1070 Unterschriften gegen das Einbahnregime

Region Thun

Über 1000 Personen aus Oberhofen, Hilterfingen und Sigriswil wehren sich in einer Petition gegen die «absolut untragbare» Verkehrsführung in Thun.

Der Thuner Stadtschreiber Bruno Huwyler Müller (2.v.r.) nahm am Dienstagmittag die Petition von (v.l.) ex-Grossrat Thomas Heuberger (Oberhofen, Grüne), Gemeindepräsident Philippe Tobler (Oberhofen, SVP) und Grossrätin Madeleine Amstutz (Sigriswil, SVP) entgegen.

Der Thuner Stadtschreiber Bruno Huwyler Müller (2.v.r.) nahm am Dienstagmittag die Petition von (v.l.) ex-Grossrat Thomas Heuberger (Oberhofen, Grüne), Gemeindepräsident Philippe Tobler (Oberhofen, SVP) und Grossrätin Madeleine Amstutz (Sigriswil, SVP) entgegen.

(Bild: Gabriel Berger)

Dass die neue Verkehrsführung in der Thuner Innenstadt mit dem Einbahnregime vom Maulbeerkreisel zum Lauitor bei den Anwohnern des rechten Thunerseeufers nicht auf viel Gegenliebe stösst, liess sich in den letzten Monaten durch entsprechende Leserbriefe und Beiträge in Kommentarspalten erahnen.

Nun ist der Unmut auch in Zahlen fassbar: Vertreter der Gemeinden Hilterfingen, Oberhofen und Sigriswil haben gestern bei Stadtschreiber Bruno Huwyler Müller eine Petition «für eine bessere Verkehrsführung in der Stadt Thun» eingereicht. Unterzeichnet worden ist die Bittschrift von 1070 Personen aus den genannten Gemeinden. Huwyler erklärte, dass der Gemeinderat – zusammen mit dem Kanton – innert drei Monaten eine Antwort zum Anliegen formulieren werde.

Der falsche Zeitpunkt?

Die aktuelle Verkehrslage sei für die Betroffenen am rechten Seeufer «absolut untragbar, mit schwersten Nachteilen behaftet und diskriminiert sie in vielfacher Hinsicht», heisst es in der Petition. Gemeint sind einerseits die «massiven Verkehrsstaus», die unberechenbar und mehrmals täglich auftreten würden. Der Privatverkehr, aber auch der öffentliche Verkehr würden dadurch behindert. Man müsse bis zu 20 Minuten mehr einrechnen, um in die Stadt zu gelangen. Die Staus haben ihre Ursache insbesondere in den Baustellen zwischen Bern- und Lauitor gehabt. Diese Arbeiten sind seit Ende letzter Woche nun abgeschlossen.

«Die aktuelle Verkehrslage ist für alle Einwohner/innen am rechten Thunerseeufer absolut untragbar.»Aus der Petition

Andererseits kritisieren die Petitionäre auch das erwähnte Einbahnregime, von dem der öffentliche Verkehr ausgenommen ist. «Für Angestellte in der Stadt ergeben sich längere Arbeitswege und längere Arbeitszeiten», heisst es. Und weiter: «Die Behinderungen resultieren praktisch ausschliesslich aus der Sperrung der Zufahrt durch das Lauitor in die Stadt.» Diese würden auch nach dem Ende der Bauphase bestehen bleiben. Die Unterzeichnenden fordern die Verantwortlichen daher auf, «die Verkehrsführung betreffend das rechte Thunersee-ufer zu überdenken» und auf die Bedürfnisse der drei Gemeinden Rücksicht zu nehmen.

Philippe Tobler (SVP), Gemeindepräsident von Oberhofen, hielt gestern fest, dass die Petition unter der Federführung des früheren Oberhofner Grossrats Thomas Heuberger (Grüne) zustande gekommen sei. Gesammelt wurde während rund eines Monats zwischen Mitte Mai und Mitte Juni. Auf die Frage, ob die Bittschrift nicht zu spät respektive zum falschen Zeitpunkt komme, meinte Tobler: «Nein, das denke ich nicht. Das Problem beim Lauitor existiert ja weiterhin.» Als möglichen Kompromiss nannte der Oberhofner Gemeindepräsident, dass der Abschnitt Maulbeerkreisel–Lauitor für Gefährte bis zu einem Gewicht von drei Tonnen in beide Richtungen freigegeben werden könnte.

Kommt 10-Minuten-Takt?

In Sachen Verkehr vom und zum rechten Seeufer verschickte die Stadt Thun just gestern ein Communiqué: Der Gemeinderat beantragt für Busse zwischen dem Bahnhof Thun und Oberhofen den 10-Minuten-Takt. Ist dieser Antrag eine direkte Reaktion auf den Druck vom rechten Seeufer?

