Thun

Der Mann mit den 25 Berufen

ThunIn der Gruppe für Oldtimer und Selbstbauflugzeuge Thun haben sich Männer zusammengeschlossen, die selber Flugzeuge bauen. Einer von ihnen ist Karl Haller.

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Der Anblick ist für den Passanten einigermassen überraschend: Da werkelt ein Rentner in einer Garage – aber nicht etwa an einer Modelleisenbahn oder an einem Oldtimer: Das, was der 67-jährige Mann da schleift, ist zweifelsfrei als Teil eines Flugzeugs zu identifizieren, ein Flügel, um genau zu sein.

Und wenige Meter daneben steht ein ganzer Flugzeugrumpf – mit geöffneter Motorhaube, die den Blick in den Motor ermöglicht, Cockpit noch ohne Verglasung und Seitenruder ebenso zweifelsfrei zu identifizieren. Bloss: Wo die Flugzeuge, die der Passant vom Flugplatz kennt, meist strahlend weiss in der Sonne glänzen, schimmert bei jenem in der Werkstatt die Konstruktion aus Holz und Kunststoff noch überall unter dem aufgetragenen und zum Teil schon sauber geschliffenen Kunstharz durch.

«Ich habe ums Jahr 2000 angefangen», sagt Karl Haller (67), nachdem er die Arbeit am Flügel unterbrochen hat, um den Besucher durch sein Reich zu führen. «Wie viele Stunden ich schon in den Flugzeugbau investiert habe? Keine Ahnung. Würde ich Buch führen, brauchte das auch noch Zeit», sagt Haller und lacht.

Schweizer Pioniere

Karl Haller ist Mitglied der Gruppe für Oldtimer und Selbstbauflugzeuge, die auf den Flugplätzen Thun und Reichenbach mehrere Eigenbauten und Oldtimer unterhält. Das, was da in seiner Garage zwar noch in Einzelteile zerlegt, aber komplett vorhanden steht, ist ein Zweisitzer vom Typ BX-2 Cherry, gebaut nach den Plänen von Max Brändli aus Safnern. «Diese gehören zusammen mit jenen für die Colibri von Max Brügger zu den beliebtesten schweizerischen Vorlagen für Eigenbauflugzeuge europaweit», sagt Karl Haller.

«Wie viele Stunden ich schon in den Flugzeugbau investiert habe? Keine Ahnung.»Karl Haller

5000 Stunden brauche es, bis eine BX-2 in der Luft sei, und je nach Ausstattung gegen 30'000 Franken. So ist es auf der Website der Firma BX Aviation zu lesen, welche das fliegerische Erbe des verstorbenen Konstrukteurs weiterführt.

Wie lange er selber noch an seinem Flugzeug baut, weiss Karl Haller nicht, sagt aber: «Also in etwa zwei Jahren sollte ich dann schon fertig sein.» Schliesslich will er den selbst gebauten Flieger dereinst auch selber noch fliegen.

Ein Motor für vierzig Jahre

Allerdings – so viel ist klar – wird er selber wohl den kleineren Teil der Lebensdauer der Maschine am Steuerknüppel sitzen. Der Motor, den er eingebaut hat, ist für eine Betriebsdauer von 2000 Flugstunden zugelassen.

«Wir können nur von Frühling bis Herbst fliegen», erklärt Haller, «so komme ich in einem guten Jahr vielleicht auf 40 bis 50 Stunden.» Mit anderen Worten: Er wäre mehr als hundert Jahre alt, wenn sich der Motor dem Ende seiner Lebensdauer nähert.

Die Szenerie in der Werkstatt ist für den Laien bemerkenswert: Da steht ein Flugzeugrumpf auf Rädern, die Flügel sind an der Wand angestellt, der Propeller liegt auf einer Werkbank. Für den Fotografen werden Propeller und Flügel mit wenigen Handgriffen montiert und wieder demontiert.

«Wer ein Flugzeug selber gebaut hat, hat Tätigkeiten aus etwa 25 Berufen ausgeübt.»Karl Haller

An der Wand stapeln sich Modelle, an welchen Kunststoffteile für den Flieger geformt werden. «Dabei nutze ich die Freiheiten, die ich habe», sagt Karl Haller. Will heissen: Nicht jedes Teil entspricht eins zu eins den Originalplänen, beziehungsweise gewähren diese einen gewissen Spielraum. «Im Motorenraum ist einfach ein Motor eingezeichnet», sagt der Flugzeugbauer, «ohne genauere Spezifi­kation.»

Er hat sich für ein Modell des Herstellers Rotax entschieden, «eine sehr beliebte und bewährte Konstruktion», wie Haller versichert; fixiert ist der Motor an einem Träger aus Metall, den ein Bekannter in Österreich konstruiert hat. «Er hat sein Patent extra auf meinen Wunsch verstärkt.» So sagt der gelernte Konstrukteur: «Wer ein Flugzeug selber gebaut hat, hat Tätigkeiten aus etwa 25 Berufen ausgeübt.»

Was nach Bastelei tönt, wird freilich sehr genau überwacht. «Im Bauablaufplan ist genau angegeben, wann eine Kontrolle durch die EAS oder das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) stattfinden muss», sagt Karl Haller.

