Thun

«Christen sind nicht besser»

ThunMeinrad Schicker ist der höchste Vertreter der Thuner Freikirchen. Vor dem Event Leben Live spricht er darüber, warum Gott immer weiter am Rand der Gesellschaft steht.

Engagiert im Thema und voller Vorfreude auf die Leben-Live-Events: Meinrad Schicker, Leiter von Bewegung Plus und der Evangelischen Allianz Region Thun.

Engagiert im Thema und voller Vorfreude auf die Leben-Live-Events: Meinrad Schicker, Leiter von Bewegung Plus und der Evangelischen Allianz Region Thun. Bild: Christoph Gerber

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Viele Menschen suchen im Glauben Ruhe, Stille und Rückzug. Leben Live ist ein Grossevent mit mehr als 10'000 Besuchern. Wie verträgt sich das mit dem Bedürfnis nach Stille?
Meinrad Schicker: Es gibt natürlich auch in unseren Freikirchen viele Angebote, die zur Stille einladen. Leben Live wird aber tatsächlich ein Fest für Augen, Ohren und Herz: Musik, Anspiele, Alltagsgeschichten und immer auch eine lebensnahe Botschaft! Ein Grossanlass hat viele ­Vorteile: Hier kann sich der Einzelne, ohne sich exponieren zu müssen, mit grundsätzlichen Fragen des Lebens auseinandersetzen. Unsere Gesellschaft tut sich oft schwer mit religiösen Themen in der Öffentlichkeit. Da ist Leben Live anders.

Werden Sie von Vertretern der Landeskirche, die in praktisch leeren Kirchen predigen müssen, um den Grossandrang bei solchen Events beneidet?
Es gibt Freikirchen, die mit den gleichen Problemen kämpfen wie Landeskirchen; und ich kenne Landeskirchen, die genauso blühen wie Freikirchen – was mich übrigens sehr freut.

In der Wahrnehmung von aussen sind Freikirchen hip, die Landeskirche ist ein Auslauf­modell. Was machen dieFreikirchen besser?
Wer bin ich, der Landeskirche zu sagen, was sie tun soll? Wir sind nicht besser, aber freier. So deckt zum Beispiel die reformierte Landeskirche ein enorm breites Spektrum an unterschiedlichsten Werten und Glaubenshaltungen ab, was es ihr schwermacht, ein klares Profil zu vermitteln. Freikirchen leben meist anhand eines gemeinsamen Glaubensbekenntnisses klare Überzeugungen und Werte. Menschen engagieren sich gerne, wenn die Werte und Überzeugungen klar erkennbar sind und sie sich mit ihnen identifizieren können.

Heisst das, dass die Freikirche zwar Freikirche heisst, die Landeskirche aber in ihrem Wesen offener – freier – ist?
Freiheit ohne Bindung an klare Überzeugungen führt zu Beliebigkeit und Orientierungslosigkeit. Aber das «Frei» der Freikirchen hat eigentlich einen anderen, historischen Hintergrund: Die Freikirchen entzogen sich früh der unseligen Verbindung von politischer und religiöser Macht, wie es lange Zeit zwischen Kirche und Staat praktiziert wurde. Denken wir nur an die Täuferbewegung. Die freie Entscheidung des Einzelnen zum Glauben an Jesus Christus ist bis heute zentral und führte damals zur heftig bekämpften Erwachsenentaufe im Unterschied zur Säuglingstaufe der Landeskirchen.

«Eine Kernaussage von Jesus war: ‹Kommt alle zu mir, die ihr euch belastet und bedrückt fühlt; ich lasse euch aufleben.›»Meinrad Schicker

Interessant ist, dass die Abgaben in Freikirchen – zehn Lohnprozente werden immer wieder als biblisch begründete Faust­regel genannt – öfter ein Thema sind in der Öffentlichkeit als die Kirchensteuer. Kann ich bei Bewegung Plus mitmachen, ohne dass ich zahlen muss?
(lacht) Natürlich! Wenn Sie jedoch in dieser Kirche Freunde finden, persönlich ermutigt werden und von Ihrem sozialen Engagement begeistert wären, würden Sie sich da nicht auch finanziell beteiligen wollen? Ich selber orientiere mich wie viele andere auch an besagtem «Zehnten».

Wie frei bin ich, wenn ich weiss, dass alle rund um mich das Portemonnaie grosszügig
öffnen? Da wirkt doch auch ein Gruppendruck.
Wir laden jeden Sonntag dazu ein, eine Kollekte einzulegen – aber absolut freiwillig. Spontan kann ich mich nur an ein Gespräch erinnern, in dem ich einer frisch pensionierten Person zusprechen durfte, sich nicht selbst unter Druck zu setzen.

