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«Die Arbeiten im Wald nach dem Sturm Lothar waren nicht ungefährlich»

Als Chef des Thuner Gemeindeführungsstabs erlebte Bernhard Wyttenbach vor 20 Jahren wegen des Sturms Lothar intensive Tage. Die Lehren aus einer anderen Extremsituation halfen ihm dabei, effizient und richtig zu reagieren.

Bernhard Wyttenbach, der frühere Chef des Thuner Gemeindeführungsstab, auf der Goldiwilstrasse, wo der Sturm Lothar Ende Dezember 1999 unzählige Bäum umblies und die Verbindung vorübergehend unpassierbar machte.
Bernhard Wyttenbach, der frühere Chef des Thuner Gemeindeführungsstab, auf der Goldiwilstrasse, wo der Sturm Lothar Ende Dezember 1999 unzählige Bäum umblies und die Verbindung vorübergehend unpassierbar machte.
Patric Spahni
Der Orkan sorgte für grosse Schäden, wie hier in Kiesen.
Der Orkan sorgte für grosse Schäden, wie hier in Kiesen.
Christian Helmle
Im Göttibach-Quartier in Thun wurde ein 200 Quadratmeter grosses Dach eines Wohnblocks weggefegt.
Im Göttibach-Quartier in Thun wurde ein 200 Quadratmeter grosses Dach eines Wohnblocks weggefegt.
Roland Drenkelforth
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«Ich hatte keine Angst, aber Respekt.» Es sind diese Worte, mit denen Bernhard Wyttenbach beschreibt, wie er sich fühlte, als Lothar am 26. Dezember 1999 über die Region hinweggefegt war (vgl. Kasten). Als Leiter des Thuner Gemeindeführungsstabs (GFS) war Wyttenbach an vorderster Front involviert, um in den ersten Tagen nach dem Orkan die anfallenden Arbeiten der Rettungsdienste zu koordinieren.

Es sei allen Beteiligten «relativ rasch» klar gewesen, dass sie Zeugen eines ausserordentlichen Naturereignisses geworden seien. Der damalige Regierungsstatthalter des Amts Thun, Anton Genna, bot den GFS noch am selben Tag auf. In der Einsatzzentrale im Thuner Feuerwehrmagazin begann unter der Leitung Wyttenbachs ein Team von rund 10 Personen – darunter Verantwortliche von Feuerwehr, Zivilschutz, Polizei, Sanität, aber auch vom Thuner Gemeinderat – die im Minutentakt eingehenden Meldungen und Informationen zu sammeln, zu verarbeiten und zu kanalisieren.

Allein seitens der Feuerwehr Thun, die über den Löschzug und sieben Kompanien verfügte, standen rund 200 Personen im Einsatz. Sie wurden später von rund 50 Angehörigen des Zivilschutzes unterstützt. «Weil unsere Ressourcen nicht unbegrenzt waren, mussten wir Prioritäten setzen», hält Wyttenbach, der zwischen 2003 und 2009 Thuner Regierungsstatthalter war, heute fest. «Entsprechend war es nicht einfach, allen gerecht zu werden, die sich bei uns meldeten.» Dass die Aufräumarbeiten ausgerechnet auf die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr fielen, habe dagegen keinen erkennbaren Einfluss auf die Verfügbarkeit der Einsatzkräfte gehabt.

Reha-Klinik ohne Strom

Personen kamen im Grossraum Thun durch Lothar glücklicherweise nicht zu Schaden. Ausgerückt werden musste in vielen Fällen wegen abgedeckter Hausdächer oder umgestürzter Bäume. Ein Einsatz, an den sich Bernhard Wyttenbach noch gut erinnern kann und der exemplarisch die Komplexität der Aufgaben aufzeigt, ereignete sich etwas oberhalb von Thun: Beim Reha-Zentrum in Heiligenschwendi waren Bäume auf Strommasten gestürzt. Die gekappte Stromverbindung legte die Wasserpumpen lahm – und dadurch die Wasserversorgung der Klinik.

«Die Arbeiten im Wald waren nicht ungefährlich, da jederzeit weitere Bäume umkippen konnten.»

Bernhard Wyttenbach, damaliger Chef des Thuner Gemeindeführungsstabs

«Gleichzeitig war aber auch die Hauptstrasse von Thun nach Heiligenschwendi und auch gegen Goldiwil durch umgestürzte Bäume nicht mehr befahrbar», erzählt Wyttenbach. Zum einen galt es, rasch ein ausreichendes Notstromaggregat zu organisieren, zum anderen die Strasse freizuräumen. «Die Arbeiten im Wald waren nicht ungefährlich, da jederzeit weitere Bäume umkippen konnten», sagt Wyttenbach. Letztlich gelang der Einsatz ohne nennenswerte Zwischenfälle; eine genaue Erinnerung an den Ausgang kann der Chef des GFS nicht mehr hervorrufen. Laut dem damaligen Bericht in dieser Zeitung war die Goldiwilstrasse am 27. Dezember um 9.30 Uhr wieder frei für den Verkehr.

Hochwasser war schlimmer

Intensiv war für Bernhard Wyttenbach vor allem die erste Woche nach Lothar: «Es dauerte schon ein paar Tage, bis wir das Gefühl hatten, die Arbeit auf den Boden zu bringen.» Dass der Thuner Stadtratspräsident von 1999, der für die SVP im Parlament sass, das Ausmass des Orkans etwas relativiert, hängt massgeblich mit einer anderen Naturkatastrophe im selben Jahr zusammen – dem Hochwasser im Mai. «Dieses Ereignis war für die Region Thun noch weitaus schlimmer», sagt Wyttenbach, der einräumt, dass der GFS damals nicht genügend auf einen solchen Ausnahmezustand vorbereitet war. «Wir haben dann jedoch innerhalb weniger Monate die richtigen Lehren gezogen und waren daher bei Lothar besser aufgestellt.»

Auch für sich selbst zog Wyttenbach aus den Ereignissen rund um den Orkan eine entscheidende Lehre: «Ich war zu jener Zeit nicht nur Chef des Gemeindeführungsstabs, sondern auch Oberkommandant der Feuerwehr Thun und Feuerwehrinspektor. Das war schlicht zu viel.» Im Dezember 1999 hatte der Leiter des regionalen Kompetenzzentrums Spiez zudem eben erst sein Grossratsmandat angetreten. Später habe er in seiner (Berufs-)Karriere besser darauf geachtet, nicht mehr so viele Ämter auf sich zu kumulieren.

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Vor 20 Jahren fegte der Sturm Lothar über die Schweiz. Unsere beiden Gäste erzählen in der neusten Folge unseres BZ-Podcasts «Rede wi druckt» von ihren Erlebnissen im Emmental, das vom Unwetter besonders heftig betroffen war.

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