Thun

Rekord-Turnfest bringt Vereine an die Grenzen

ThunWenn in drei Wochen das Kantonale Turnfest beginnt, stehen für OK-Chef Daniel Iseli vier Jahre Vorarbeit auf dem Prüfstand. Im Interview spricht er über die Vorzüge der Region Thun und darüber, was einen Turnverein erfolgreich macht.

OK-Präsident Daniel Iseli ist bereit für das Kantonalturnfest, das am 18. Juni in Thun beginnt.

OK-Präsident Daniel Iseli ist bereit für das Kantonalturnfest, das am 18. Juni in Thun beginnt. Bild: Patric Spahni

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Wurden Sie Turner, weil es in Zwieselberg und seinen Nachbardörfern nichts anderes gab?
Daniel Iseli: Nein. Ich stamme aus einer Turnerfamilie, und viele meiner Kollegen waren im TV Reutigen.

Bruno Kernen kam weit über Reutigen hinaus – er wurde Abfahrtsweltmeister.
Genau. Auch er fing als Turner an.

Warum blieben Sie Turner?
Es geht um zwei Dinge: die Pflege des kameradschaftlichen Umfelds sowie die regelmässige körperliche Betätigung, bei der nicht zuletzt der Wettkampfgedanke auch eine Rolle spielt.

Sie nennen die Kameradschaft vor dem Sport.
Die Prioritäten verändern sich mit den Jahren (lacht). Mit 16 hätte ich zuerst den Sport genannt.

In dem Fall spielen sportliche Erfolge in einer «durch­schnittlichen» Turnerkarriere keine entscheidende Rolle.
Sie sind wichtig oder waren es ­zumindest für mich als Einzelperson. Ich war ein anständiger Einzelturner, durfte meine Er­folge feiern und habe im Vereinsleben einen gewissen Ehrgeiz an den Tag gelegt. Auch als Leiter war mir wichtig, dass wir an Turnfesten in den vordersten Rängen klassiert sind und dass Trainings ernst genommen werden. Im Wettkampfteil steht der Sport im Vordergrund, im ge­selligen Teil die Kameradschaft. Aber das Gewicht verlagert sich mit dem Lebensalter.

War mit Blick auf Ihr «Ämter­palmarès» schon immer klar, dass Sie das OK präsidieren würden, wenn es mal ein «Kantonales» in Thun geben würde?
Absolut nicht. Die Leute reissen sich nicht darum, ein Fest in dieser Grösse zu organisieren. Weil ich das OK für das «Oberländische» präsidieren durfte und Präsi des Oberländischen Verbands war, kriegte ich mit, dass niemand in Sichtweite war, der sich um die Organisation eines «Kantonalen» für 2016 bewarb. Deshalb habe ich mich darum bemüht, ein Team zusammenzustellen, das so ein Fest anreissen könnte. Ich gebe zu, ich habe sie zusammentrommeln müssen – aber sie sind eingestiegen und ­haben geholfen, eine Trägerschaft zu finden. Als wir die acht Vereine an Bord hatten, die jetzt dabei sind, bewarben wir uns dann beim Verband.

Sie und Ihr Team gingen von 8000 bis 9000 Turnern aus, jetzt treten 15 000 Aktive an. Sprengt das nicht jeden Rahmen?
Wir hätten jederzeit abklemmen können und sagen, die Ober­grenze für Teilnehmende sei erreicht. Aber dank der Infra­struktur auf dem Waffenplatz konnten wir so viele Startplätze vergeben.

Ist gute Infrastruktur ein Grund dafür, dass das Turnfest 2016 förmlich überrannt wurde?
Sie ist mit ein Grund, genauso wie die Lage von Thun. Turnfeste im Berner Oberland sind sowieso beliebt. Die Verbindung von Bergen und See spielt eine Rolle, aber auch die gute Erreichbarkeit. Zudem ist Folgendes nicht zu unterschätzen: Turner gelten als traditionsbewusst – und ich bin überzeugt, dass viele der Aktiven, die sich angemeldet haben, ihre RS auf dem Waffenplatz absolviert haben. Jetzt kehren sie zurück, um die Anlage noch in einem anderen Kontext zu erleben.

