Berner Hackerin will Ängste nehmen

Sarah Mühlemann ist Hackerin. Was Laien mit «Kriminellen» gleichsetzen, ist in Tat und Wahrheit eine junge Frau mit hehren Zielen: Sie will Ängste und Unklarheiten beseitigen.

Sarah Mühlemann und ihre Hacking-Station SpyPi.

Sarah Mühlemann und ihre Hacking-Station SpyPi.

(Bild: PD)

Mit dreizehn bekam Sarah Mühlemann ihr erstes Tastenhandy, mit siebzehn kaufte sie sich einen Roboterbaukasten und mit neunzehn konstruierte sie ihre eigene Hacking-Station, genannt SpyPi. Jetzt ist sie zwanzig und erhält Unterstützung, um SpyPi für den Unterrichtsgebrauch weiterzuentwickeln. Ihre Vision: Schülerinnen und Schüler auf Gefahren im digitalen Raum aufmerksam zu machen, indem sie diesen die Möglichkeit gibt, in die Schuhe von Hackern, Datensammlern und Social Engineers zu schlüpfen. Ich traf sie zum Interview und sprach mit ihr über den Verlust der Privatsphäre, Social Media und andere zeitgenössische Phänomene.

Das Ziel: Antworten geben

Wer kennt den Unterschied zwischen Soft- und Hardware? Wem sagt der Begriff Social Engineering etwas? Wer hat auch schon einmal sonderbare Nachrichten von wildfremden Personen erhalten oder sich gewundert, warum die Werbung auf seinem Bildschirm ziemlich seinen persönlichen Vorlieben entspricht? Sarah Mühlemann, (bald) Informatikstudentin aus Bern, kennt die Antworten. Und sie hat es sich zum Ziel gesetzt, sie den Fragenden zu geben.

Das grosse Missverständnis

Sarah ist klein und zierlich, ihre Art zu sprechen ist zackig und klar. Sie scheint sehr genau zu wissen, was sie will. Von Zeit zu Zeit verwendet sie Wörter, die mehr nach Zahlenkombinationen klingen. Ihr Handy liegt neben ihr auf dem Tisch, die Frontkamera ist von einem Slider verdeckt.

«Die Chancen, Opfer eines Hackerangriffs zu werden unddigitale Informationen zu verlieren, steigen ständig.»Sarah Mühlemann

Sarahs Projekt SpyPi war ursprünglich nichts weiter als eine Maturaarbeit. Die Idee dafür entstand durch ein politisches Ereignis: Als die Schweizer Bevölkerung 2015 über das Nachrichtendienstgesetz abstimmte, verfolgte die damals 17-Jährige aufmerksam die Debatte. Dabei stellte sie fest, wie wenig die Leute die Thematik kritisch hinterfragten und wie viele Missverständnisse im Raum standen. Und das, obwohl digitale Endgeräte und Informationen fester Bestandteil des Alltags geworden sind und sich die meisten Menschen damit zurechtfinden.

Wieso also die Unaufgeklärtheit? Liegt es daran, dass Informatik auf viele abschreckend wirkt, sobald es etwas vertiefter wird? – zu trocken, zu komplex, zu langweilig, etwas, das man lieber den Experten überlässt? Oder fehlt schlichtweg ein attraktiver Zugang zu den nötigen Informationen? «In Zukunft werden zahlreiche Lebensbereiche zumindest teilweise digitalisiert sein», sagt Sarah Mühlemann. «Die Chancen, Opfer eines Hackerangriffs zu werden, digitale Informationen zu verlieren oder gezielt manipuliert zu werden, steigen ständig. Es ist dementsprechend wichtig, zu wissen, wo Gefahren sind und wie man sie umgeht.»

Internationale Präsenz

Kurz bevor sie die Maturaarbeit abgeben musste, wurde die internationale Onlinezeitschrift «The Next Web» auf sie aufmerksam und veröffentlichte einen Artikel über SpyPi und die Idee dahinter. Das schlug ein. Plötzlich erhielt Sarah Anfragen von allen möglichen Seiten, eine Schule aus Amerika wollte ihr gleich acht Exemplare ihres Prototyps abkaufen. Sarah war überfordert, damit hatte sie nicht gerechnet. Aber sie war auch erfreut, denn es war der Beweis dafür, dass die Nachfrage nach Aufklärung in der Thematik besteht.

Die Daten, die wir bewusst abgeben, scheinen oft trivial: die Schuhgrösse bei Zalando, das Alter bei Facebook, den Wohnort bei Local. Doch durch die analytische Auswertung dieser Informationen können sehr interessante Rückschlüsse auf eine Person gezogen werden. Google sammelt nicht nur den Standort, sondern auch, wann Geräte verwendet sowie an- und abgestellt werden. So kann beispielsweise unser persönlicher Schlafrhythmus aufgezeichnet werden. Die wenigsten lesen die AGB und Datenschutzbestimmungen einer neuen Applikation, bevor sie auf Akzeptieren drücken, und für einen Wettbewerb oder einen Internetzugang gibt man schnell mal die Telefonnummer preis.

Gehackte Webcam

Sarahs abgedeckte Frontkamera beim Handy hat einen Grund. Gelangen Fotos oder Videoaufnahmen in die falschen Hände, kann das fatal enden. «So was geschieht gar nicht so selten, wie man denkt», sagt Sarah. SpyPi hat zurzeit keine Webcam-Hacking-Funktion, kann aber Log-in-Daten abfangen, Passwörter knacken oder Nachrichten von fremden Nummern versenden.

«Wer Böses tun will, findet die nötigen Informationen auch im Internet.»Sarah Mühlemann

Bis jetzt werde in Schulen relativ spärlich und wenn, dann oft ineffizient über digitale Gefahren informiert, meint Sarah. Sie will nicht Angst machen. Moderne Technologien soll man auch als Chance verstehen und nicht nur als Bedrohung. Ihr Plan ist es, mit SpyPi vor allem Schulen, aber auch anderen Interessenten eine effiziente Aufklärungsplattform zu bieten.

Ansporn zu Illegalem?

Dieser Rollentausch könnte auch gerade das Gegenteil von Sarahs Ziel bewirken – nämlich Schülerinnen und Schüler zu illegalen Taten zu animieren. Sarah ist sich dessen bewusst, doch: «Ich versuche Zweckentfremdung zu vermeiden. Dennoch – wer Böses tun will, findet die nötigen Informationen auch im Internet. Dass jeder davon Gebrauch machen kann, ist nicht unbedingt schlecht, denn es trägt dazu bei, dass man in System- und Informationssicherheit investiert.»

Infos: www.spypi.ch

Die Autorin Zoé Kammermann (18) aus Thun besucht das Gymnasium Hofwil in Münchenbuchsee. Ihre Hobbys sind Lesen, Schreiben, Kunst (Zeichnen, Malen), Natur und Freunde.

Thuner Tagblatt

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