Im 100. Jahr liegt die Würze in der Kürze

Thun

«Sprich, doch bleibe kurz und klar!»: Das Zitat eines berühmten Dichters ist das Motto des neuen Thuner Stadt­ratspräsidenten Reto Schertenleib. Derweil zog Stapi Raphael Lanz am Donnerstagabend vor dem Parlament den Hut.

Stadtpräsident Raphael Lanz (r.) war am Donnerstag einer der ersten Gratulanten des neuen Stadtratspräsidenten Reto Schertenleib.

Stadtpräsident Raphael Lanz (r.) war am Donnerstag einer der ersten Gratulanten des neuen Stadtratspräsidenten Reto Schertenleib.

(Bild: Patric Spahni)

Mit Hut, Fliege und Gehstock hat man den Thuner Stadtpräsidenten Raphael Lanz (SVP) noch kaum je angetroffen. Die spezielle Aufmachung, in welcher er am Donnerstag Abend im Rathaus auftrat, galt aber auch nicht einer alltäglichen Veranstaltung, sondern der Sondersitzung mit Festakt anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Thuner Stadtrats. «So oder ähnlich muss mein Amtsvorgänger von damals angezogen gewesen sein», sagte der Stapi. Und er zog gleich zu Beginn im wahrsten Sinn des Wortes den Hut vor dem Ortsparlament.

Zum Jubiläum hatten sich mehrere ehemalige Gemeinde-, Stadträte und Stadtratspräsidenten sowie aktuelle Amtsträger und weitere Politprominenz im Stadtratssaal eingefunden. Lanz fand, dass die manchmal etwas negativ konnotierte Aussage «Das machen wir schon seit 100 Jahren so!» im Zusammenhang mit dem Stadtrat sehr positiv zu verstehen sei. Er erinnerte daran, dass das Parlament in einer historisch bewegten Zeit aufgrund der wachsenden Komplexität der Geschäfte die Gemeindeversammlung abgelöst habe.

Lacher erntete Lanz mit der einen oder anderen Anekdote aus dem Ratsbetrieb, so etwa der bereits vor 100 Jahren gemachten Anregung, an den Stadtratssitzungen doch das Rauchverbot einzuführen – was dann vorerst nicht geschah. Im Parlament gehe es nicht darum, dass alle Stadträte dieselbe Meinung hätten, was für die Bevölkerung am besten sei, «sondern dass sich aus unterschiedlichen Ansichten bessere Lösungen ergeben», erklärte der Stadtpräsident.

Katapult für den Vorgänger

Nachdem Lanz die Legislatur offiziell als eröffnet erklärt hatte, wählten die 35 anwesenden Stadträte ihren Kollegen Reto Schertenleib (SVP) zu ihrem neuen Präsidenten. Der 39-Jährige gestaltete seine Antrittsrede souverän und mit feinem Witz. Er zollte seinem Vorgänger Andreas Kübli (GLP) Respekt und attestierte ihm eine gelungene Amtsführung. Angelehnt an Küblis Motto «Brügge boue» schenkte Schertenleib seinem Kollegen den Bausatz einer Brücke nach Originalplänen von Leonardo da Vinci sowie ein Katapult. Dies sei nicht als Kriegserklärung zu verstehen. «Manchmal muss man bestehende Brücken hinter sich abbrechen und neue Wege beschreiten», so der Frischgewählte. Er selbst habe sich lange schwergetan, ein passendes Motto für sein Amtsjahr zu finden.

Am Herrenabend des Männerchors im Dezember wurde Schertenleib jedoch hellhörig. Das dort erwähnte Zitat des italienischen Dichters Dante Alighieri, «Sprich, doch bleibe kurz und klar!», passte dem dreifachen Familienvater: «Ich sagte zu meinem Tischnachbarn, dies stünde uns Politikern auch gut an. Deshalb will ich uns dies mit auf den Weg geben.» Er sei sich bewusst, dass das Reden «nicht unbedingt das unterentwickeltste Talent» von Politikern sei. Die Debatte solle sich aber durch die inhaltliche Qualität und nicht durch möglichst lange Sprechzeit auszeichnen.

Der neue Stadtratspräsident und seine Mitstreiter am Rednerpult beherzigten die Vorgabe «Qualität vor Quantität» allesamt. Bereits heute in einer Woche gilt es auch wieder an der normalen Stadtratssitzung ernst.

Thuner Tagblatt

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