Was bedeutet es für das OK, dass das Kantonale fast so gross wie ein «Eidgenössisches» ist?
Das war eine grosse Herausforderung für die OK-Mitglieder, die alle Unter-OKs führen. Die Infrastruktur ist natürlich ausreichend – aber sie muss gebaut werden. Und dafür braucht es helfende Hände. Damit ist die grösste Herausforderung für die acht Trägervereine, genügend Leute zu finden, um diese Herkulesaufgabe zu stemmen.

Eigentlich haben Sie ja noch immer nicht genug Helfer.
Wir mussten schon einige Kraftakte bewerkstelligen – und sind jetzt am Punkt, an dem jedes Aktivmitglied dieser Vereine am zweiten Festwochenende acht Stunden Ruhe zugut hat und sonst durcharbeiten muss.

Das tönt nicht nach Spass und Unterhaltung. Wie wurde dieses Regime aufgenommen?
Viele haben das nicht so erwartet. Entsprechend war es auch nicht für alle einfach, das zu akzeptieren. Es gab vereinzelt negative Reaktionen – aber die ganz grosse Masse der rund 2000 Helfer freut sich, dass wir etwas Grosses machen, oder vielleicht sogar noch ein wenig grösser als gross.

Welche Aufgaben übernehmen die Helfer?
Die Verantwortlichkeiten sind klar geregelt: Messwesen, Kampfrichterangelegenheiten und Bewertungen liegen in der Verantwortung des Verbandes. Jeder teilnehmende Verein muss Kampfrichter stellen. Alles, was Infrastruktur betrifft – die Bereitstellung und der Unterhalt von Wettkampfstätten, Unterkunft, Verpflegung, Unterhaltung und so weiter –, ist Sache des OK.

Welche Arbeit ist die
beliebteste?
Diejenige hinter der Bar. Wir haben zwei Bars mit Platz für 4500 und 3000 Gäste. Dort arbeiten in Spitzenschichten 150 Personen gleichzeitig.

Die unbeliebteste Arbeit?
Die WC-Reinigung. Weil wir damit gerechnet haben – und weil wir nicht wollen, dass jemand, der sich freiwillig engagiert, acht Stunden WCs reinigen muss, die nicht immer schön aussehen –, hat das OK entschieden, diesen Auftrag an Profis auszulagern.

Solche Aufgaben auszulagern, kostet Geld. Wie ist es um die Finanzen des Turnfests bestellt – insbesondere mit Blick darauf, dass es viel grösser wird als angedacht?
Unser Budget ist solide. Die Teilnehmerzahl ist insofern zweitrangig, als jeder Turner, der an den Start geht, ein Startgeld bezahlt. Dank dieser Beiträge und dank der Sponsoren müssen wir uns auf keine finanziellen ­Abenteuer einlassen. Das alles wäre aber nicht möglich ohne das Engagement der freiwilligen Helfer. Sie werden zwar nach dem Fest aufgrund des Ergeb­nisses von ihren Vereinen entschädigt. Aber es ist ganz klar: Müsste man diese Leistungen einkaufen, liesse sich ein Fest in dieser Grössenordnung nicht durchführen.

Wer hilft am Turnfest? Ausschliesslich Turner oder auch Zivilschutz und Militär?
Vom Militär haben wir eine Ab­sage erhalten, weil die Armee nur noch Anlässe unterstützt, die ­nationale oder internationale Ausstrahlung haben. Vom Zivilschutz kommt eventuell ein kleines Kontingent beim Abbau zum Einsatz.

Verstehe ich das richtig: Die Mitglieder der Trägervereine sind an ihrem eigenen Turnfest vor allem als Helfer im Einsatz?
Richtig. Sie haben Zeit zum Turnen, die restliche Zeit – ausser der Ruhezeit – arbeiten sie. Das Fest als Teilnehmer geniessen können sie nicht. Als aktive Turner ist das aber nichts Neues für sie. Und sie wissen: Ich konnte vorher jahrelang Turnfeste als Teilnehmer besuchen, und ich kann es auch in den nächsten Jahren wieder tun. Alle Trägervereine nehmen regelmässig an Turnfesten teil.

