Gericht verurteilt brutalen Räuber

Thun

Das Regionalgericht Oberland einen 74-jährigen Italiener wegen eines Überfalls auf eine Thuner Bijouterie zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Hat der Mann zusätzlich einen Mord auf dem Gewissen?

Sieben Jahre Freiheitsentzug: Der 74-jährige Italiener nahm gestern im Thuner Gerichtssaal das Urteil regungslos entgegen.

Sieben Jahre Freiheitsentzug: Der 74-jährige Italiener nahm gestern im Thuner Gerichtssaal das Urteil regungslos entgegen.

(Bild: Karin Widmer)

Das Kollegialgericht in Fünfer­besetzung unter dem Vorsitz von Gerichtspräsidentin Eveline Salzmann folgte am Regionalgericht in Thun gestern weitgehend den Anträgen von Staatsanwalt Thomas Wyser, der eine Freiheitsstrafe von acht Jahren gefordert hatte. Es befand den 74-jährigen Italiener in allen Anklagepunkten für schuldig und verurteilte ihn wegen mehrfachen Raubes, begangen unter Offenbarung besonderer Gefährlichkeit, Freiheitsberaubung, Geiselnahme, sexueller Nötigung und Hausfriedensbruch zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren.

Die Untersuchungshaft von 474 Tagen wird angerechnet.Zudem ist der Verurteilte zur Bezahlung von Verfahrenskosten, Anwaltskosten, Schadenersatz und Genug­tuungen von insgesamt rund 172'000 Franken verurteilt worden. Der Mann geht zurück in den vorzeitigen Strafvollzug. Bei der Urteilsfindung wurden das Alter und der Umstand, dass der Mann gesundheitlich angeschlagen ist, berücksichtigt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Es kann von den Parteien innert zehn Tagen angefochten werden.

Es war ein Albtraum

Ausser der sexuellen Nötigung hatte der Täter die Straftatbestände weitgehend nicht bestritten. «Das Gericht hatte abzuwägen, ob es sich in beiden Fällen um qualifizierten Raub gehandelt hat», sagte die Gerichtspräsidentin in der Urteilsbegründung. Aufgrund der Umstände (Offenbarung besonderer Gefährlichkeit), wie die Taten verübt worden seien, sei man zum Schluss gekommen, dass dem so sei. Hervorgehoben wurde zudem, dass die Opfer Todesangst ausgestanden hätten und noch heute unter dem Albtraum litten.

Zu Oralsex gezwungen

Der Mann war im September 2016 äusserst brutal vorgegangen. Mit einer Spielzeugpistole – einer Imitation einer Beretta-Pistole) überfiel der Täter ein Ehepaar und die Stieftochter des Ehegatten in ihrer Privatwohnung in Thun. Er fesselte alle drei und drohte, sie zu töten, gab ihnen starke Beruhigungsmittel. Schliesslich zwang er die Tochter zu Oralsex und nahm Wertsachen im Betrag von rund 70'000 Franken an sich.

Nach dem brutalen Übergriff und dem Raub in der Privatwohnung mussten sich die drei Personen zu Fuss mit dem Täter zu einer Bijouterie im Bälliz begeben. Der Italiener hatte seinen Opfern Streichholzschachteln auf den Rücken geklebt und ihnen gesagt, es sei Sprengstoff darin. Er könne diesen fernzünden. Vor der Bijouterie blieb der Italiener mit der Tochter als Geisel draussen, während ihm die Frau, die Filialleiterin der Bijouterie, Schmuck im Wert von rund 45'000 Franken aushändigen musste.

«Die DNA-Spuren haben den Tatbestand der sexuellen Nötigung be­stätigt.»Gerichtspräsidentin

Als der Täter sein Ziel erreicht hatte, liess er im Bereich Aarestrasse von den drei Opfern ab und entfernte sich mit der Beute zu Fuss in Richtung Bahnhof Thun. Die gesamte Beute verhökerte der Italiener anschliessend in Mailand beziehungsweise in Spanien, wo die Polizei ihn festnehmen konnte.

Sexuelle Nötigung bestritten

Die sexuelle Nötigung in der Privatwohnung hatte der Beschuldigte von Anfang an vehement bestritten. «Die Aussagen des Opfers waren sehr detailliert und glaubwürdig», betonte die Gerichtspräsidentin. Es gebe keine Anhaltspunkte für falsche Beschuldigungen.

Das Gericht stützte sich auch auf die Aussagen der Mutter des Opfers, die selt­same Geräusche gehört hatte, wegen der verklebten Augen jedoch das Geschehen nicht beobachten konnte. Die DNA-Spuren auf dem Teppich, an den Trainerhosen des Täters, am Gesicht und im Mund des Opfers, betonte die Gerichtspräsidentin, hätten den zur Last gelegten Tatbestand ­bestätigt.

Eventuell auch Frau getötet

Der Verurteilte hat möglicherweise noch mehr auf dem Gewissen. Im Kanton Zürich steht der Italiener unter Mordverdacht: 1997 wurde an der Zürcher Goldküste, in Küsnacht, eine 87-jährige Frau in ihrem Haus gefesselt und mit schwersten Misshandlungen tot aufgefunden. Das Tötungsdelikt blieb ungeklärt, bis Kommissar Zufall im Sommer vergangenen Jahres ins Spiel kam.

Nach dem Raubüberfall auf die Thuner Bijouterie wurde der 74-jährige Italiener in Spanien gefasst und an die Schweiz ausgeliefert. Aufgrund einer DNA-Analyse ergab sich gemäss Anklageschrift der dringende Verdacht, dass der Italiener seinerzeit das Tötungsdelikt an der Goldküste begangen haben könnte. Im Kanton Zürich hat die Staatsanwaltschaft für Gewaltdelikte eine Untersuchung wegen Mordes eingeleitet.

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