«Ich bin in beiden Welten zu Hause»

Thun

Im Interview geht der gebürtige Thuner Thomas Zwahlen auf seine Besuche und Hilfsaktivitäten im Himalaja ein. Anlässlich seiner Multivisionsvorträge in Thun und Spiez in einer Woche wird er davon mehr erzählen.

Thomas Zwahlen mit Ehefrau Martina, und den Kindern Flurin (vorne), Larina (l.) und Gian-Andri, hier vor dem heiligen Berg Amnye Machen in Osttibet. Foto: PD

Thomas Zwahlen mit Ehefrau Martina, und den Kindern Flurin (vorne), Larina (l.) und Gian-Andri, hier vor dem heiligen Berg Amnye Machen in Osttibet. Foto: PD

Bruno Petroni

Thomas Zwahlen, seit über 25 Jahren leben Sie im bündnerischen Parpan und verbringen einen Grossteil des Jahres im Himalaja. Mit Ihrem Geburtsort Thun scheint Sie nicht mehr viel zu verbinden.
Mitnichten. Ich habe immer noch meinen Vater und Verwandte in der Umgebung von Thun und komme mit meiner Familie immer wieder ins Berner Oberland zurück. Schon in der Jugendzeit war ich mehr in den Bergen am Bergsteigen als in Thun selber, und mit den Kindern gehen wir klettern und Schiff fahren, was für diese immer ein Highlight ist.

Wieso denn Parpan? Und wieso Himalaja?
Vor mehr als 25 Jahren landete ich durch persönliche Kontakte in Davos, wo ich eine Anstellung als Skilehrer fand. Da ich die Natur und Einsamkeit bevorzuge, wurde mir Davos bald zu mondän, und ich zog in das schmucke Parpan, wo wir heute noch leben. Den Himalaja lernte ich vor 21 Jahren kennen, als ich mit meiner Ehefrau Martina in Ladakh ein dreiwöchiges Trekking unternahmen. Die Region und ihre netten Bewohner haben uns tief berührt, und aus den geplanten drei Wochen ist schliesslich ein eineinhalb Jahre dauernder Aufenthalt geworden.

Nun verbringen Sie Ihre Himalajareisen gemeinsam mit Ihren drei Kindern. Wie sieht es mit deren Schulpflicht aus?
In deren Vorschulalter haben wir das ganze Sommerhalbjahr oder ein paar Monate am Stück im Himalaja verbracht. Aber auch die sieben bis acht Wochen Sommerferien, welche die Schüler in Graubünden haben, ermöglichen jeweils bereits eine längere Reise. Unterwegs lernten unsere Kinder viele praktische Dinge wie Reiten, Ziegenscheren oder Butterteetrinken. Solche Erlebnisse kann keine Schule Europas je ermöglichen. Jetzt, wo alle drei Kinder in die Schule gehen, kommt die Familie nicht mehr bei all meinen Reisen mit.

Wo ist Ihr Herz denn nun zu Hause? Im Himalaja oder in der Schweiz?
Ich bin tatsächlich in beiden Welten zu Hause. Für die Entwicklung meiner Kinder bevorzuge ich die Schweiz mit unserer guten Schulbildung und den vielen Möglichkeiten. Es tut aber gut, immer wieder in Regionen zu leben, wo vieles nicht einfach und nichts selbstverständlich ist. Dabei erkennt man, dass tiefe Zufriedenheit und Glück sehr wenig mit Luxus und technischen Errungenschaften zu tun haben.

Wie heisst der für Sie schönste Ort der Welt?
Da fällt mir spontan das kleine Dorf Shade ein. Dieses liegt abgelegen auf 4000 Höhenmetern in Zanskar in Tibet und ist nur durch einen mehrtägigen Fussmarsch erreichbar. Ein Kleinod, das punkto landschaftlicher Schönheit kaum zu übertreffen ist. Trotz des Alltags sind die Menschen dort sehr zufrieden mit ihrem Leben.

Sie engagieren sich auch für mehrere Hilfsprojekte...
Die meisten Hilfsprojekte haben sich aus unseren langen Aufenthalten und einschneidenden Erlebnissen ergeben. Nach den grossen Überschwemmungen in Ladakh vor 9 Jahren haben wir Hilfslieferungen in die betroffenen Gebiete organisiert und dort Schutzmauern gegen künftige Hochwasser gebaut. Bei unseren langen Aufenthalten bei Nomaden haben wir gesehen, dass die nicht vorhandene Schulbildung für die Leute dort ein grosses Problem ist. So haben wir eine mobile Schule gegründet, die mit den Nomaden mitzieht. Bei den Erdbeben in Nepal vor knapp 4 Jahren waren wir nebst der Ersten Hilfe aktiv am Aufbau von zerstörten Häusern, Schulen und Quellfassungen beteiligt. Dies sind nur wenige unserer verschiedenen Projekte im Himalaja.

Wo orten Sie die grössten gesellschaftlichen und politischen Probleme für die Menschen Mittelasiens?
Während früher nur die wenigsten Dörfer am Strassennetz angeschlossen waren, ist heute fast jedes Dorf durch irgendeine Jeeppiste erschlossen, was eine Abwanderung vieler Bergbewohner in die Städte zur Folge hat. Die zwar guten, aber zentralisierten Städteschulen tragen dazu bei, und in den Dörfern hat es oftmals nur noch qualitativ schlechte oder gar keine Schulen mehr. Auch Spitäler und Krankenstationen sind vorwiegend in den Städten entstanden, und auf dem Land ist die gesundheitliche Versorgung oftmals schlecht oder gar nicht existent. In den Himalajaländern Nepal, Indien und Bhutan sind die Bewohner mit der politischen Situation grundsätzlich zufrieden und werden nicht unterdrückt. In China dagegen ist die Situation oftmals schwierig. Dies gilt nicht nur für Tibet, sondern auch für viele andere Regionen wie zum Beispiel die muslimischen Regionen der Uiguren. Was einem bei Besuchen in diesen Regionen auffällt, ist die permanente Überwachung mit Kameras und ähnlichem. Dies ist aber in den chinesischen Grossstädten ebenfalls so und wird sich wahrscheinlich auf ganz China ausbreiten.

Mit seinem zweistündigen Vortrag «Quer durch den Himalaja» gastiert Thomas Zwahlen am nächsten Samstag, 9. März, in Thun und tritt um 15 und um 19.30 Uhr im Burgsaal auf wie auch am Sonntag, 10. März, um 16 Uhr im Spiezer Lötschbergsaal.

verlosungen@bom.ch

Berner Oberländer

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