Eine Schiffsreise, die kein Ende findet

Thun

«Novecento. Die Legende vom Ozeanpianisten» fesselte am Samstag rund 400 Theaterfans im KKThun. Erstmalig lud die Kunstgesellschaft Thun hinterher zum Publikumsgespräch ein.

Roland Peek als einziger Darsteller in dem rund 70 Minuten langen Stück verkörpert Tim Toone. Foto: PD

Roland Peek als einziger Darsteller in dem rund 70 Minuten langen Stück verkörpert Tim Toone. Foto: PD

«Wir spielen, weil der Ozean Angst macht», sinniert Trompeter Tim Tooney. Ein Klavier beginnt zu spielen. Perlende Töne und Meeresrauschen rollen den Klangteppich aus für einen fesselnden Monolog. Ein Mann, zunächst mit dem Rücken zum Publikum auf einem Koffer stehend, beginnt die Geschichte von «Novecento», dem Ozeanpianisten, zu erzählen.

Roland Peek als einziger Darsteller im rund 70 Minuten langen Stück verkörpert Tim Tooney. Der Trompeter auf der «Virginian» bespasst die feinen Leute der ersten Klasse genauso wie die mittellosen Auswanderer im Unterdeck. Mit Blick zurück erzählt er die atemberaubende «Legende vom Ozean­pianisten», der sein Leben auf der «Virginian» verbrachte, ohne jemals Land zu betreten.

Ziehvater gab den Namen

Novecento erhält seinen vollen Namen Danny Boodman T.D. Lemon Novecento vom Maschinisten Danny Boodman, der das ausgesetzte Baby 1900 findet und aufzieht. Ziehvater Boodman ist bemüht, dem Kind einen spektakulären Namen auf den Weg zu geben, so hängt er seinem eigenen Namen die Aufschrift der Zitronenpappschachtel, die als Körbchen diente, und das Geburtsjahr 1900 (Novecento) an.

Als Boodman stirbt, ist der achtjährige Junge unauffindbar und taucht als jugend­liches Musiktalent am Klavier wieder auf. Er verzaubert mit seinem Spiel alles, was Ohren hat. Als diesen Musiker lernt Tooney ihn kennen.

Angst vor der Welt an Land

Mit riesigen projizierten Bildern suggeriert Regisseur Arthur Castro Novecentos Welt des frühen 20. Jahrhunderts. Begleitet wird Roland Peek von Tomohito Nakaishi am Flügel, der die Erzählung mit seinem virtuosen Spiel vom Ragtime über «Oh Champs-Élysées» bis zum Mackie Messer auch zu einem Musikgenuss werden lässt. Novecento tritt gegen den «Erfinder des Jazz», Jelly Roll Morton, zum Klavierduell an.

Die «Teuflische Einflüsterung» von Sergei Prokofieff spielt der Ozeanpianist mit solcher Wucht, dass er seinem geschlagenen Gegner später eine Zigarette an den heiss gespielten Saiten entzündet. Nur einmal verspürt der Pianist den Wunsch, von Bord zu gehen, um das Meer vom Land aus zu sehen, doch auf der dritten Stufe der Gangway kehrt er um. Als das Schiff mit Dynamit vollgestopft zerstört werden soll, verlässt Novecento es nicht.

Musik, Bilder und Roland Peeks intensives Spiel nehmen das Publikum mit auf eine Schiffsreise, die bedeutungsvoll an die eigene Komfortzone erinnern mag. Die Metaphorik, dass sich jedes menschliche Wesen in seinem Lebensraum auf einer Art Schiff befindet, gelingt dabei vortrefflich.

«Du bist nicht wirklich aufgeschmissen, solange du noch eine gute Geschichte hast und jemanden, dem du sie erzählen kannst», hat der Freund ihm auf den Weg gegeben und ihm seine Geschichte geschenkt.

Im Dialog mit den Künstlern

Beim anschliessenden Publikumsgespräch freute sich die künstlerische Leiterin der Kunstgesellschaft Thun Pirkko Busin über zahlreiche Gäste. Schauspieler Roland Peek und Pianist Tomohito Nakaishi stellten sich etlichen Fragen. Etwa, ob Peek den Ozeanpiansten feige oder tapfer finde? Der Akteur wollte sich nicht so recht festlegen und schwärmte lieber von dem Roman von Alessandro Baricco, in den er sich sofort verliebt habe.

Dass Peek auf der Bühne ein Mikrofon benutzte, wurde von vielen Anwesenden begrüsst. Dieser erklärte, dass man sich dafür entschieden habe, um die leisen Momente technikgestützt auch für die hinteren Reihen hörbar zu machen. Ein älterer Herr monierte etwas, dass das Lied «Oh Champs-Élysées» aus den 1960er-Jahren stamme, und nicht in die Zeit der Handlung passe.

Peek kommentierte, dass der Regisseur Arthur Castro das ausgewählt habe und ein ausgewiesener Musikspezialist sei. Er habe die konzentrierte Stille des Publikums wahrgenommen, verriet der Schauspieler, der gelangweilte Stille und angespannte stille sehr gut unterscheiden könne. Warum das so sei, wisse er selbst nicht so recht.

Das erste Publikumsgespräch in dieser Art bewies, dass beim Publikum durchaus Bedarf besteht, sich nach einer Vorstellung mit Bühnenkünstlern auszutauschen.

Thuner Tagblatt

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