Aus dem Herzen einer Kantate

Thun

Die neun Konzerte der Bachwochen Thun bieten im August und September eine erlesene Auswahl an Klangerlebnissen – mit einem Höhepunkt an der Veranstaltung «Musik & Wort» mit Lukas Bärfuss.

«Bach hat mich verändert», sagt der aus Thun stammende Autor Lukas Bärfuss. Am 24. August reflektiert er im Rahmen der Bachwochen Thun über eine Kantate des Meisters. (Bild: PD/Frederic Meyer)

«Bach hat mich verändert», sagt der aus Thun stammende Autor Lukas Bärfuss. Am 24. August reflektiert er im Rahmen der Bachwochen Thun über eine Kantate des Meisters. (Bild: PD/Frederic Meyer)

«Das ist doch einmal etwas, woraus sich was lernen lässt! Bach ist der Vater, wir sind die Buben. Wer von uns was Rechtes kann, hats von ihm gelernt», soll Wolfgang Amadeus Mozart über Johann Sebastian Bach gesagt haben. Mozart wurde erst sechs Jahre nach Bachs Tod geboren, huldigte aber zeit seines kurzen Lebens dem «Vater».

Auch die Bachwochen Thun feiern alle zwei Jahre den Meister mit einem hochstehenden Festival unter der Intendanz von Vital Julian Frey. Für Kinder sind Workshops und Probenbesuche geplant. Den Erwachsenen werden neun Programme mit musikalischen Erlebnissen geboten. Der historische Bogen reicht von Bach bis zu zeitgenössischer Musik und Jazz.

Bärfuss reflektiert Bach

«Musik & Wort» heisst es am 24. August in der Stadtkirche. Das Orchester und die Vokalsolisten der Bach-Stiftung St. Gallen konzertieren die Bach-Kantate BWV 102 – «Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben». Zwischen den Musikvorträgen holt Schriftsteller Lukas Bärfuss in seiner Reflexion das Werk ins Heute: «Johann Sebastian Bach stellt für mich auf gewisse Weise die endgültige Sehnsucht eines Schriftstellers dar», kommentiert der aus Thun stammende Autor: «Denn Bach verbindet Struktur und Gefühl, Strenge und Freude, Spiritualität und sehr irdische Ansprache.»

Bärfuss hat einst im Gewandhaus Leipzig den Organisten Michael Schönheit einige Bach-Kantaten spielen hören. Das habe ihn verändert, berichtet der Schriftsteller, er wisse nicht genau, wie, vielleicht werde er es für die Reflexion in Thun herausfinden.

Flankiert werden die Gedanken des Autors von der Kantate, zweimal gespielt durch die J.-S.-Bach-Stiftung St. Gallen, die innert rund 25 Jahren das gesamte Vokalwerk von Johann Sebastian Bach (1685?1750) aufführen will. 1999 taten sich Musiker Rudolf Lutz und Unternehmer Konrad Hummler zusammen. Aus privaten Mitteln wurde der Grundstock der Bach-Stiftung gebildet. Die erste Kantatenaufführung fand 2006 statt, die letzte ist im Jahr 2027 geplant.

Kooperation mit St. Gallen

Intendant Vital Julian Frey greift in der Beschreibung seiner Arbeit für die Bachwochen auf ein afrikanisches Sprichwort zurück: «Willst du schnell gehen, geh allein – willst du aber weit gehen, geh mit anderen gemeinsam.» Er arbeite gerne mit Menschen zusammen und glaube an das Potenzial eines funktionierenden Teams.

Die Kontaktaufnahme mit den Kollegen aus St. Gallen sei ganz natürlich geschehen. Einerseits kenne er als Cembalist die meisten Musikerinnen und Musiker des monumentalen Kantatenprojekts in St. Gallen persönlich. Andererseits führe die Kooperation mit der Bach-Stiftung zu einer Win-win-Situation. Für die Beteiligten sei es reizvoll, verrät Frey, die Produktion vom Vorabend in St. Gallen ein zweites Mal in Thun spielen zu können. Dadurch werde das Projekt finanzierbar, das mit den millionenschweren Budgets anderer Festivals nicht mithalten könne.

Überraschungen geplant

Die Bachwochen Thun seien an innovativen Konzertformaten interessiert, betont Vital Julian Frey. Die ersten Musikvermittlungsprojekte seien teils eine Überraschung fürs Publikum. Das Konzert mit Werkeinführung, zweimaliger Aufführung der Kantate sowie der Reflexion empfindet der Intendant als Bereicherung der Konzertreihe.

Auch die Vernetzung mit Lukas Bärfuss lag für den Intendanten auf der Hand. Denn einerseits gehöre der gebürtige Thuner in der Literaturszene mittlerweile zu den grossen Namen. Andererseits war Frey bei der Verleihung des Kulturförderpreises 2001 an Lukas Bärfuss für die musikalische Umrahmung zuständig, weil er 2000 den Preis gewonnen hatte. An die gruseligen Textabschnitte, die der Autor damals las, kann sich der Festivalchef bestens erinnern und freut sich: «Schön, wie sich Kreise immer wieder schliessen.»

Berner Zeitung

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