Als Bärfuss Bachs Kantate freilegte

Thun

Unter dem Titel «Musik & Wort» präsentierten die Bachwochen die Kantate «Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben». Und Schriftsteller Lukas Bärfuss reflektierte die alten Texte mit verbaler Brennschere.

Fotos: Machte dem Publikum «den Bach madig»: Lukas Bärfuss.

Fotos: Machte dem Publikum «den Bach madig»: Lukas Bärfuss.

(Bild: Markus Hubacher)

«Weisst du nicht, dass dich Gott zur Busse locket?», fragt die Kantate aus dem Bach-Werkverzeichnis (BWV) 102 offenbar noch recht harmlos. Doch der fuchtelnde Zeigefinger kommt den Zuhörenden mit Fortschreiten des Chorwerks immer bedrohlicher entgegen. Johann Sebastian Bach habe die Texte für jede seiner rund 200 Kantaten, die er innert dreier Jahre jede Woche für die Gottesdienste komponierte, selbst ausgewählt, leitete Rudolf Lutz seine Werkeinführung ein. Der Leiter der J-.S.-Bach-Stiftung St. Gallen nahm mit Esprit und Charme sein Publikum gefangen in seiner Leidenschaft für die bachsche Genialität. Am E-Piano oder bestens bei Stimme lieferte der Musiker Hörbeispiele aus der Kantate und kommentierte vielsagend. Zur Busse locke Bach mit einem Menuett, dozierte Lutz und stimmte gleich die tanzenden fünf Takte auf dem Piano an. Die Busse sei als Umkehr zu verstehen, vielleicht als Aufforderung «es Bitzeli weniger Alkohol» zu trinken, führte er humorig aus, was einige Lacher in der gut besuchten Stadtkirche erntete.

Die ganze Kirche sang mit

«Erschrecke doch, du allzu sichre Seele», fordert die Tenorarie auf. «Die Gottes Langmut geht auf einem Fuss von Blei, damit der Zorn hernach dir desto schwerer sei», mahnt der Text erstaunlich leichtfüssig mit Traversflöte als Soloinstrument. Das Rezitativ der Altstimme wirke dann musikalisch wie ein Sprung in der Platte: «Bei Warten ist Gefahr, willst du die Zeit verlieren?» Nach einer Dreiviertelstunde endete die Werkeinführung von Rudolf Lutz mit anerkennendem, lange währendem Beifall. Einige Male gelang es Lutz dabei, das Publikum in der Kirche selbst bei schwierigen Passagen zum Mitsingen zu animieren.

Das Orchester der J.-S.-Bach-Stiftung St. Gallen und die Solistinnen und Solisten Ulrike Hofbauer (Sopran), Margot Oitzinger (Alt), Raphael Höhn (Tenor) und Matthias Helm (Bass) liessen die Kantate in all ihrer Schönheit und Kraft erklingen. (Bild: Markus Hubacher)

Das Orchester der J.-S.-Bach-Stiftung St. Gallen und die Solistinnen und Solisten Ulrike Hofbauer (Sopran), Margot Oitzinger (Alt), Raphael Höhn (Tenor) und Matthias Helm (Bass) liessen nach kurzer Pause die 20-minütige Kantate ohne Mikrofone in all ihrer Schönheit und Kraft erklingen. Manch einer in der Kirche mag angesichts des zur Umkehr auffordernden Textes in sich gegangen sein, wie viele der konzentrierten Gesichter ahnen liessen. Der Choral «Heute lebst du, heute bekehre ich dich! Eh morgen kömmt, kanns ändern sich: Wer heute ist frisch, gesund und rot, ist morgen krank, ja wohl gar tot ...», hinterliess ein zart beunruhigendes Gefühl.

Veredeltes Geschreibsel

«Es ist mir eine Ehre und eine grosse Freude, die Dummheit besessen zu haben, die unlösbare Aufgabe 15 bis 20 Minuten über diese Kantate zu reflektieren, anzunehmen», leitete Schriftsteller Lukas Bärfuss seine Reflexion ein. «Sie kommen also in den Genuss, einen Mann im besten Alter auf die Nase fallen zu sehen.» In bärfussscher Hochform nagelte der frisch gekürte Träger des hoch dotierten Georg-Büchner-Preises den Text der Kantate an die Wand: «Jede Minute, die wir mit diesem Text verbringen, ist verschwendet!» Denn er verfolge eine Rhetorik der Angst, eine Politik der Drohung, und eine Ideologie, die besagt: «Lass dich bekehren, sonst folgt die Strafe.»

«Jede Minute, die wir mit diesem Text verbringen, ist verschwendet!»Lukas Bärfuss, Schriftsteller

Das Geschreibsel wäre längst vergessen, wenn sie nicht von der sonderbarsten, reichsten Musik des Johann Sebastian Bach unsterblich gemacht worden wäre, fuhr Bärfuss fort. Lange Zeit sei Bach für ihn ein Mann mit seltsamer Perücke gewesen, der Soundtracks für den Bibelschunken komponierte. Dann habe er in Leipzig im Gewandhaus den Organisten Michael Schönheit – der heisst wirklich so – erlebt, wie er Bach spielte. «Das war wie ein Gewitter, ich ein Laubblatt», erinnerte sich der Wortkünstler. Am Ende hätte ihn die Musik wieder sanft auf den Boden gesetzt.

Wer im Publikum erwartete, ein Loblied auf die Kantate zu hören, wurde eines Besseren belehrt. Bärfuss erinnerte daran, dass dieses Werk für den zehnten Sonntag nach Trinitalis (elf Wochen nach Pfingsten) am 15. August 1726 komponiert wurde. In dieser Zeit galt dieser Tag als «Judensonntag», der die Zerstörung des zweiten Tempels in Jerusalem 70 n. Chr. feierte, wohlgemerkt feierte, dass das jüdische Volks von den Römern abgeschlachtet wurde. Erst im Jahr 1970 benannte die evangelische Kirche in Deutschland den Tag in Israelsonntag um, als Zeichen für den Dialog zwischen Juden und Christen. Für Bärfuss strotzt der Text der Kantate vor antisemitischer Resonanz, begleitet von dieser unvergleichlichen Musik. «Sie werden sich fragen: ‹Muss dieser Schriftsteller jetzt auch noch den Bach madig machen?›» Bärfuss proklamierte, dass wir nie vergessen dürfen, was der Preis für diese Schönheit war. «Sie müssen mir recht geben, dass es unmöglich war, diese Aufgabe der Reflexion zu bestehen – in 15 bis 20 Minuten.»

Mit neuen Gedanken hörte das Publikum die Kantate nochmals. Was zuvor noch als Mahnung an jeden Einzelnen gewirkt hatte, sahen viele in der Stadtkirche nun im bärfussschen Licht: «Sie haben ein härter Angesicht denn ein Fels und wollen sich nicht bekehren ...», war nicht die einzige Zeile, die betroffen machte.

Bachwochen Thun: 31.8, 19.30 Uhr, KKThun, Jazz & Bach, Nitai Hershkovits Trio, 1.9., 17 Uhr, Kirche Amsoldingen, Fear & Hope, Solomon’s Knot Vokalensemble, 7.9., 13.30 Uhr, Stadtkirche Thun, Schwarzweiss & viele Farben, Musikvermittlung mit Susanne Flück, Orgel Babette Mondry, 7.9., 19.30 Uhr, Stadtkirche Thun, Trompete & Orgel, Reinhold Friedrich und Babette Mondry.

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