Wie sehr ist der Turnsport heute noch gefragt? Fussballschulen platzen aus allen Nähten, während Turnvereine fusionieren . . .
Wir haben in der Schweiz klar rückläufige Zahlen bei den Mitgliedern im Verband. Man muss aber beachten, dass Vereine oft einer Wellenbewegung unterliegen. Bei kleinen Vereinen spielen die Leader an der Oberstufenschule beispielsweise eine ganz wichtige Rolle. Spielen sie Uni­hockey oder Fussball, folgen die anderen in der Tendenz. Turnen diese Leader, tun es die anderen auch. Und: Vereine, die ihren Mitgliedern etwas bieten – gesellschaftlich, aber auch sportlich kompetitiv –, haben grundsätzlich kein Nachwuchsproblem.

Jugendliche suchen also den Wettkampf?
Definitiv. Junge sind darauf erpicht, sich messen zu können, wenn sie sich schon sportlich betätigen.

Wo steht die Region im schweizerischen Turnsport?
Wir haben in verschiedenen Disziplinen sehr gute Vereine. Mit Blick auf die Mitglieder sind auch bei uns die Zahlen rückläufig. Hinzu kommt, dass der Kanton Bern mit insgesamt sieben kan­tonalen Verbänden meiner persönlichen Meinung nach relativ komplex organisiert ist. Zürich beispielsweise hat einen Verband mit Unterabteilungen. Damit wird man etwa für Sponsoren attraktiver.

Was brauchts dafür, dass Sie als OK-Chef am Nachmittag des 26. Juni sagen, das Fest war ein Erfolg?
Wenn eine Turnerin sagen kann, sie habe nicht mehr als drei Minuten auf ihr Essen gewartet, saubere WC-Anlagen nutzen können und ein schönes Erlebnis mit Kolleginnen und Kollgen gehabt, dann haben wir gute Arbeit geleistet.

(Thuner Tagblatt)

Erstellt: 26.05.2016, 06:19 Uhr

Die Helfersuche war unerwartet schwierig

Eigentlich hatte Ruedi Eggimann ein klares Ziel, als er im März 2015 anfing, Helferinnen und Helfer für das kantonale Turnfest 2016 zu suchen: Im November 2015 sollten alle Helfer über das dafür vorgesehene Onlinetool registriert sein. Die Basisrechnung, die diesem Ziel zugrunde lag, war einfach: Die acht Trägervereine Allmendingen, Einigen, Reutigen, Seftigen, Sigriswil, Steffisburg, Thun-Strättligen und Uetendorf zählen zusammen insgesamt rund 1000 Mitglieder. Wenn jedes dieser Mitglieder noch einen freiwilligen Helfer bringt, wäre der Bedarf von 2000 Personen rasch gedeckt. «Wir mussten allerdings rasch feststellen, dass wir weitere Kanäle erschliessen müssen», so OK-Personalchef Eggimann.
So waren im November 2015 nicht die meisten Helfer beisammen, sondern erst gut die Hälfte. Damit machten sich Eggimann und sein Team auf, weitere Helferkanäle zu erschliessen. «Wir schrieben rund 150 Vereine in der Region an und suchten über das Helfertool von Swissvolunteers.ch zusätzliche Freiwillige aus dem ganzen Land.» Über diese Kanäle konnten immerhin fast 250 Leute rekrutiert werden. «Das Gros der Helfer stellen aber in der Tat die acht Trägervereine aus ihren eigenen Reihen oder mit Bekannten und Freunden», sagt Eggimann, «und das ist schon bemerkenswert. Wir sind dankbar für alle, die mit an­packen – und überzeugt, dass wir auch die letzten offenen Löcher noch stopfen können, bis es am 18.?Juni losgeht.» Allerdings weist Eggimann auch darauf hin: «Weitere Anmeldungen von freiwilligen Helferinnen und Helfern nimmt das OK sehr gerne entgegen. »maz

www.thun2016.ch

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