«Ich würde aus dem Thunersee bedenkenlos trinken»

Jean-Daniel Berset untersuchte den Thunersee auf Sprengstoffrückstände und das Zürcher Abwasser auf Kokainspuren. Die grössten Herausforderungen der Zukunft sieht der Wasserforscher in den Mikroverunreinigungen.

Im Thunersee untersuchte Wasserspezialist Jean-Daniel Berset Munitionsrückstände.

Im Thunersee untersuchte Wasserspezialist Jean-Daniel Berset Munitionsrückstände.

(Bild: Walter Pfäffli)

Sandra Rutschi

Herr Berset, Sie untersuchen seit fast dreissig Jahren als Wissenschaftler die chemische Wasserqualität. Wie haben sich die Berner Gewässer in dieser Zeit verändert?
Jean-Daniel Berset: Die Wasserqualität hat sich im chemischen Bereich enorm verbessert. Zum einen, weil die Abwasserreinigungsanlagen (ARA) aufgerüstet wurden. Zum anderen, weil das Umweltbewusstsein generell und gerade auch in der Landwirtschaft gewachsen ist. Für einen Bauern ist es heute selbstverständlich, dass er Gülle auf dem Feld verteilt und vermeidet, dass Reste in ein Gewässer gelangen.

Zurzeit führt der Kanton ein Projekt durch, die Landwirte auf Pflanzenschutzmittel zu sensibilisieren. Ist das überhaupt noch nötig?
Dieses Projekt hat unter anderem das Ziel, die Menge der Pestizide pro Behandlung zu reduzieren, ohne dass dabei die Ernte zu stark abnimmt. Wenn das gelingt, hat dies eine positive Signalwirkung für die ganze Schweiz – deswegen ist das Projekt sehr wichtig, gerade auch im Kontext des Klimawandels. Ein Bauer ist bei seiner Arbeit von den Jahreszeiten und dem Wetter abhängig. Sind die Prognosen gut, sät er an und spritzt Pestizide. Wenn nun unvorhergesehen das Wetter wechselt und es stark regnet, gelangen grosse Mengen an Pestiziden in nahe Gewässer und können ne­gative Auswirkungen auf Wasserorganismen haben. Da das Klima zunehmend grösseren Schwankungen unterworfen ist, stehen die Bauern vor grossen Herausforderungen.

Berufsfischer beklagen sich, dass die Gewässer heute zum Teil zu sauber sind und dass es deshalb immer weniger Fische gibt.
Eine Vielzahl von Faktoren sind dafür verantwortlich, dass wir heute 80 Prozent weniger Fische haben als vor dreissig Jahren. Die womöglich mangelnden Nährstoffe im Wasser mögen ihren Teil dazu beitragen. Dazu kommen aber auch Temperaturschwankungen, Kleinkraftwerke und Mikroverunreinigungen.

Was sind in Zukunft die grössten Herausforderungen für unsere Gewässer?
Eine ist sicher der Klimawandel. Die Bevölkerung, die Landwirtschaft, Energiewirtschaft und Industrie müssen Wege finden, um mit extremen Hochwassern und extremer Trockenheit umzugehen. Der Klimawandel wird mit Sicherheit Auswirkungen auf den Wasserhaushalt haben. Zudem werden uns die Mikroverunreinigungen in den nächsten Jahrzehnten vor grosse Herausforderungen stellen.

Weshalb?
Pestizide aus der Landwirtschaft sind das eine, Medikamentenrückstände aus den Haushalten das andere. Die Leute werden immer älter und stehen beruflich unter grossem Druck, die Bevölkerung der Schweiz soll von heute 8,1 auf 10 Millionen Personen anwachsen. Damit dürfte auch der Medikamentenkonsum steigen. Dadurch gelangen viele Rückstände in die ARA – und die grosse Frage ist, wie diese damit fertig werden. Geplant ist, die hundert grössten ARA so aufzurüsten, dass die Mikroverunreinigungen um insgesamt 80 Prozent reduziert werden.

Genügt das?
Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, wird das Problem aber nicht lösen. Es braucht ein Umdenken im Umgang mit Medikamenten. Wir dürfen nicht ver­gessen, dass Medikamente äusserst wirksame Substanzen enthalten. Deshalb sollten etwa Restmengen von Tabletten nicht via Toilette entsorgt, sondern in eine Apotheke zurückgebracht werden.

Bei Mikroverunreinigungen sprechen wir von Stoffen, die typischerweise im Mikrogramm-pro-Liter-Bereich vorkommen. Sind solche geringen Konzentrationen überhaupt schädlich?
Wir haben erst seit kurzem die technischen Möglichkeiten, Mikroverunreinigungen in so tiefen Konzentrationen zu erkennen. Diese kommen als Gemische in unterschiedlichen Konzentrationen vor. Erste Studien weisen darauf hin, dass bestimmte Stoffe schädlich für Wasserorganismen sein können oder ihr Verhalten negativ beeinflussen. Wir tun also gut daran, solche Verunreinigungen zu vermindern. Das dürfte positive Auswirkungen auf den Fischbestand haben.

