Eine Hymne auf die Zivilcourage

Seit diesem Mittwoch ziert ein Klavier das Perron beim Gleis eins am Bahnhof Thun. Jeder, der möchte, kann sich am Piano musikalisch entfalten.

Thuner, seid mutig! Das Klavier ist jederzeit spielbar.

Thuner, seid mutig! Das Klavier ist jederzeit spielbar. Bild: Irina Eftimie

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Inmitten der Hektik an einem Bahnhof wird nur selten sanfte Musik erwartet. Doch genau das könnte bald Alltag sein. Seit Mittwoch steht beim Gleis eins am Bahnhof Thun ein Klavier, genauer gesagt das «Piano am Bahnhof». Die Aktion stammt vom Aarauer Tierarzt und Sprengmeister Andres Brändli, der vor vier Monaten zum ersten Mal ein Klavier an den Bahnhof Aarau stellte.

Einen Monat in Thun

«Ich bin ein Visionär, und ich fühle mich wohl in dieser Rolle», sagt Andres Brändli, der ursprünglich Geologe werden wollte. Die Inspiration für das «Piano am Bahnhof» stamme von Brändlis Reisen durch Napoli und Arnheim. «Ich habe das in beiden Städten gesehen. Die Pianos waren in den riesigen Hallen der Bahnhöfe auf­gestellt, und die Leute haben einfach in die Tasten gehauen. Ich hatte das schon beinahe vergessen, aber irgendwie ist es trotzdem hängen geblieben.» Nach ­Absprache mit SBB Immobilien kaufte er ein Klavier und stellte es an den Bahnhof Aarau. Nach Aarau konnte das Klavier schon in Olten und Biel gespielt werden und soll nun auch die Thuner begeistern.

«Ich bin ein Visionär und fühle mich wohl in dieser Rolle.»Andres Brändli

Das Klavier wird rund einen Monat am Bahnhof stehen und rund um die Uhr zugänglich sein. «Ich habe keine Angst um das Instrument, und die Leute haben eine gewisse Ehrfurcht vor Klavieren.» Normalerweise werde das Klavier auch gar nicht ge­sichert. «Wir mussten es für den Bahnhof Thun anketten, weil es zu nah an den Gleisen steht. Die Kette ist also eine reine Sicherheitsvorkehrung.» Die Verantwortung für das Piano liegt bei Brändli, der auch für Reparaturen aufkommen muss. An einen Zwischenfall kann er sich deswegen besonders gut erinnern: «Ich habe einen Anruf erhalten, weil ein oder zwei Tasten nicht mehr richtig funktionierten. Der Klavierstimmer rief mich dann zurück und sagte mir, dass er fünf Rappen zwischen den Tasten gefunden habe, die er anstelle eines Honorars behalten würde.»

Das Spiel mit der Provokation

«Ein Klavier am Bahnhof ist auch ein bisschen Provokation», sagt Brändli. «Es braucht viel Mut und Zivilcourage, sich einfach hinzusetzen und etwas zu spielen.» Nachahmer dieser Aktion würden ihn besonders freuen. «Es braucht mehr Leute, die sich für solche öffentlichen Projekte einsetzen!»

Wer das «Piano am Bahnhof» letztlich benutze, sei egal. «Wir hatten auch schon Leute am Klavier, die eine Stunde spielten.» Beim ersten Versuch habe sich nach etwa zehn Minuten ein Asylsuchender aus Eritrea an das Klavier gesetzt und angefangen, ein Volkslied vorzutragen. Das «Piano am Bahnhof» soll überraschen, aber auch dazu auffordern, mutig zu sein. «Das Ganze ist ein Spiel. Es ist ein Spiel mit den Leuten, weil man sie dazu bringen kann, etwas Untypisches an einem ungewöhnlichen Ort zu tun.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.08.2017, 08:10 Uhr

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