Oberdiessbach

«Ich bin an meine Grenzen gestossen»

OberdiessbachHans Rudolf Vogt tritt Ende Jahr als Gemeindepräsident von Oberdiessbach ab. Er hat sich mehr als ein ­Vierteljahrhundert in der ­Gemeindepolitik engagiert und vieles kommen und ­gehen sehen.

Hans Rudolf Vogt tritt Ende Jahr als Gemeindepräsident von Oberdiessbach zurück.

Hans Rudolf Vogt tritt Ende Jahr als Gemeindepräsident von Oberdiessbach zurück. Bild: Steve Wenger

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Sie sind mehr als ein Vierteljahrhundert in Oberdiessbach politisch tätig. Was hat sich in dieser Zeit am meisten verändert?
Hans Rudolf Vogt: Gleich nachdem ich das Gemeindepräsidium angetreten hatte, nahmen wir die Reorganisation der Verwaltung in Angriff. Wir führten das Geschäftsleitermodell mit Abteilungsleitern für Bau, Finanzen, Soziales und Verwaltung ein.

Die Professionalisierung der Verwaltung wird immer mal wieder kritisiert. Stimmt die Aussage, dass Laien­politiker im Gemeinderatnur die Vorschläge der ­Verwaltungsprofis abnicken?
Das würde ich so nicht sagen. Keine Frage: Wir sind froh, haben wir gute Leute in der Verwaltung. Wir sind auf deren Hilfe angewiesen. Aber die Entscheide werden im Gemeinderat gefällt, vor allem im strategischen Bereich.

Wo hat der Gemeinderat inIhrer Amtszeit der Verwaltung am meisten reingeredet?
(lacht) Ein konkretes Beispiel kommt mir nicht in den Sinn. Aber wir waren nicht immer gleicher Meinung.

Sind die Zeiten vorbei, in denen faktisch der Gemeindeschreiber das Sagen im Dorf hatte und gar nicht der Gemeinderat?
Früher konnte diese Aussage durchaus Gültigkeit haben. Ich erinnere mich an meine Schulzeit, als man im Dorf sagte, Gemeindeschreiber Fritz Maibach sage, wos langgeht. Schon sein Nachfolger Peter Tanner konnte nicht mehr im selben Ausmass die Fäden ziehen, weil er beispielsweise nicht mehr für die Finanzen zuständig war. Mit dem Geschäftsleitermodell haben wir die Verantwortlichkeiten noch breiter verteilt.

Was macht das Amt des ­Gemeindepräsidenten in Oberdiessbach so faszinierend, dass Sie es 16 Jahre lang aus­führen mochten?
Ich habe mir mehr als einmal die Frage gestellt, wie lange ich diesen Job machen kann, soll und will. Am Ende waren aber die Fusionen mit Aeschlen und Bleiken entscheidend dafür, dass ich jetzt 16 Jahre machte. Als Aeschlen und Oberdiessbach eine neue Gemeinde gründeten, wurden alle Reglemente neu erstellt und damit auch die Amtsdauern der Ratsmitglieder neu gestartet. Wäre das nicht passiert, wäre nach 12 Jahren Schluss gewesen. Als 4 Jahre später Bleiken zu uns stiess, dachte ich, es wäre ein schlechtes Signal, wenn ich als Gemeindepräsident auf diesen Termin hin abträte.

Ist es für die Bevölkerung einer fusionierten Gemeinde wirklich so wichtig, wer Gemeindepräsident ist?
Nein. Aber es wäre ein falsches Zeichen gewesen. Es war letztlich mein persönlicher Entscheid und meine Interpretation der Situation.

Die grössten Auswirkungen ­hatten die Fusionen auf die Parteienlandschaft. Sie haben so viele SVP-Wähler in die Gemeinde fusioniert, dass die SVP Ihrer eigenen Partei, der FDP, den Rang abgelaufen hat...
Das stimmt. Aber mögliche politische Auswirkungen standen im Vorfeld nie zur Debatte. Unsere Botschaft war immer klar: Wenn eine kleine Nachbargemeinde an einer Fusion interessiert ist, sind wir offen dafür.

Abgesehen von der Parteienstärke: Haben sich die Fusionen auf das Alltagsleben in der ­Gemeinde ausgewirkt?
Durch das grössere Gemeinde­gebiet mit mehr Strassen und Wegen hat vor allem das Personal im Bereich Tiefbau und Betriebe mehr zu tun. Auch der Gemeinderat hat noch gewisse Aufgaben zu bewältigen, welche auf die Fu­sionen zurückzuführen sind. Ich denke da etwa an die Zusammenführung der Ortsplanungen und der Baugesetze.

Waren Sie seit der Fusion mit Aeschlen oder Bleiken öfter in einem der beiden Dörfer als ­vorher?
Ja.

Als Bürger oder als Gemeindepräsident?
Zunächst war ich im Rahmen der Verhandlungs- und Gesprächsrunden vor den Zusammenschlüssen oft in Aeschlen und Bleiken. Im Nachgang zur Fusion war ich nicht so oft in Aeschlen, auch weil in diesem Ortsteil nur wenige Anlässe stattfinden. In Bleiken ist dies anders; dort ist ja noch das Restaurant Traube. Auch im Saal des ehemaligen Gemeindehauses finden immer wieder Anlässe statt. Deshalb sind Oberdiessbacher eher in Bleiken als in Aeschlen anzutreffen.

