Der nette Nachbar wars

Thun

Ein 68-Jähriger stand vor dem Regionalgericht. Er hat zwei Mädchen sexuell belästigt und wurde deshalb zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt. Die Vorfälle ereigneten sich zwischen 2015 und 2017 in einer Thuner Wohnüberbauung.

Das Regionalgericht verurteilte einen 68-Jährigen wegen sexueller Belästigung.

Das Regionalgericht verurteilte einen 68-Jährigen wegen sexueller Belästigung.

(Bild: Fotolia)

Die Nachbarn beschreiben den Mann als hilfsbereit. Er hat gerne Kinder und liebt es, wenn etwas läuft. So organisierte er ein Federballnetz, einen Basketballkorb oder den Lampionumzug am 1. August. Ging er fischen und hatte zu viel Fisch, verschenkte er, was er nicht selber brauchte.

Mit einem Mädchen war er sehr gut befreundet, das Kind ist heute 10 Jahre alt. Er spielte mit dem Mädchen auf dem Computer-Tablet und sammelte für das Kind Figürchen bei einer Migros-Aktion. Alles schien in Ordnung, bis zu dem Tag, als abgemacht wurde, dass der Nachbar das Kind ins ­Kino begleiten werde.

«Ich will nicht ins Kino»

Doch am Abend vor der Vorstellung erklärte das Mädchen seiner Mutter: «Ich möchte nicht mit ihm ins Kino gehen.» Die Mutter fragte nach den Gründen, und so erzählte die damals gut 8-Jährige, der Nachbar habe ihr beim letzten Besuch zum Abschied ein feuchtes Müntschi gegeben. «Es het mi gruuset», sagte sie. Sie erzählte auch, er hätte ihr unters Röcklein gegriffen und zwischen den Beinen an die Hosen gelangt und mit der Hand gerieben.

Am nächsten Tag bestätigte das Kind seine Erzählung, worauf die Mutter zur Polizei ging. Als Zeugin vor Gericht sagte die Mutter: «Man hört immer wieder vom netten Nachbarn, aber dass man so etwas erlebt, das hätte ich nie geglaubt.»

Beim Fischen begrabscht

Beim zweiten Fall durfte eine damals 15-Jährige den Mann während der Schulferien zum Fischen begleiten. Dieser liess sie das Boot steuern und zeigte ihr, wie sie fischen muss. Wenn sie sass, berührte er sie so, dass es sich als Umarmung anfühlte. Als sie stehend zu fischen versuchte, hielt er sie weit oben an den Oberschenkeln, damit sie nicht aus dem Boot falle, wie er ihr sagte.

Wieder zu Hause, verabschiedete er sich auch von ihr mit einem feuchten Kuss, was sie als «grusig» und schleimig beschrieb. ­Ihre Mutter bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte und beobachtete, wie sich das Mädchen sofort waschen ging. Als die Mutter alles erfahren hatte, beurteilte sie den Vorfall als sexuellen Übergriff und zeigte den Mann an.

Schuldspruch oder Freispruch

Der Nachbar bestritt die Fakten nicht. Ja, er habe mit dem Mädchen gespielt. Ja, er sei mit dem andern fischen gegangen. Aber er habe beide nie absichtlich berührt, und die Küsse seien harmlos gewesen.

Die beiden amtlichen Verteidigerinnen beurteilten die Aussagen der Mädchen als glaubwürdig, ohne Übertreibungen oder unnötige Belastungen des Mannes. Sie stellte darum den Antrag, der Mann sei schuldig zu sprechen. Ganz anders der Verteidiger des Mannes: Er verlangte, sein Mandant sei in allen Punkten freizusprechen. Die Berührungen durch den Mann seien nicht sexuell motiviert gewesen, sondern unnötig aufgebauscht worden.

Die Anwältinnen reagierten daraufhin empört: «Im Plädoyer fehlt jede Empathie für die Mädchen. Man könnte meinen, dass sich Kinder von Erwachsenen alles gefallen lassen müssen.»

Teilweise schuldig

Der Mann wurde vom Regionalgericht wegen sexueller Handlungen mit Kindern und sexueller Belästigung zu einer bedingten Geldstrafe von 300 Tagessätzen à 50 Franken und einer Busse von 2000 Franken verurteilt. Das jüngere Kind erhält eine Genugtuung von 3000 Franken, das andere eine von 500 Franken.

Die Kosten werden gedrittelt, weil der Mann zum Teil auch freigesprochen wurde. Zum Beispiel sah das Gericht keinen sexuellen Übergriff darin, dass er dem einen Mädchen half, das Boot zu steuern. Zwei Drittel gehen jedoch zu seinen Lasten.

Thuner Tagblatt

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