Je später der Abend, desto wütender die Gäste

Die Theatergruppe Stockental präsentiert das Bühnenstück «Ufbräche». Ironisch stellt es eine Familie in den Fokus, mit der das vermeint­liche Oberhaupt seine Abdankung feiern will.

Szenenbild aus dem Stück «Ufbräche», das die Theatergruppe Stockental ab dem 1. Juni aufführt.

Szenenbild aus dem Stück «Ufbräche», das die Theatergruppe Stockental ab dem 1. Juni aufführt.

(Bild: pd)

«Besser wirds so schnell nicht mehr im deutschen Fernsehfilm»: Mit diesen Worten endete die Kritik in der «Süddeutschen Zeitung» zum Film «Ein grosser Aufbruch» im Jahr 2015, der im Jahr darauf den Deutschen Fernsehpreis erhielt.

Genau das hat Rolf Bachmann, Mitbegründer und Regisseur der Theatergruppe Stockental, auch gedacht: «Die Geschichte hat mich gepackt. Es ist faszinierend, wie in diesem Film das Thema Sterbehilfe leicht, süffisant, humorvoll und trotzdem mit Tiefgang behandelt wird.»

Nicht nur hochkarätige Schauspieler nehmen den Zuschauenden gefangen, sondern vor allem eine Thematik, die zum Leben gehört, aber verpönt zu sein scheint – das Ende, der Tod.

Der Drehbuchautor und Grimme-Preis-Träger Magnus Vatt­rodt, aus dessen Feder die Geschichte stammt, weist sich in seiner Arbeit als Menschenbeobachter mit Adleraugen aus, wie er immer wieder unter anderem als «Tatort»-Autor zeigte. Bachmann übersetzte in Kleinarbeit das Drehbuch in Mundart und nannte sein Stück für die Theatergruppe Stockental nun knackig «Ufbräche».

Alles ausser Trauer

Die Handlung dreht sich um Jan, bei dem nach einer Unter­suchung feststeht, dass seine Krebserkrankung zurückgekehrt ist. Aug in Aug mit dem Tod hat er alles fein säuberlich geplant. Seine Lieben sollen zu ihm kommen.

Freund Adrian soll für alle kochen: für seine eigene Frau Katharina, für Jans Ex-Frau Ella und deren Töchter Maria und Charlotte. Dass Heiko überraschend dazukommt, der neue Freund von Maria, soll kein Problem sein.

Jan will der Familie mit einem grossen Paukenschlag etwas verraten: Er ist todkrank und gedenkt, selbstbestimmt zu gehen. Er will Sterbehilfe in Anspruch nehmen.

Aus seinen Plänen, sich quasi bei seiner eigenen Abdankungsfeier hochleben zu lassen, wird nichts, denn die Anwesenden versinken nicht in Trauer. Sie sind geschockt, wütend oder verbittert.

«Du wirsch no bis zur letschte Minute de hübsche ­Chranke­schwöschtere ­nachepfyffe!»Ella, Exfrau von Jan

Zynische Wortpfeile lassen nicht lange auf sich warten, als Jan sich an den gedeckten Tisch setzt und verkündet, er sei am Verhungern, und seine Tochter ihm entgegenschleudert: «Das wär doch ganz praktisch, de ­bruuchsch ke Stärbehilf me.»

Lauter Vorwürfe

Mancher denkt, er mache sich leichtsinnig aus dem Staub und hinterlasse einen Scherbenhaufen. Wie gern würde der Lebensmüde sein Selbstmitleid mit den anderen teilen, sich beweinen lassen und über sein ach so ge­lungenes Leben philosophieren.

Doch daraus wird nichts. Maria, die erfolgreiche Anwältin, hält den Eltern ihre verlorene Jugend vor: Sie übernahm Verantwortung, die Mutter nahm Drogen und setzte sich ab, der Papa hüpfte mit diversen Frauen ins Bett.

Charlotte, die Jüngere, gut gelaunte Lebenskünstlerin, bekam davon offenbar nichts mit. Oder? Es wird sich herausstellen. