Engagement der Zuversicht

Thun

Vor rund hundert Gästen wurde am Freitagabend in der Konzepthalle 6 der «Prix Thun für Kunst und Ethik» verliehen. Die Videokünstlerin Ursula Biemann erhielt den mit 25'000 Franken dotierten Preis.

Ursula Biemann konnte am Freitagabend den «Prix Thun für Kunst und Ethik» im Empfang nehmen.

Ursula Biemann konnte am Freitagabend den «Prix Thun für Kunst und Ethik» im Empfang nehmen.

(Bild: Patric Spahni)

Eine junge Samin in oranger Schutzkleidung legt an einem Gewässer in karger Landschaft Fernostskandinaviens ihre Mikrofone wie Tentakel aus und hält später ein Trichtermikrofon in die Luft. Ein Sirren und Rauschen ist zu hören, Töne, die wir mit blossem Ohr nicht hören. Die Hightech-Meeresbiologin ist einer der Menschen, welche die Preisträgerin im Video festgehalten hat.

Studium in Übersee

Es sind die unaufgeregten Filmdokumente, die Ursula Biemann um die Welt trägt. Jenseits der Sensationsmeldungen fängt die 63-jährige Künstlerin aus Zürich Bilder mit unter die Haut gehender Aussagekraft ein. «Zu Beginn meines Studiums in den 1980er-Jahren waren Globalisierungsprozesse allgegenwärtig», erzählt sie. Damals habe sie schon begonnen, Feldstudien zu betreiben, und stiess in der Schweiz auf perplexe Gesichter. Ihr Studium absolvierte sie in den USA und in Mexiko.

Kunst und Forschung hätten zu der Zeit noch kaum Berührungspunkte gehabt. Inzwischen hat sich der forschungsbezogene Kunstansatz etabliert, was nicht zuletzt Ursula Biemann zu verdanken ist. «Die Künstler wandten sich der Forschung zu, während die Wissenschaft sich immer mehr der bildhaften Darstellung widmet», erklärt Biemann. Sie beschäftige sich im Schwerpunkt mit ökologischen Themen, denn «soziale Tragödien hängen meist eng zusammen mit zerstörter Natur».

Nahe an den Menschen

In den Jahren 2006 bis 2009 entstand ihr Projekt «Sahara Chronicle» mit 12 Videos, die sie auf den Transitrouten in Marokko, Libyen, Niger und den Maghrebstaaten produzierte. «Ich dokumentiere ganz unaufgeregt Menschen auf ihrem Weg, die noch voller Hoffnung sind», sagt die Künstlerin nachdenklich.

Ihr Thema ist das Anthropozän, in dessen Kontext die Frage brennt, wann der Mensch die Natur in die Wissenschaft verlagert hat und seit wann der Mensch eine geophysische Kraft darstellt.

Verantwortung delegieren?

An der Preisverleihung betonte George Steinmann in seiner Rede, der «Prix Thun für Kunst und Ethik» sei ein Engagement der Zuversicht. Er werde oft gefragt, warum zum Geier er sich so für dieses Projekt einsetze. Dies sei ja Moralterror und Gutmenschentum. Dann entgegne er: «Es ist nicht die Verbotskultur. Wir brauchen mehr ethisches Bewusstsein und nicht weniger!»

Vielleicht sei die Verbindung von Kunst und Nachhaltigkeit noch ungewohnt, doch er plädiere für eine tiefgreifende Revision unserer ethischen Werte. Mit dem Satz «Verantwortung kann nicht delegiert werden!» endete George Steinmanns eindringlicher Vortrag.

Durch den Abend führte der Journalist Peter Salvisberg. Für den Thuner Gemeinderat sprach Marianne Dumermuth (SP), die sich noch gut erinnern konnte, wie George Steinmann bei der ersten Verleihung des Prix Thun verlauten liess, dass er die Stadt auf die Weltkarte der Kunst setzen wolle. Die feierliche Verleihung des mit 25000 Franken dotierten Preises übernahm Markus Hänni von der Energie Thun AG, die auch das Preisgeld stiftete.

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