Andrea de Meuron (Grüne), Vorsteherin der Direktion Finanzen Ressourcen Umwelt, verneinte. Die Regionale Verkehrskonferenz Oberland-West habe die Gemeinden eingeladen, ihr zum Angebotskonzept 2022–2025 Wünsche zukommen zu lassen. «Wir haben unsere Eingabe jetzt verabschiedet. Der Zeitpunkt ist vorgegeben.» Für den Gemeinderat ist klar, dass mit einer solchen Angebotsverbesserung eine Verlagerung vom motorisierten Individualverkehr auf den ÖV bewirkt werden könne und sich die Erreichbarkeit des Bahnhofs für Bewohnerinnen und Bewohner der rechten Thunerseeseite deutlich verbessere.

Denselben Antrag reichte die Stadt bereits vor vier Jahren ein. «Damals stimmten Hilterfingen und Oberhofen gegen den 10-Minuten-Takt auf der Linie 21 und Sigriswil gegen Angebotsverbesserungen auf der Linie 24 Oberhofen–Schwanden–Sigriswil», sagte de Meuron. Der 10-Minuten-Takt sei ein wesentlicher Bestandteil der Verkehrspolitik der ganzen Region, basierend auf dem Regionalen Gesamtverkehrs- und Siedlungskonzept Thun-Oberland West. «Aber es bedingt, dass die Gemeinden mitmachen. Vor vier Jahren gab es keine Mehrheit für den 10-Minuten-Takt.» Der Thuner Gemeinderat hoffe nun, dass Oberhofen und Hilterfingen den Antrag diesmal unterstützen.

«Je mehr Personen auf den Bus umsteigen, desto stärker wird der Verkehr entlastet.»Andrea de Meuron

Nur: Wenn der Bus im Stau stecken bleibt, nützt auch der 10-Minuten-Takt nichts. Ist der Hintergrund des verdichteten Takts vor allem, dass zusätzliche Leute auf den ÖV umsteigen? «Absolut», antwortete de Meuron. Das Wachstumspotenzial am rechten Seeufer sei begrenzt. Je mehr Personen – gerade solche, die zum Thuner Bahnhof wollen – auf den Bus umsteigen, desto stärker werde der Verkehr entlastet. Ein einziger Gelenkbus biete über 60 Sitz- und 110 Stehplätze – «er ersetzt einen Stau von 700 Metern Länge oder 140 Autos».

Irritiert – und gelassen

Oberhofens Gemeindepräsident Tobler wiederum hielt sich in Sachen Einführung des 10-Minuten-Takts zwischen dem Bahnhof Thun und Oberhofen gestern noch bedeckt: «Ich kann dazu noch nichts sagen. Wir müssen das vorerst intern besprechen.» Die Förderung des öffentlichen Verkehrs sei grundsätzlich zu begrüssen, allerdings sei die diesbezügliche Situation in Oberhofen eine andere als etwa in Thun. «Hier müssen die Bürger bis zur nächsten Bushaltestelle teilweise bis zu 20 Minuten laufen», so Tobler.

Irritiert zeigte sich Hilterfingens Gemeindepräsident Gerhard Beindorff (FDP) ob der kommunikativen Offensive des Thuner Gemeinderats. «Es ist ein laufendes Verfahren, deshalb möchte ich mich auch nicht detailliert dazu äussern.» Sagen könne er aber, dass der Gemeinderat Hilterfingen sich bei seiner Eingabe an die Regionale Verkehrskonferenz gegen die Einführung des 10-Minuten-Taktes ausgesprochen habe. «Das Kosten-Nutzen-Verhältnis stimmt für uns nicht», sagte Beindorff. Die Gemeinde Hilterfingen hätte jährlich 100'000 Franken mehr zu bezahlen.

Allgemein spricht Beindorff von einer «schwierigen Verkehrssituation» am rechten Thunerseeufer. «Ich bin gespannt, ob sich die neue Verkehrsführung bewährt», sagte er. Eine Chance will er dem Regime aber geben. «In ein paar Wochen sehen wir, ob es funktioniert.»

Gelassen reagierte Sigriswils Gemeindepräsident Beat Oppliger (PBS). «Uns bringt ein 10-Minuten-Takt nach Oberhofen nichts.» Es sei sehr unwahrscheinlich, dass Sigriswiler mit dem Auto nach Oberhofen fahren würden, um es dort zu parkieren und auf einen Bus umzusteigen. Oppliger sieht aber mögliche positive Nebeneffekte für Sigriswil. «Sollten mehr Bürger aus Oberhofen und Hilterfingen auf den Bus umsteigen, dann gibt es weniger Verkehr. Davon würden auch wir profitieren.» Angesprochen auf das Einbahnregime in der Thuner Innenstadt gibt sich Oppliger zurückhaltend. «Bis jetzt konnten wir wegen der Bauerei nicht beurteilen, ob es einen Nutzen hat.» Er sei nun gespannt, wie sich das neue Regime auswirken werde.

Thuner Tagblatt

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