Als im Falken noch ­Theater gespielt wurde

Thun

Ein Stadttheater existierte in Thun nie. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bot das Hotel Falken im Bälliz mit seinem grossen Saal jedoch einen geeigneten Raum für Theater- und Unterhaltungsabende.

<b>Das Hotel Falken in einer Aufnahme aus dem Jahr 1902:</b> 1974 wurde es geschlossen und bis 2014 als Altersheim weiterbetrieben. 2013 kaufte die AEK Bank das Gebäude. Nach dem geplanten Umbau soll es in neuem Glanz erstrahlen.

Das Hotel Falken in einer Aufnahme aus dem Jahr 1902: 1974 wurde es geschlossen und bis 2014 als Altersheim weiterbetrieben. 2013 kaufte die AEK Bank das Gebäude. Nach dem geplanten Umbau soll es in neuem Glanz erstrahlen.

(Bild: PD (Historische Sammlung Markus Krebser, Burgerbibliothek Bern))

Obwohl man in Thun im 19. Jahrhundert «den Genuss dramatischer Vorstellungen keineswegs verkannte», wie es in einer Schrift von 1875 zum bernischen Bühnenwesen heisst, wurde hier nie ein Stadttheater gegründet.

Für Theatervorstellungen sorgten Wanderschauspieltruppen und auswärtige Theaterensembles, die ab 1812 in der Stadt gastierten. Anfänglich fanden die Aufführungen in der Kaserne im Bälliz statt, später in den Sälen der Gasthöfe, hauptsächlich im Falken, im Sädel oder im Freienhof.

Der Falken, ein Zentrum des kulturellen Lebens

Das Hotel Falken nahm 1835 seinen Betrieb auf. Um 1840 erfolgte der Anbau des Falkensaals, in welchem fortan unzählige Veranstaltungen wie Theateraufführungen, Konzerte, Bälle, Schulfeste oder Jahresversammlungen diverser Vereine stattfanden.

Der Falken wurde vorübergehend zu einem Zentrum des kulturellen Lebens der Stadt. «Während in den Etablissements in Hofstetten vornehmlich die fremden Reisenden abstiegen, sah man im Falken Kaufleute, Schweizer Reisende, Offiziere und Landleute», resümierte der Berichterstatter des «Oberländer Tagblattes» 1955 anlässlich des 120-jährigen Bestehens des Hotels.

Eine Theaterszene aus «Hänsel und Gretel»: Die Postkarte stammt vom Thuner Fotopionier Jean Moeglé (1853–1938) und wurde vermutlich um 1900 in seinem Fotoatelier aufgenommen. Bild: PD (Stadtarchiv Thun)

Theatergesellschaften, die in Bern, im Hôtel de Musique, dem späteren Stadttheater, gastierten, kamen immer wieder auch nach Thun und hatten Auftritte im Falken. Im 19. Jahrhundert standen den Theaterhäusern ­vielerorts noch keine fest angestellten Direktoren vor, und der Spielbetrieb entsprach einem Pachtsystem.

Die Leiter von Theatergesellschaften erhielten vom Regierungsrat Konzessionen für ein paar Wochen oder Monate und schlossen mit den Vermietern der jeweiligen Theater Verträge ab. Während der Gastspiele in Thun waren die Mitglieder dieser Theaterkompanien häufig bei Privaten untergebracht, wo sie gegen Bezahlung Kost und Logis erhielten.

Ab 1904, nach der Eröffnung des neuen Stadttheaters in Bern, gastierte dessen Ensemble regelmässig in Thun. Um den theaterinteressierten Thunerinnen und Thunern sowie den im Oberland weilenden Touristen auch einen Opernabend im prächtigen Theaterneubau in Bern zu ermög­lichen, setzten die SBB Theaterextrazüge ein, welche die Besucherinnen und Besucher nach der Vorstellung wieder nach Hause brachten.

Vereine mit Theatergruppen und das Kino halten Einzug

Neben professionellen Schauspieltruppen traten im Falken auch Laientheatergruppen diverser Vereine auf. So bot 1861­ ­etwa die «dramatische Ge­sellschaft der Waadtländer ­Studenten in Bern» eine dra­matisch-musikalische Abendunterhaltung in fran­zösischer Sprache, oder der Thuner Grütli­verein (vaterländisch orientier­ter Arbeiterverein) sorgte 1893 mit dem patriotischen Schauspiel «Das Glück oder nur ein Schulmeister» für einen dicht besetzten Falkensaal.

Mit der Erfindung des Films um die Jahrhundertwende hielt das Kino Einzug in die Städte. Im Falkensaal fanden vorerst einzelne kinematografische Vorführungen statt, bis er 1919 zum Grand Cinéma Falken mit 268 Sitzplätzen umgebaut wurde.

Doch im Falken wurden nicht nur Kulturveranstaltungen geboten, wie verschiedene Inserate in den Thuner Zeitungen zeigen. So bot etwa ein Herr Bärlocher, Eigentümer einer orthopädischen Praxis in Rorschach am Bodensee, 1852 im «Thuner Blatt» Beratungen über Krümmungen des menschlichen Körpers an: «Ich bin Sonntag, den 18. [Mai] in Thun im Falken zu sprechen. Konsultationen unentgeltlich.»

In derselben Zeitung und im gleichen Jahr inserierte ein «geschickter und solider Zahnarzt» aus Neuenburg und kündigte den Thunerinnen und Thunern an, dass er «ein bis zwei Tage im Gasthof zum Falken Audienz geben wird.» Und 1901 wies ein Inserat im «Thuner Anzeiger» darauf hin, dass eine «fremde, durchreisende Dame» im Hotel Falken, Zimmer acht, «alte Ge­bisse (künstl. Zähne), auch unbrauchbare», kaufe.

Die Autorin gehört zum siebenköpfigen Historikerteam, welches im Auftrag des Vereins Thuner Stadtgeschichte die jüngere Stadtgeschichte aufarbeitet (wir berichteten). Das Gesamtwerk erscheint im Herbst. Diese Zeitung publiziert in loser ­Folge als Serie einzelne Themen aus ihrem Fundus an Recherchen.

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