösen Minderheiten des Landes gehören die Alawiten, Christen, die Drusen und die Schiiten.

Im Bürgerkrieg ist die Forderung nach mehr Demokratie mittlerweile in den Hintergrund getreten. Stattdessen kämpfen untereinander stark rivalisierende islamistische Fundamentalisten um die Vorherrschaft im Land. Bereits im Herbst 2011 begannen sie, sich zunehmend zu bewaffnen. Es folgten blutige Auseinandersetzungen, die bis heute anhalten.

Der Bürgerkrieg in Syrien hat bis heute über 100'000 Menschen das Leben gekostet. Gemäss Schätzungen der Unicef sind innerhalb des Landes rund 4,6 Millionen Syrer auf der Flucht, weitere 2,6 Millionen haben das Land bereits verlassen.

Im September hat der Bundesrat beschlossen, in den nächsten drei Jahren ein Kontingent von 500 syrischen Flüchtlingen in der Schweiz aufzunehmen. nik/Wikipedia

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