Die EAS ist der Verband Experimental Aviation Switzerland, er begleitet und beaufsichtigt die Bauarbeiten im Auftrag des Bazl. Die letzte Kontrolle durch den EAS-Bauberater hat Karl Haller bereits erfolgreich hinter sich gebracht; die Einzelteile des Flugzeugs in seiner Werkstatt entsprechen demnach den technischen Vorgaben.

Ist der Flieger dereinst fertig zusammengebaut und lackiert, wird das Bazl die Maschine prüfen und ihr ein ­Rufzeichen zuweisen: die HB-XXX-Buchstabenkombination, die jeder Flieger haben muss – und Haller kann mit seinem Flieger abheben. Zum Beispiel ab dem Flugplatz Thun, zum Beispiel bei einem weiteren ­Fly-in, wie es am kommenden Wochenende stattfindet. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 28.05.2018, 14:50 Uhr

Flugplatztest

Am 2. und 3. Juni feiert die Gruppe für Oldtimer und Selbstbauflugzeuge ihr 30-jähriges Bestehen mit einem Fly-in auf dem Flugplatz Thun, gleichzeitig findet am 2. Juni ein Tag der offenen Hangartore statt. Am Samstag, 2. Juni, fliegt die Tante JU zwischen 10 und 16 Uhr mehrere Rundflüge, was weitherum zu hören sein dürfte. Während die JU-Flüge ausgebucht sind, freuen sich die Veranstalter auf möglichst grossen Andrang in den Hangars. «Ob Motor-, Segel-, Selbstbau- oder Modellflugzeug: Unsere Piloten helfen gerne beim Fachsimplen!», heisst es im Programm zur Veranstaltung. Die Motorfluggruppe Thun bietet Rundflüge an, Fluglehrer für Motor- und Segelflug beraten die Besucher zur Ausbildung – und wer will, kann sogar bei einem Schnupperflug mit einem Fluglehrer selber das Steuer übernehmen. Die Festwirtschaft ist den ganzen Tag geöffnet. Die Veranstalter empfehlen die Anreise mit der STI-Linie 4 ab dem Bahnhof Thun Richtung Lerchenfeld bis Haltestelle Waldeck.maz

Gruppe für Oldtimer- und Selbstbauflugzeuge

Die Gost ist die Gruppe für Oldtimer- und Selbstbauflugzeuge Thun. «Diese fördert den Selbstbau von neuen und die Restaurierung von alten Flugzeugen und ermöglicht deren Betrieb auf dem Flugplatz Thun», schreibt die Gruppe auf ihrer Internetseite über sich selber. Und weiter heisst es da: «Die Gost ist mit circa 50 Mitgliedern eine der kleinsten, aber auch eine der feinsten, innovativsten Tätigkeitsgruppen des Flugplatzvereins Thun.» Sie ist gleichzeitig eine Untergruppe der AeCS-Sparte Experimental Aviation of Switzerland (EAS), unter deren Aufsicht es möglich ist, vom kleinsten Grashüpfer bis zur modernsten Hightechmaschine zu bauen und anschliessend zu fliegen (vgl. Haupttext). Zurzeit fliegen Gost-Mitglieder mit mehr als zehn selbst gebauten Flugzeugen mit der Bezeichnung Experimental und Oldtimern.

Lange Vorgeschichte
Die Geschichte der Gost begann 1984. Einige heutige Gründungsmitglieder bauten nach Plänen oder aus einem Baukasten ihr eigenes Flugzeug. Doch es stellte sich heraus, dass die gebauten Flugzeuge in Thun nicht starten und landen durften, da sie nicht Mitglied in einer der damaligen Gruppen des Aeroclub-Regionalverbandes Berner Oberland (RVBO) waren. «So passten die selbst gebauten Flieger weder zu den Modellfliegern, den Segelfliegern, noch zu den Motor­fliegern.
Um ab Thun starten zu können, musste also eine neue ­Tätigkeitsgruppe des RVBO ­gebildet werden. Dies war die Geburtsstunde der Gost, der Gruppe für Oldtimer- und Selbstbauflugzeuge in Thun. «Begrenzt werden wir nur noch durch die Physik, die Sicherheitsnachweise, die technischen Minimalanforderungen des Bazl und durch unsere ­Fantasie», schreiben die Flugzeugbauer ferner über sich ­selber.

Drei verschiedene Typen
Bei den Eigenbauten werden drei Haupttypen unterschieden: Die Eigenentwicklung gilt als Königsdisziplin, weil das Fluggerät von Grund auf selber konstruiert wird. Deshalb muss zwingend ein Ingenieur die Arbeiten begleiten. Weit verbreitet ist der Bau nach lizenzierten Plänen, so wie Karl Haller es tut (vgl. Haupttext). Die dritte Variante sind die Kits: Das sind komplette Flugzeugbausätze, die bestellt und selber zusammengebaut werden können. Gemäss der Gost-Website sind «die ‹Selbstgebauten› den zertifizierten Flugzeugen bezüglich Sicherheit und Leistung ebenbürtig. Sie weisen aber gegenüber ihren grossen Brüdern weit bessere Werte im Bereich der Umweltbelastung wie Lärm, Benzinverbrauch und Abgasen aus.»pd/maz
www.gost.ch

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