Wie fest ist die Kirche noch in der Gesellschaft verankert? Bisweilen entsteht der Eindruck, dass sich da ein geschlossener Zirkel von Menschen in seiner eigenen Welt trifft...
Christen sind nicht besser: Wir alle kämpfen mit den gleichen Herausforderungen des Lebens. Schon Jesus hat immer das alltägliche Leben zum Thema gemacht. Darum freuen wir uns nicht nur am Ermutigenden, sondern sprechen auch offen über Arbeitslosigkeit, Krankheit, Neid, den unerfüllten Partnerwunsch oder den Stress mit den Finanzen. Eben das volle Leben. Darum wird es auch an Leben Live nicht anders sein.

Ist Leben Live ein Insideranlass, oder erreichen Sie damit auch neue «Kundschaft»?
Wo Jesus im Zentrum steht, werden aus Fremden Freunde – und keine Kunden. Aber es ist richtig, dass die Grösse des Anlasses und vielleicht auch das von der OHA vertraute Expogelände es immer wieder Menschen einfacher macht, einen christlichen Anlass wie Leben Live zu besuchen.

Werden an solchen Gross-anlässen neue Gemeinde­mitglieder rekrutiert?
Rekrutieren? Nein! Aber ich wünsche mir, dass mehr Menschen den Weg in eine Gemeinde oder Kirche finden. Dies aus einem einfachen Grund: Christlicher Glaube ist in seinem in­nersten Wesen gemeinschaftlich. Ganz viele von uns haben die Erfahrung gemacht, dass Gott der Ankerpunkt im Leben und eine Quelle der Kraft ist, die es ermöglicht, anders mit den Herausforderungen und Leiden im Leben umzugehen. Das will miteinander geteilt werden.

Warum ist Gott denn immer weiter draussen am Rand der Gesellschaft?
Ich teile diese Einschätzung nicht. Umfragen zeigen, dass die grosse Mehrheit immer noch unglaublich religiös ist. Der Glaube wird einfach viel individueller definiert als früher. Wahrscheinlich spielt auch eine grosse Zurückhaltung gegenüber der «organisierten Religion» eine wichtige Rolle. Darum ist es unsere Herausforderung als Kirchen, möglichst authentisch vorzuleben, dass Jesus zu einem gemeinschaftlichen Leben aus der Kraft der Liebe befähigt.

Wo ist Individualität oder persönliche Interpretation möglich, wenn in der Bibel absolute Aussagen zu lesen sind wie die, wonach sich die Frau dem Mann unterordnen soll, Homosexualität eine Sünde ist oder Vater und Mutter nicht infrage zustellen sind?
(lacht) Sie sitzen einer theologisch interessierten Person gegenüber, die solche Bibelstellen als spannende Herausforderung liebt. Wer die Bibel nicht in ihrem Gesamtkontext zu lesen versucht, kann schnell mal in Teufels Küche kommen. Nehmen wir das Beispiel der Frau: Die Frau wurde von Gott auf Augenhöhe und als Gegenüber des Mannes geschaffen. Im Neuen Testament treffen wir Frauen im Jüngerkreis von Jesus an und lesen, dass schon damals Frauen leitende Verantwortung wahrnahmen. Notabene in einer römisch-griechischen Kultur, die patriarchal geprägt war. Dass der wegen seiner scheinbaren Frauenfeindlichkeit viel gescholtene Paulus aber auch sagte, dass in Jesus «nicht mehr Mann noch Frau» sei, war und ist schlicht revolu­tionär.

«Ich kenne Landeskirchen, die genauso blühen wie Freikirchen.» Meinrad Schicker

Widerspricht sich die Bibel in dem Fall?
Ich ziehe den Begriff der Spannung vor, weil er mich auf die Suche nach den eigentlichen Werten des Glaubens gehen lässt, die die Bibel von den ersten Versen bis zu ihrem Ende prägen. Es ist doch spannend, zu sehen, dass die Bibel davon berichtet, wie die Liebe und Treue in Zeiten der damals gesellschaftlich sanktionierten Vielehe gelebt wird, obwohl Gottes ursprünglicher Gedanke die exklusive Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau war? Das hat Parallelen zu unserer Zeit, wo die Liebe nicht selten nur noch für einen mehr oder weniger langen Lebensabschnitt reicht.

Wie lassen sich diese Werteheute leben, wo die lebenslange Paarbeziehung ein Auslaufmodell ist, die Zweierbeziehung nicht mehr exklusiv für Mann und Frau möglich ist und Individualismus höher angesehen ist als das Engagement in einerGemeinschaft?
Man hört öfters, dass die sexualethischen Werte der Bibel veraltet seien. Wenn ich aber höre und lese, was sich junge Frauen und Männer für ihre Zukunft wünschen, dann ist es immer noch die Sehnsucht nach Liebe, die ein ganzes Leben hält. Die Bibel nimmt uns hinein in dieses jahrtausendealte Ringen, wie Liebe und Treue gelebt werden können. Von der ersten bis zur letzten Zeile der Bibel lesen wir von einem Gott, der für diese Werte steht.

