Das Werk einer avantgardistischen Frau

Oberdiessbach

Sie begann mit einem Dorffest, sie endet mit einem ­Dorffest: Die Geschichte der Galerie Heubühne geht nach 50 Jahren mit der Jubiläumsausstellung zu Ende.

Mit einer Jubiläumsausstellung, in der Bilder von Künstlern gezeigt werden, welche mit der ­Galerie in besonderem Masse verbunden waren (siehe Kasten), geht in Oberdiessbach eine Ära zu Ende: Die Galerie Heubühne schliesst im Jubiläumsjahr anlässlich der Feierlichkeiten zu 800 Jahren Oberdiessbach und 350 Jahren Neues Schloss ihre Tore – Tore, welche sie vor genau 50 Jahren eröffnet hatte, anlässlich der Festivitäten zum ­750-jährigen Bestehen des ­Dorfes.

Die Geschichte der ­Galerie Heubühne ist denn auch die Geschichte von Heidi Neuenschwander: Sie schlug für das ­Jubiläum von 1968 dem Gemeinderat vor, im Schulhaus eine Kunstausstellung zu machen und zu zeigen, was im Dorf an Kunst vorhanden sei. Aber der Gemeinderat hatte kein Musikgehör für diese Idee. «Dann ­mache ich es halt selber in ­unserer Heubühne», soll Heidi Neuenschwander einst gesagt haben.

Kontakt zu Künstlern und Werken hatte sie freilich genug. Sie hatte schon 1938, noch während ihres Studiums, mit dem Sammeln von Bildern angefangen. Mit viel Freude an der Malerei, ebenso viel Sachverstand und gutem Gespür kaufte die bekannte Thuner Apothekerin – sie war Inhaberin der Schwanen-Apotheke – immer wieder Bilder von noch weitgehend unbekannten Künstlern, weil sie diese durch ihren Kauf dazu ermuntern wollte, doch ja mit der Malerei weiterzufahren.

In zwei Wochen bereit

Die Ausstellung zum Dorfjubiläum realisierten Heidi Neuenschwander und ihr Haupthelfer, der Maler Peter Bergmann, in nur 14 Tagen. Zuerst mussten Spreu und Spinnweben von der Bühne des Hauses an der Schulhausstrasse 1 geräumt, Boden und Wände gereinigt und Licht installiert werden. Am Freitagabend waren die Räume bereit, am Samstag wurde eingerichtet, und kurz vor der Eröffnung der Ausstellung brachte der Gemeinderat die nötige Bewilligung.

Was als einmalige Ausstellung geplant war, wurde von mehr als 600 Personen besucht, war ein durchschlagender Erfolg – und der Grundstein für 50 Jahre Galeriegeschichte. Sofort kamen Anfragen von Künstlern, die ausstellen wollten, sodass sich Neuenschwander und ihre Schwestern dazu entschlossen, die Galerie weiterzuführen, und jährlich Ausstellungen organisierten.

«Mit 90 Jahren gab sie auf Anraten der Polizei den Ausweis ab, denn es war ihr auch im Alter nicht leichtgefallen, sich an die Geschwindigkeitsvorschriften zu halten.»Aus dem «Thuner Tagblatt» 2013

1997 entschied sich die engagierte Frau dann, sich von der ­ausgestellten Bildersammlung zu trennen. Der Erlös war vollumfänglich für die Sicherung des Weiterbestandes der Galeriebestimmt, die von da an vom Lehrerehepaar Erika und René Lory «im gleichen Sinn und Geiste» weitergeführt wurde, wie das «Thuner Tagblatt» damals schrieb. Insgesamt haben auf der Heubühne rund 80 Ausstellungen stattgefunden und hauptsächlich lokalen und regionalen Künstlern eine Ausstellungsmöglichkeit geboten.

Als Brüder und Schwestern mit den Jahren starben – Heidi Neuenschwander war das jüngste von zehn Kindern –, verkaufte sie das Haus innerhalb der Familie, behielt aber das Nutzungsrecht für die Bühne. Dieses erlosch nach ihrem Tod; Heidi Neuenschwander verstarb 2015 im Alter von 102 Jahren. Dank dem Entgegenkommen der neuen Besitzer ist es indes noch möglich, die am Wochenende angelaufene Jubiläumsausstellung durchzuführen.

Unerschrocken, optimistisch

Heidi Neuenschwander «war eine avantgardistische Frau», schrieb das «Thuner Tagblatt» anlässlich ihres 100. Geburtstags 2013. «Unerschrocken und mit viel Optimismus setzte sie sich für ihre Ideen ein. Als gute Sportlerin gründete sie in ihren Jugendjahren die Damenriege Oberdiessbach. Vermutlich als erste Frau im Kanton Bern lernte sie das Autofahren. Mit 90 Jahren gab sie auf Anraten der Polizei den Ausweis ab, denn es war ihr auch im Alter nicht leichtge­fallen, sich an die Geschwindigkeitsvorschriften zu halten.

Sie war zudem eine hervorragende Schwimmerin und durchquerte einige Schweizer Seen schwimmend. Ihre grosse Leidenschaft jedoch waren Berg- und Skitouren. Keine Piste war ihr zu steil, keine Tour zu lang. Mit 87 Jahren machte sie ihre letzte Abfahrt vom Schilthorn.»

mku/vhh/maz

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