6000 Kilometer Wodka und Punkrock

Umjubelte Konzerte, trinkfreudige Fans und ein Hauch von Jetset: Dies und noch viel mehr erlebten die Thuner Punkrocker Airstream Shakers auf ihrer Tournee durch Russland.

Wurden vom russischen Publikum gefeiert: Die Thuner Punkrocker Airstream Shakers (im Vordergrund) mit v.l.: Christoph Lädrach, Andreas Jeker, Reto Kopp und Jamie Pröschel.

Wurden vom russischen Publikum gefeiert: Die Thuner Punkrocker Airstream Shakers (im Vordergrund) mit v.l.: Christoph Lädrach, Andreas Jeker, Reto Kopp und Jamie Pröschel.

(Bild: PD)

Neun Konzerte in neun verschiedenen Ortschaften innerhalb von zehn Tagen. Solch straffe Tourprogramme mag man sich von internationalen Grössen des Musikgeschäfts gewohnt sein. Es sind dies jedoch Eckdaten der Tournee, welche die Thuner Punkrockband Airstream Shakers vor rund einem Monat im fernen Russland absolviert hat.

Doch wie kommt eine Schweizer Band, die auf Facebook wenige Hundert Fans zählt und durchschnittlich ein Konzert pro Monat gibt, dazu, eine Russlandtour zu spielen? «Alles fing mit einer E-Mail in unserem Spamordner mit dem Betreff Shakers to Russia an», sagt Reto Kopp, Sänger und Gitarrist der Band. Absender besagter Nachricht sei eine russische Bookingagentur gewesen, die einzige Verbindung zu selbiger die befreundete Berner Band Nice to eat you. Nachdem sie sich versichert hatten, dass es sich um ein seriöses Angebot handelte, unterzeichneten die Thuner den Vertrag und sassen bald darauf auch schon im Flugzeug.

«Am Moskauer Flughafen angekommen, lernten wir unseren Tourmanager kennen», sagt Gitarrist Jamie Pröschel. «Wir wollten noch eine Zigarette rauchen, aber schon da hiess es, dafür sei keine Zeit.» Es folgte eine 12-stündige Autofahrt ins knapp 700 Kilometer entfernte, an der Wolga liegende Tscheboksary, wo die Thuner ihren ersten Gig spielen würden. «Unterwegs trafen wir den Chef der Bookingagentur in einem Einkaufszentrum. Er gab uns eine Flasche Wodka und eine Flasche Orangensaft mit auf den Weg», erinnert sich Schlagzeuger Andreas Jeker.

Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll

Der Hauch von musikalischem Jetset sollte aber nicht nur das Setting versprühen. Schon das erste Konzert vor dem fremden Publikum sei ein voller Erfolg gewesen, sagt Bassist Christoph Lädrach. «Ein Mädchen bat mich, ihre Brüste zu signieren.» Das Highlight folgte einen Tag später in Uljanowsk, wo die Air-stream Shakers zusammen mit einer japanischen Band auftreten durften. «Nach dem Konzert haben wir über eine Stunde mit Leuten aus dem Publikum gesprochen, Selfies mit den Fans gemacht, ja sogar Zeichnungen von ihnen erhalten», sagt Lädrach. Das Publikum sei in einem Masse begeistert gewesen, wie man es in der Schweiz nie erlebe. «Jeder wollte noch einen mit dir trinken. Jemand gab uns sogar eine Einweisung, was einen guten Wodka ausmache», sagt Jeker.

Anekdoten wie diese, von frittiertem Brot als Mitternachtssnack, von Rollstuhl- und Fahrradfahrern auf der Autobahn oder Polizeikontrollen mit Sprachbarrieren, weiss die Band freilich etliche zu berichten, wenn sich auch alle in dieser Parallelwelt zwischen Bühne, Unterkunft und Strasse abspielten.

Abseits davon blieb dem Quartett während der zehn Tage, in denen sie rund 6000 Kilometer zurücklegten, den Ural überquerten und fast bis an die kasachische Grenze gelangten, keine Zeit, Land und Leute näher zu erkunden. Strapazen, die auch körperlich spürbar wurden. «Gegen Ende sind wir nur noch mit Ohropax herumgelaufen», sagt Jaime Pröschel. «Der Lärm macht dich kaputt, besonders weil die Russen keine Dezibelbegrenzung kennen.»

Selbstvertrauen getankt

Das neunte und letzte Konzert in Ischewsk wurde denn auch von gemischten Gefühlen begleitet. «Einerseits war diese Tour das Härteste, aber gleichzeitig auch das Coolste, das wir als Band bisher erlebt haben», sagt Gitarrist Pröschel. Ohnehin stand für die Band das Erlebnis im Vordergrund, denn es ist in der Branche ein offenes Geheimnis, dass mit solchen Tourneen Bandkonti vielmehr geplündert anstatt aufgestockt werden.

Was den vier Punkrockern in Erinnerung bleiben wird, ist vor allem auch die Herzlichkeit der Menschen. «Nicht zuletzt dank dem enthusiastischen Publikum konnten wir viel Selbstvertrauen tanken», sagt Andreas Jeker. Diesen Schwung will das Quartett nun nutzen, um neue Songs zu schreiben und Aufnahmen zu machen.

Thuner Tagblatt

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