Könnten sich Mikroverunreinigungen auch negativ auf den Menschen auswirken?
Das denke ich weniger. Der Mensch ist wegen der hohen Trinkwasserqualität wenn überhaupt nur sehr tiefen Konzentrationen von Mikroverunreinigungen ausgesetzt. Um einem Menschen zu schaden, müssten die Schadstoffe viel höher konzentriert sein als etwa bei Wasserorganismen. Ganz offenbar reagieren etwa Insekten oder Krebse viel empfindlicher auf solche Stoffe als der Mensch. Im Vordergrund steht also der Gewässerschutz.

Sie sind zurzeit im US-Bundesstaat Oregon als Gastforscher tätig. Wie unterscheiden sich die Gewässer in den USA von jenen in der Schweiz?
Ein Vergleich ist da schwierig. In Oregon gibt es zum Beispiel einen See, der kaum von Menschen beeinflusst ist. Er soll eines der saubersten Gewässer der Welt sein. Es gibt aber auch Gewässer, die viel stärker verschmutzt sind als jene in der Schweiz, weil die Landwirtschaftsflächen grösser sind, intensiver genutzt werden und vielleicht das Umweltbewusstsein der Bauern weniger ausgeprägt ist. Es hängt hier wie auch in Bern davon ab, welche Arten von Industrie, Gewerbe oder Landwirtschaft im Einzugsgebiet eines Gewässers angesiedelt sind. Aus dem Brienzer- und dem Thunersee würde ich bedenkenlos Wasser trinken, weil diese als generell sehr sauber gelten. Hier in Oregon wird mit wenigen Ausnahmen abgeraten, aus Bächen oder Flüssen direkt Wasser zu trinken.

Sie haben als Wissenschaftler vieles untersucht. Was war für Sie das spannendste Projekt?
Die Sprengstoffmessungen im Thuner- und im Brienzersee. Bis in die 1960er-Jahre war es erlaubt, Munition in den Seen zu entsorgen. 2006 fanden wir tatsächlich erstmals Rückstände im Wasser, allerdings nur minime Spuren. Später stellte sich heraus, dass diese nicht vom Seegrund stammten, wo die Munition lag, sondern von den Flüssen, die in die Seen münden. Diese Spuren in den Flüssen wurden teilweise auf militärische Aktivitäten zurückgeführt. Nach mehrjähriger Forschungsarbeit mit ­diversen Institutionen wurde entschieden, die Seen regelmässig durch Messungen zu überwachen und die versenkte Munition nicht zu bergen.

Sie untersuchten zudem Abwasser auf Drogenrückstände.
Das war ausgesprochen spannend, auch wenn einige Leute aus meinem Umfeld sich kritisch dazu äusserten. Wer spricht schon gerne über Drogen. Drogenrückstände im Abwasser zu messen, ist aber eine elegante Methode, um den Konsum in einem Einzugsgebiet abzuschätzen. Das geschieht anonym und kann jederzeit durchgeführt werden. So fanden wir etwa heraus, dass in ­Zürich der Kokainkonsum wesentlich höher ist als in anderen Schweizer Städten. Diese Daten sind für Gesundheitsbehörden und Polizei interessant und leisten einen Beitrag zur Präventionsarbeit.

Woran arbeiten Sie in den USA?
Auch hier stehen Mikroverunreinigungen im Vordergrund, die im Lebensmittelbereich untersucht werden sollen. Da es sich um ein äusserst sensibles Gebiet handelt, bin ich an die Schweigepflicht gebunden.

Lebensmittel haben auf den ersten Blick nicht viel mit Wasseruntersuchungen zu tun.
O doch. Wasser für den Konsum ist ebenfalls ein Lebensmittel und zudem ein sehr wertvolles. Klar interessiert es mich zudem, mit Fachleuten aus verwandten Bereichen zusammenzuarbeiten. Das möchte ich auch in Zukunft. Ich werde im Herbst pensioniert, möchte danach aber wenn möglich in der angewandten Forschung tätig sein. Was interessiert Sie speziell?
Ich würde gerne im klinischen oder forensischen Bereich arbeiten, etwa Stoffwechseluntersuchungen durchführen oder Vergiftungsfälle analysieren. In diesen Bereichen werden ähnliche Geräte verwendet wie in der ­Wasserforschung. Damit sind die Vor­aussetzungen für eine erfolg-reiche Arbeit gegeben.

Berner Zeitung

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