Frau Mouillé irritiert den Bundesrat

Thun

Bevor Zentralheizung und fliessendes Wasser in die Wohnhäuser Einzug hielten, befriedigten öffentliche Bäder das Bedürfnis nach Körperhygiene. Schon immer gaben sie (oft begründeten) Anlass zur Vermutung, dort würde noch ganz Anderes geboten.

Die Hausnummer 33 im Bälliz: Dieses Gebäude gehörte Rosa Mouillé, bis sie es 1869 verkaufte und nach Bern zog. Das Bad Bälliz, wie es später hiess, wurde noch bis ins 20. Jahrhundert weiterbetrieben.

Die Hausnummer 33 im Bälliz: Dieses Gebäude gehörte Rosa Mouillé, bis sie es 1869 verkaufte und nach Bern zog. Das Bad Bälliz, wie es später hiess, wurde noch bis ins 20. Jahrhundert weiterbetrieben.

(Bild: zvg/Stadtarchiv)

Am 2. April 1864 schrieb Divisionsarzt Oscar Engelhard seinem Vorgesetzten, dem Kommandanten der Zentralschule in Thun Louis Denzler (1806–1880), einen besorgten Brief. Direkt neben dem eidgenössischen Kriegskommissariat befinde sich das Bad Immer, welches kürzlich durch Madame Mouillé gekauft worden sei.

Sie habe dort mit Autorisation des Gemeinderates von Thun ein förmliches Bordell eingerichtet, das gut rentieren solle. Dass die Behörden ein solches Etablissement direkt neben einem eidgenössischen Verwaltungsgebäude tolerierten, sei eine «wahre Verachtung des eidg. Militärs von Seiten der Gemeindebehörden von Thun.»

Kein «Anlass zu argen ­Vermuthungen»

Denzler wandte sich an den Bundesrat mit der Bitte, das Lokal schliessen zu lassen. Der EMD-Vorsteher Constant Fornerod (1819–1899) schrieb deshalb an den Regierungsrat des Kantons Bern, welcher wiederum den Regierungsstatthalter von Thun um genaue Informationen bat.

Der Statthalter forderte daraufhin den Landjägerfeldweibel Christen auf, der Sache nachzugehen und zu untersuchen, ob dort wirklich ein Bordell betrieben werde. Dessen Bericht war klar: Auf der Vorderseite (Bälliz) befinde sich die Gaststube, darüber Wohnungen mit gut beleumdeten Mietern.

Ob diese mehr böten als Speisen und ­Getränke und unterhaltsame Gespräche, könne man natürlich nicht feststellen.

Für die Bedienung der Gäste in den Badekammern des Bades (aareseitig) stünden vier bis fünf weibliche Personen zur Verfügung. Ob diese mehr böten als Speisen und ­Getränke und unterhaltsame Gespräche, könne man natürlich nicht feststellen. Wer aber nur in der Gastwirtschaft ein Glas Wein trinken wolle und sonst nichts verlange, werde nicht belästigt.

Christen bestritt ausdrücklich, dass «je weibliche Gestalten zur Schau aufgestellt [gewesen], welche in sittlicher Beziehung Anlass zu argen Vermu­thungen geboten hätten.» Und, fügte er an, wer Dirnen wolle, finde sie auch sonst überall.

Gemeinderat habe kein ­Bordell bewilligt

Der Gemeinderat nahm dem Statthalter gegenüber ebenfalls zu den Klagen des Militärs Stellung. Er verwahrte sich dagegen, ein Bordell bewilligt zu haben, da für Wirtschaftspatente ja der Kanton zuständig sei.

Zudem seien ihm bisher keine Klagen zu Ohren gekommen, weshalb er alle «ungebührlichen Ausfälle» in den fraglichen Briefen zurückweise. Der Regierungsrat schrieb schliesslich an den Bundesrat, es lägen keine Gründe vor, die eine Schliessung rechtfertigen ­würden.

Schliessung und Gefängnisstrafe für Mouillé

Leider lässt sich heute nicht mehr feststellen, ob Rosa Mouillé das Bad tatsächlich so gesetzestreu führte, wie die Berichte von Polizei und Gemeinderat dies suggerierten.

Ganz daneben scheinen die Offiziere jedoch nicht gelegen zu haben: Als es nämlich ein paar Jahre später darum ging, das bisherige Kommissariatsgebäude als Primarschule umzunutzen, war der Gemeinderat plötzlich dafür, das «mit gewerbsmässiger Unzucht verbundene Etablissement der Witwe Mouillé im Bälliz» zu beseitigen, wie es im Protokoll der Sitzung vom 4. April 1868 heisst.

Er beschloss, «es sei die Polizei-Commission eingeladen gegen Frau Mouillé gestützt auf § 168 des Strafgesetzbuches wegen gewerbsmässiger Unzucht deren Bestrafung zu verlangen.»

Das Bälliz 33 heute: Anna Zwahlen, die Frau ­Gemeindepräsidentin von Thun, betrieb das Bällizbad noch bis in die 1910er-Jahre. Bild: Franziska Streun

Das geschah denn auch: Rosa Mouillé wurde von der Polizeikammer wegen «Vorschubleistung zu Unsittlichkeiten» zu einer kurzen Gefängnisstrafe und zur Schliessung des Lokals auf 1. April 1869 verurteilt.

Bevölkerung wollte das Bad behalten

Interessant ist, dass die Bevölkerung einen Weiterbetrieb befürwortete; da kamen sich offenbar Bedürfnis und Moral in die Quere. Weshalb aber hatte der Gemeinderat jahrelang gewartet, bis er der Moral zum Durchbruch verhalf?

Sieht man von persönlichen Motiven ab, welche wir den Gemeinderäten nicht unterstellen wollen, so bietet ein Blick ins Einkommenssteuerregister eine mögliche Erklärung. Witwe Mouillé gehörte zu den besten Steuerzahlerinnen. 1868 versteuerte sie mit einem Einkommen von 2000 Franken den höchsten Betrag aller 77 Wirte von Thun.

Sie lag damit etwa gleichauf mit einem Dampfschiffkapitän (2000 Franken), dem Direktor der Kon­struktionswerkstätte (2400 Franken) oder dem burgerlichen Familiengut (2200 Franken). Viele Ärzte und Fürsprecher verdienten weniger. Der Gemeinderat hatte also gute Gründe, im Interesse der Stadtkasse so lange wie möglich wegzusehen.

Der Autor gehört zum siebenköpfigen Historikerteam, welches im Auftrag des Vereins Thuner Stadtgeschichte die jüngere Stadtgeschichte aufarbeitet. Das Gesamtwerk erscheint im Herbst 2018. Diese Zeitung publiziert in loser Folge als Serie einzelne Themen aus ihrem Fundus an Recherchen.

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