Thun

Wie Thun und sein Waffenplatz gross wurden

ThunAls Historiker und Geschäftsleiter der Stiftung Historisches Material der Schweizer Armee blickt Stefan Schaerer auf die Geschichte des Militärstandortes Thun zurück.

Gleicht mit etwas Fantasie einem Vogel, der in die Stadt  pickt: Der Waffenplatz Thun.

Gleicht mit etwas Fantasie einem Vogel, der in die Stadt pickt: Der Waffenplatz Thun. Bild: PD

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Der Thuner Waffenplatz ist in der ganzen Schweiz bekannt. Gibt es etwas, das die Menschen über ihn noch nicht wissen?
Stefan Schaerer: Wenn man das Waffenplatzgelände von oben betrachtet, dann sieht es mit ­etwas Fantasie wie ein Vogel aus. Das Polygon ist der Schnabel, der in die Stadt hineinpickt. Das ist ein interessantes Bild, welches gut die enge Verbindung von Stadt und Waffenplatz illustriert.

Was macht den Thuner Waffenplatz so besonders?
Der Waffenplatz Thun ist für die Entwicklung der Schweizer Armee und einiger der wichtigsten Truppengattungen ein bedeutender Standort. In Thun wurden und werden Bereiche ausgebildet, welche für eine ­Armee ganz grundlegende Aufgaben abbilden.

Der Waffenplatz erlangte vor ­allem wegen der Artillerie Bekanntheit. Wie kam es dazu?
Die Thuner Allmend war für die Ausbildung geeignet, die Stadt lag geografisch ideal für diejenigen Kantone, welche für die Artillerie die Mannschaft und die Offiziere stellten und das notwendige Material lieferten. Die Kaserne, deren Bau 1864 begann und zwei Jahre später fertiggestellt war, bot der auszubildenden Truppe die notwendige Unterkunft und den Platz dafür, das einzusetzende Material zu lagern. Die Armee, für Thun und den Waffenplatz mit Fokus Artillerie insbesondere, benötigte für das Üben und den Einsatz ganz generell neben den Waffen auch die dazu passende Munition.

Nicht nur für die Munition, ­sondern auch für die Pferde brauchte man Platz. Wie wurde dieses Problem gelöst?
Das Pferd als zentrales, individuelles und leistungsstarkes Fortbewegungsmittel der damaligen Zeit spielte im Zusammenhang mit der Artillerie eine bedeutende Rolle. Die 1850 gegründete Eidgenössische Pferderegieanstalt, die bis anhin an der Aarestrasse untergebracht war, benötigte dringend neuen Platz für die Unterbringung und die Ausbildung der Pferde. Im Juni 1890 beschloss das eidgenössische Parlament einen Neubau im Schwäbis. Nur anderthalb Jahre später war der Bau fertiggestellt. Damals wurde eine knappe halbe Million Franken dafür eingesetzt. Auf unsere Zeit umgerechnet, wurde somit ein Betrag von ungefähr 25 Millionen Franken innert kürzester Zeit nicht nur bewilligt, sondern auch eingesetzt.

Die Gründung des Waffen­platzes fiel in die Zeit der ­Industrialisierung. Welchen Einfluss hatte das auf dessen Entwicklung?
Der 1859 vollzogene Anschluss von Stadt und Region Thun an das Eisenbahnnetz war für die weitere Entwicklung wertvoll. Als logische Konsequenz wurde 1863 das Feuerwerk-Laboratorium zur Produktion von Munition und die Mechanischen Werkstätten zur Produktion von Waffen gegründet. Diese beiden Betriebe wurden wenig später im Jahr 1874 in die Eidgenössische Munitionsfabrik beziehungsweise die Eidgenössischen Konstruktionswerkstätten umbenannt. Sie und der damit zusammenhängende Bedarf an Produktionsmitteln hatte einen weiteren Neben­effekt zur Folge: Insbesondere die Munitionsfabrik benötigte für ihre Produkte verschiedene Bestandteile. Um diesen Bedarf zu befriedigen, wurden 1895 in unmittelbarer Nähe die Schweizerischen Metallwerke Selve & Cie. gegründet.

Das Wachstum des Waffen­platzes hatte auch zahlreiche bauliche Veränderungen zur Folge. Können Sie ein Beispiel nennen?
Zu den Veränderungen gehört unter anderem der Bau der Regiebrücke im Jahr 1892, der durch die Verlegung der Stallungen ins Schwäbis notwendig wurde. Jedoch setzte noch vor dem Ersten Weltkrieg mit der fortgesetzten Entwicklung des Motors und der Motorisierung der Gesellschaft und damit auch der Armee ein Trend ein, der für die weitere Entwicklung des Standortes Thun bedeutend werden sollte und zu weiteren baulichen Tätigkeiten führte.

Wie sah dieser Trend aus?
Im Ersten Weltkrieg stammte der grösste Teil der im Militärdienst eingesetzten Fahrzeuge noch aus privatem Besitz. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Motorwagenpark der Schweizer Armee ins Berner Oberland verlegt. Im November 1921 nahm der Armeemotorfahrzeugpark Thun (AMP) seinen Betrieb auf und entwickelte sich innert kurzer Zeit zu einem Grossunternehmen.

Wie wirkte sich das auf den Standort Thun aus?
Logische Konsequenz der Konzentration am Standort Thun war ein zunehmender Platz­bedarf der Armee. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg baute die Stadt Thun daher die Dufourkaserne. Der Prozess der Mechanisierung und der Motorisierung der Armee war nicht mehr aufzuhalten. Gepanzerte Fahrzeuge mit den unterschiedlichsten Aufgaben prägten zunehmend das Bild der Armee. Als 1953 der militärische Flugplatz in Thun aufgelöst wurde, konnte das frei gewordene Areal nun von derjenigen Truppengattung in Besitz genommen werden, welche für die in der Zeit des Kalten Krieges zunehmend zentralere Waffe für ihre Ausbildung mehr Platz benötigte: die Panzer.

Der Panzer hat also die Artillerie verdrängt?
Der Waffenplatz im Berner Oberland war nach dem Zweiten Weltkrieg definitiv zum Ausbildungszentrum der Panzerwaffe geworden. Diese benötigte zusätzlichen Platz und Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Daher wurde im Jahr 1980 auch das unter dem Namen MLT-Dreieck bekannte Ausbildungszentrum fertiggestellt.

Der Waffenplatz scheint also stetig zu wachsen?
Nein, das stimmt so nicht. Seit dem Ende des Kalten Krieges setzte ein Prozess ein, der nun umgekehrte Entwicklungen zur Folge hatte. So gewann die elektronische Ausbildung und damit der Einsatz von Simulatoren an Bedeutung. Die verkleinerte Armee benötigte nicht nur weniger Waffen, sondern auch weniger Munition. Nebst der allgemeinen wirtschaftlichen Lage war dies mit ein Grund, dass nach der Fusion der beiden Munitionsfabriken in Altdorf und Thun 1995 die neue Schweizerische Munitionsfabrik entstand. Diese ­wiederum wurde 1999 in die gegründete privatwirtschaftliche Ruag, einen weiteren wichtigen Arbeitgeber der Region, integriert. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 16.08.2018, 20:32 Uhr

Historiker Stefan Schaerer kennt die Armee gut. (Bild: Therese Krähenbühl)

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