40 Säulen, ein Plädoyer für Ehrlichkeit, null Misstöne

Thun

Müsste man der Thuner Politik nach 100 Jahren Stadtrat einmal so richtig den Marsch blasen? Nun, das Ensemble der Musikschule Thun mit fünf Bläsern setzte vielmehr auf Wohlklang. Es umrahmte die Jubiläumssitzung vom Donnerstag mit dynamischen Auftritten

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Misstöne blieben auch sonst im Rat für einmal gänzlich aus. Mehr noch: Von einem «überwältigenden Gefühl» berichtete Seraina Graf (Grüne), die im November als derzeit jüngste Politikerin ins Parlament gewählt worden war, von «Hühnerhaut», welche das für sie unerwartete Abstimmungsergebnis ausgelöst habe. In ihrer souverän gehaltenen Rede sprach sie dem Rat aber durchaus ins Gewissen. «Wir Jungen haben eine ganz andere Sicht auf die Welt und dementsprechend frische, gewagte und vielleicht auch ein bisschen impulsive Vorstellungen und Ideen», sagte die 21-Jährige.

Ältere brächten dafür Erfahrung mit. Das gegenseitige Verständnis aufzubringen, sieht sie als zentrale Aufgabe auf dem Weg zum Erfolg. Von den Jungen wünsche sie sich, dass sie sich interessieren, Verantwortung für die Stadt übernehmen. An die ältere Generation richtete sie den Wunsch, Geduld aufzubringen bei der Unterstützung der Jungen – gerade wenn deren Vorstellungen womöglich naiv oder leichtsinnig erscheinen.

Und Seraina Graf betonte: «Mit Sturheit und Beharren auf den eigenen Prinzipien und Interessen kommen wir nicht auf einen grünen Zweig.» Zuhören, die eigene Haltung hinterfragen: So sei ein Konsens möglich. Ehrlichkeit und Fairness sollten im Vordergrund stehen, nicht Eigeninteressen. Das sieht die Studentin als Erfolgsrezept für die neue Legislatur.

Eine Erfolgsgeschichte

Apropos Erfolg: Ein solcher ist der 100-jährige Thuner Stadtrat für Kurt Nuspliger, renommierter Rechtswissenschaftler und ehemaliger Staatsschreiber des Kantons Bern. Dass der Rat 40 Personen umfasst, habe sich bewährt – und die Zahl habe grossen symbolischen Gehalt: «Viele Tempel in der Antike hatten 40 Säulen», betonte Nuspliger in seinem Referat. Dem Thuner Stadtrat sei es gelungen, mit dem Gemeinderat einen stabilen Rahmen für die Entwicklung der Stadt bereitzustellen. «Thun ist eine prosperierende Stadt. Hier leben glückliche Menschen, das sehe ich auch, wenn ich in die Runde schaue», führte Nuspliger aus.

Das Parlament habe es immer wieder verstanden, Grundlagen für das friedliche Zusammenleben zu schaffen. Vor 100 Jahren habe der Stadtrat noch stark ins operative Geschäft der Gemeinde eingegriffen. Heute sei die Stadtverfassung moderner, sie weise dem Stadtrat strategische Aufgaben zu. «Parlamente steuern das politische Handeln. Sie sollen nicht selbst rudern», zeigte sich Kurt Nuspliger überzeugt. Er betonte die Wichtigkeit des Dialogs zwischen Regierung und Parlament, von Respekt und Fairness. «Der Stadtrat kann seine Aufgaben nur erfüllen, wenn er mit dem Gemeinderat gut zusammenarbeitet. Das gilt selbstverständlich auch umgekehrt.»

FCT-Darlehen als Beispiel

Nuspliger zeigte dies anhand eines Beispiels auf: Als Ende 2016 die Existenz des FC Thun bedroht war, signalisierte der Gemeinderat die Bereitschaft, mit einem Darlehen zu helfen. Eine überparteiliche Interpellation habe «sehr gescheite, kritische Fragen» gestellt. So habe der Stadtrat rechtzeitig steuernd eingreifen können und der Gemeinderat das Geschäft umfassend begründen müssen.

«Es wurde volle Transparenz geschaffen», so Nuspliger. Bekanntlich stimmte der Stadtrat dem Darlehen deutlich zu. Für Nuspliger «ein gutes Beispiel für die optimale Zusammenarbeit zwischen Stadtrat und Gemeinderat in einem Geschäft, das unter grossem Zeitdruck stand». Beide Partner hätten ihre Verantwortung wahrgenommen, aber auch die Kooperation gesucht.

Kein Wunder, klang nach so viel Lob aus berufenem Munde selbst der Applaus im Saal am Ende ungemein harmonisch...

Thuner Tagblatt

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