Sie meinen die zehn Gebote?
Damit kommen wir der Sache sicher sehr nahe. Aber schon Jesus kämpfte gegen die gesetzliche Auslegung dieser Gebote und den damit verbundenen religiösen Machtmissbrauch durch fromme Führer der damaligen Zeit.

Ist ein Grundproblem der Kirche, dass Glaube und Werte mit dem verwechselt werden, wasMenschen daraus machen?
Ja, leider. Aber nicht nur gläubige Menschen kämpfen mit diesem Problem. Jede Familie hat Werte wie den gegenseitigen Respekt. So meint auch das Gebot «Ehre Vater und Mutter» aber viel mehr als nur ein Verbot von Schimpfwörtern. Das noch so korrekte Einhalten dieses Verbots sichert uns nicht gegenseitige Liebe und Respekt. In der biblischen Sprache heisst das: Es geht nicht um den Buchstaben, sondern um den Geist. Worum es in allen Geboten und in der ganzen Bibel gehen soll, fasst Jesus zusammen: Liebe Gott, und liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Mehr Liebesfähigkeit – darum geht es.

Wo bleibt die Liebe, wenn ein Christ Homosexuelle heilen will?
Das ist eine von vielen herausfordernden Fragen, die nicht einfach zu beantworten ist. Es ist nicht unser Auftrag, glücklichen Menschen ein schlechtes Gewissen anzuhängen, damit wir ihnen wieder Befreiung im Namen des Evangeliums anbieten können. Eine Kernaussage von Jesus war: Kommt alle zu mir, die ihr euch belastet und bedrückt fühlt; ich lasse euch aufleben. Die Kirche, die im Geist von Jesus lebt, wird darum auch heute alle suchenden Menschen einladen und mit offenen Armen empfangen.

Dann wäre ein glücklicher schwuler Christ bei Ihnenwillkommen?
Natürlich! Alle, die Jesus lieben und mit uns entdecken wollen, wie diese Liebe zu Gott und Menschen im 21. Jahrhundert gelebt werden soll, sind willkommen.

Unabhängigkeit ist im 21. Jahrhundert grossgeschrieben. Glaube hingegen bedeutet Abhängigkeit von einem Gott. Ist Glaube noch zeitgemäss?
Ich nehme einen riesigen Hunger nach Liebe wahr. In der Schweiz besuchen pro Monat bis zu 700 000 Menschen eine Part­nervermittlungsplattform. Wer ernsthaft liebt, sehnt sich auch heute nicht nur nach oberflächlicher Intimität, sondern auch nach Verlässlichkeit und Treue – etwas ganz anderes als Abhängigkeit. Die Botschaft der Bibel lässt sich in der Feststellung zusammenfassen, dass da ein Gott ist, der uns liebt und uns seine Treue anbietet. Dafür stehen wir als Freikirchen. Dafür steht Leben Live. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.05.2018, 06:27 Uhr

Promis, Schicksale, Kulinarik

Mit der Schweizer Premiere des Poporatoriums «Messias», bei dem 300 Sänger aus der Region Thun mitwirken, fällt am 1. Juni der Startschuss zu Leben Live in der Expohalle in Thun. «Am Anlass werden Fragen des Lebens authentisch und lebensnah beleuchtet», heisst es im Medientext der Evangelischen Allianz Region Thun. Erstmals wird im Rahmen von Leben Live ein «Fest der Nationen» durchgeführt.

Die Organisatoren wollen Menschen einladen, «sich mit den Fragen des Lebens auseinanderzusetzen», heisst es im Text weiter. «Zudem will Leben Live Begegnungen mit Menschen ermöglichen, die hoffnungsvolle Geschichten erlebt oder Trost erfahren haben.»

Programmdirektor Timo Schuster wird mit den Worten zitiert: «Bei den Interviewgästen wollten wir in erster Linie interessante Persönlichkeiten, die ermutigende Storys mit uns teilen können. Da ist ein Vater, der seine Tochter bei einem Unfall verloren hat und erzählt, wie er mit diesem Verlust umzugehen versucht oder eine Frau, die von ihrer Scheidung berichtet und wie sie am Ende wieder ihren Ex-Mann heiratete.»

Auch prominente Persönlichkeiten wie die Abenteurerin Evelyne Binsack, der Sänger Luca Hänni oder der Herzchirurg Thierry Carrel geben einen Einblick in ihr Leben.

Begegnungen mit Menschen aus anderen Nationen seien den Organisatoren der zehntägigen Veranstaltung ebenfalls ein Anliegen, heisst es weiter. So findet am Samstag, 9. Juni, ein Fest der Nationen statt, bei dem auch kulinarische Spezialitäten aus verschiedenen Ländern ­angeboten werden. An diesem Tag führt Leben Live in Partnerschaft mit dem Hilfswerk «HMK – Hilfe für Mensch und Kirche» eine Hilfsgütersammlung für Menschen in Moldau durch. Bei der ersten Austragung von Leben Live 2014 strömten 14 000 Menschen aufs Thuner Expoareal.

Infos, Tickets: www.leben-live.net

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