Zum Hauptinhalt springen

Drummer zwischen zwei Welten

Einst spielten sich junge Musiker in Bandräumen die Finger wund. Heute vernetzen sie sich dank digitalem Hightech weltweit. Schlagzeuger Nathan Stucki ist überzeugt: Für sein Schaffen ist das Internet mehr Chance als Fluch.

Marco Zysset

«Der Aufwand, den man betreiben muss, um wahrgenommen zu werden, ist gross», sagt Nathan Stucki aus Heimenschwand. Der 25-jährige Schlagzeuger ist im Internet unter dem Künstlernamen Nate Blond aktiv.

Er bespielt seit gut zwei Jahren seinen eigenen Youtube-Kanal. Mehr als 100'000-mal wurden die Clips von seinen über 1000 Abonnenten schon angesehen. Ein schöner persönlicher Erfolg.

Doch in Zeiten, in denen tonangebende Influencer auf Youtube, Facebook, Instagram und mehr Zehntausende Follower und Abonnenten verbuchen, sind diese Zahlen verschwindend klein. «Das ist die grosse Herausforderung und die Frage, die ich mir oft stelle: Wie kann ich mich von anderen abheben und die Aufmerksamkeit des Publikums auf mich lenken?», sagt der gelernte Automatiker.

Das Leintuch-Labor

Eine Antwort gibt er selber: «Du musst einen professionellen Auftritt abliefern. Videos aus einem schmuddeligen Bandraum mit schlechter Soundqualität gibt es massenhaft.» Deshalb wirkt sein Studio in seinen Clips wie ein klinisch weisses, futuristisch angehauchtes Labor. «In Tat und Wahrheit sind es weisse Tücher, die richtige Beleuchtung und Videobearbeitung, die den Look ausmachen», sagt der Musiker.

Nathan Stucki alias Nate Blond in seinem Studio. Foto: Patric Spahni
Nathan Stucki alias Nate Blond in seinem Studio. Foto: Patric Spahni

Pro Video investiert er 25 bis 30 Stunden; als Kameraleute agieren seine Brüder, während Nate Blond selber für den Schnitt, die Nachbearbeitung und die Publikation der Clips zuständig ist.

Oder mit anderen Worten: Wo Musiker vor zwanzig Jahren jede erdenkliche Möglichkeit wahrnehmen mussten, um zu konzertieren und so ihre Fanbasis aufzubauen, müssten sie das zwar auch heute noch – aber gleichzeitig auch noch als Grafiker, Cutter, Regisseur, Drehbuchautor und Social-Media-Manager agieren.

Sich ständig neu erfinden

«Das ist schon zeitaufwendig», sagt Nate Blond. «Aber ich sehe ja auch, dass meine Fanbasis kontinuierlich wächst und sich die Sache ständig entwickelt – und zudem habe ich ganz einfach Spass daran, immer wieder neue Ideen auszuhecken.» So hat er sich jüngst entschieden, sein weisses «Drum-Labor» für einen Clip zum ersten Mal seit gut zwei Jahren zu verlassen. «Ich kann noch nicht viel verraten – aber es dürfte spektakuläre Bilder geben mit schnellen Autos, Feuer und Drohnenaufnahmen.»

Das Motto «Wer rastet, rostet», das Musiker schon seit Generationen begleitet, gilt also auch in einer digitalisierten Welt noch; übrigens auch für das eigentliche Schlagzeugspiel im Fall von Nate Blond. Manchmal fünf bis sechs Stunden am Tag übt er neue Techniken; seit acht Jahren autodidaktisch – wie könnte es anders sein: mithilfe von Youtube-Videos –, vorher fünf Jahre in der Schlagzeugschule Keep the Beat in Thun.

Vermisst der Schlagzeuger, der fast Tag und Nacht in seinem schier sterilen «Labor» sitzt und ackert, nicht manchmal den guten alten und manchmal auch miefigen Bandraum-Groove und die Kollegen? «Doch», sagt Nate Blond. «Aber nach der Auflösung von Milestone, der letzten Band, mit der ich spielte, habe ich bewusst entschieden, die nächsten Jahre voll einer Solokarriere zu widmen. Was dann kommt, ist ­offen.»

Der Traum vom Ausland

Das gelte sowohl für den Inhalt seiner musikalischen Arbeit wie für den Ort. Sein aktuelles Video hat Blond mit einem Gitarristen aus Brasilien produziert. Ein längerer musikalischer Aufenthalt im Ausland – er hat Kontakte in die USA oder nach Australien – sei «denkbar, aber halt auch eine finanzielle Frage».

Deshalb – und da ist der digital vernetzte Musiker aus Heimenschwand dann wieder genau gleich wie die meisten seiner Kollegen vor zwanzig und mehr Jahren – kommt auch er nicht ohne «richtigen» Job aus.

Immerhin kann es sich Nathan Stucki mittlerweile leisten, mit Einsätzen über ein Temporär­büro genügend Geld auf die Seite zu legen, um sich jeweils mehrere Wochen ausschliesslich der Musik zu widmen. Auch das nicht ­zuletzt eine Möglichkeit, die ihm flexible Arbeitszeitmodelle in einer digitalisierten Arbeitswelt geben.

Nate Blond ist auf Instagram und Facebook aktiv.

Dieser Artikel wurde automatisch auf unsere Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch