Thun

Vom Hinterwäldler zum Edelmann

Thun«Parzival», die neue Produktion der Schlossspiele Thun, führt das Publikum ins tiefe Mittelalter. Das Stück von Lukas Bärfuss nach dem Minneepos aus dem 13. Jahrhundert von Wolfram von Eschenbach nimmt den Ritteranwärter Parzival aufs Korn. Dieser hat keine Ahnung – davon aber eine ganze Menge.

Parzival (Boris Bürki) und Conduireamour (Melanie Arnold) – die beiden fühlen sich zueinander hingezogen.

Parzival (Boris Bürki) und Conduireamour (Melanie Arnold) – die beiden fühlen sich zueinander hingezogen. Bild: Markus Hubacher

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«Tschiiwiii, huiijuu, brrr brrr . . .» verkünden die Vögel mimenden Schauspieler geschwätzig-grandios und recken ihre Köpfe zu Beginn über die Holzbretter. Der Thuner Architekt Andreas Stettler hat beim Bau der Theaterstätte mit integrierter Bühne den Ausdruck «Bretter, die die Welt bedeuten» wörtlich genommen.

Eine hölzerne Burganlage entstand in den letzten Wochen in der alten Schadaugärtnerei und führt das Publikum in ein Labyrinth. In der heimeligen Schlossschenke herrschen Europalettencharme und Kerzenschein. Gezimmerte Gänge verschlucken die Theatergäste und spucken sie vor der Bühne wieder aus.

Der Spielort selbst tut sich als Irrgarten auf, der mit vorne niedrigen, hinten schulterhohen Stellwänden vollen Einblick bietet. Die Alpenkette mit Stockhorn rundet gratis die Kulisse der ausverkauften Vorstellung ab.

Ein Brett vor dem Kopf

«Tschiiwiii, huiijuu, brrr brrr . . .» – das sind die Vögel des Waldes, die Parzival bestens bekannt sind. Er ist zwischen Brombeerbüschen und Baumstämmen aufgewachsen, erlegt Hirsche mit dem Holzspiess – und hat ein Brett vorm Kopf. Seine Mutter Herzeloyde zieht den Jungen im Wald auf und hält ihn jeglichen Rittertums fern, damit sie ihn nicht verliert wie den Vater, der im Kampf getötet wurde.

Ein Vogel löst bei Parzival Herzschmerz aus, und die Diener der Mutter erklären ihm, dass das Sehnsucht sei. «Ist Sehnsucht schlimm?», fragt der Waldschrat und möchte wissen, was hinter den Brombeeren auf ihn wartet. Herzeloyde lässt alle Vögel töten und verbietet das Wort «Ritter».

Doch Parzival bricht dennoch zum Artushof auf, und nach zahllosen Peinlichkeiten, die seiner Unwissenheit und Naivität geschuldet sind, wird er ein Artus-Ritter. Sein Lehrer Gurnemanz allerdings lehrt ihn auch, keine unnötigen Fragen zu stellen, was sich später als folgenschwer ­herausstellt. Den Heiligen Gral erkämpft er sich aber dann doch.

Wer doof ist, aber nichts davon weiss, besitzt unbewusste Inkompetenz. Bald ruft Parzival aber «Ich will nicht mehr dumm sein» – das nennt man dann bewusste Inkompetenz, ein Zustand, der nur schwer auszuhalten ist. Parzival stellt Fragen wie ein Dreijähriger: Bist du das, was man eine Frau nennt? Schlüpft man aus seiner Mutter raus? Wär hett mi dert ine gschoppet? Wieso hat ein Mensch einen Menschen getötet? Das wäre ja gerade so, als ob Hirsche Hirsche töten würden!

Arglose Meuchelei

Parzival ist ein dummes Geschöpf, zuweilen sind seine Bemerkungen aber gar nicht blöd. Sein Lehrmeister Gurnemanz lässt ihn waschen, bringt ihm das Essen mit Besteck bei und bläut ihm ein: «Fromm, edel und streng musst du werden!» Parzival pennt jedoch erschöpft im Suppenteller ein.

Er wird auch ausgeschimpft: «Schäm dich!» Parzival fordert: «Zeig mir, wie das geht.» Er sticht emotionslos einem Ritter die Augen aus, weil ihm dessen rote Rüstung gefällt. Ein Seufzen geht angesichts der arglosen Meuchelei durchs Publikum. Bald meldet sich sein Gewissen, herrlich dargestellt durch Summen, Seufzen und Sprechgesang: «Ich gehöre zu dir wie Arm und Bein und Kopf.»

Der musikalische Leiter Daniel Linder reichert die Inszenierung mit Chorgesang und lautmalerischer Fantasie an. Die teils prächtigen Roben mit Samt und Spitzen und weitere Kostüme von Tina Straubhaar versetzen optisch ins Mittelalter.

Ein Glücksgriff

Die Inszenierung des Stücks unter der Leitung von Luzius Engel packt von der ersten Minute an. Die Wahl des Stoffs durch die Schlossspiele erweist sich als Glücksgriff. Der aus Thun stammende erfolgreiche Bühnenautor Lukas Bärfuss hat das Minneepos in eine entlarvende, tragikomische Story umgewandelt. Beat Jörg als Leiter der Technik taucht das Ensem­ble teils in gespenstisches Licht, das sich grandios von der Stockhornkette abhebt.

Durch überraschende Regieeinfälle, ein hellwaches Ensemble und Boris Bürki als Parzival, der sich herrlich tumb durch die Pampa metzelt, gewinnt das Stück an Fahrt. Einzig die Szene mit dem Einsiedler, der Parzival zutextet, wirkt gegen Schluss etwas lang.

Die Mundartbearbeitung von Melanie Arnold transferiert die anspruchsvolle Geschichte in kurzweilige Alltagssprache von heute. So viel sei verraten: Es geht gut aus, und am Schluss singen die Waldvögel wieder «Tschiiwiii, huiijuu, brrr brrr . . .» (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.08.2016, 19:55 Uhr

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