Ist der Konzentrationsprozess rund um Oberdiessbach abgeschlossen?
Ich denke schon. Wir haben ja im Vorfeld der Fusion mit Blei­ken den Fächer für einen grösseren Zusammenschluss geöffnet. Brenzikofen und Herbligen haben aber klar gesagt, dass sie eigenständig bleiben wollen. Daran hat sich nichts geändert.

Sie treten 2018 noch einmal an im Kampf um einen Sitz im Grossen Rat. Blicken wir kurz auf die regionale und kantonale Politik: Ist Oberdiessbach im Verwaltungskreis und in der Regionalkonferenz Mittelland am richtigen Ort – jetzt, wo Linden sehr intensiv nach Thun schielt?
Als Gemeindepräsident war ich Mitglied der Geschäftsleitung der Regionalkonferenz Bern-Mittelland. Nach meinem persönlichen Dafürhalten sind wir am richtigen Ort – weil wir eindeutig Richtung Bern orientiert sind. Schon als es um die Bildung der Regionalkonferenz ging, war sich das ganze Kiesental einig, dass wir in Richtung Bern gehen wollen. Daran hat sich nichts geändert – zu Recht, wie ich beispielsweise mit Blick auf die Pendlerströme meine.

Ist das Leben am Rand einer grossen Region so schwierig, wie man es immer wieder hört?
Wenn jemand wie ich die Möglichkeit hat, in der Geschäftsleitung Einsitz zu nehmen, ist die Optik eine andere. Da sieht man den Sinn schon – und realisiert, dass es halt nun mal eine Tatsache ist, dass sich vieles in der Stadt und der Agglomeration abspielt. Das muss man als Gemeinde am Rand akzeptieren. Gleichzeitig muss man versuchen, davon zu profitieren, dass etwa der Bund Gelder für gewisse Projekte nur ausschüttet, wenn sie Teil einer regionalen Planung sind. Und: Auch Vertreter von kleinen Gemeinden können in der Geschäftsleitung einer Regionalkonferenz Einsitz nehmen und sich so einbringen.

Wenn sie die Zeit haben.
Das stimmt. Man muss die Kapazität haben.

Was machen Sie mit der Zeit, die nach Ihrem Rücktritt aus der Lokalpolitik frei wird?
Ich bin in einem Alter, in dem man nicht alles so elegant meistert wie früher. Die letzte Session im Grossen Rat war zeitlich sehr belastend; da haben das Geschäft oder die Gemeinde manchmal etwas gelitten, und ich bin an meine Grenzen gestossen.

Wie sieht eigentlich die Zukunft Ihres Geschäfts aus? Sie könnten in Pension gehen...
Wir überlegen uns seit längerem, wie das weitergehen könnte. Meine Frau und ich führen das Geschäft alleine. Dank dem, dass sie etwas jünger ist als ich, können wir noch zwei, drei Jahre so weitermachen. Was dann kommt, ist offen. Aber ich bin ehrlich: Wir hegen wenig Optimismus. Ein Geschäft wie unseres – noch mit dem Mix aus Uhren und Optik – hat wahrscheinlich keine Zukunft mehr in einem Dorf wie Oberdiessbach.

Wir haben uns jetzt intensiv über Politik und Beruf unterhalten. Kennt Hans Rudolf Vogt auch Freizeit?
Nein. (lacht)

Keinen Ausgleich, frische Luft, Vereinsleben?
Nun, das mit dem Verein ist schon lange vorbei. Wir sind fast jeden Sonntag draussen zu Fuss unterwegs und leisten uns im Sommer und im Herbst jeweils zwei Wochen Ferien.

Gibt es etwas, das in den letzten Jahren zu kurz kam, das Sie jetzt endlich in Angriff nehmen können?
Wir sind Grosseltern von zweijährigen Zwillingen. Ich freue mich darauf, mit den beiden mehr Zeit zu verbringen. Was kommt, wenn wir dereinst nicht mehr im Geschäft engagiert sind, ist offen. Vielleicht kommt dann noch die eine oder andere Reise hinzu. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 28.12.2017, 22:42 Uhr

Zur Person

Hans Rudolf Vogt wurde am 30. September 1950 in Oberdiessbach geboren. Nach Prim und Sek absolvierte er zunächst eine Uhrmacherlehre, dann eine Optikerlehre und führt heute zusammen mit seiner Frau ein Uhren- und Optik­geschäft. Der Vater zweier ­erwachsener Kinder war lange Zeit als Turner aktiv, hat den örtlichen Turnverein geleitet und war im Oberländischen Turnverband Verbandsoberturner und später auch noch Obmann der Männerturner. 1992 wurde er in die Primarschulkommission von Oberdiessbach gewählt, 2002 zum Gemeindepräsidenten. Seit 2014 ist er Mitglied des Grossen Rates des Kantons Bern, wo er 2018 zur Wiederwahl antritt. In seiner Zeit als ­Gemeindepräsident hat er zwei Gemeindefusionen erlebt, 31 Gemeindeversammlungen und 358 Gemeinderatssitzungen geleitet.

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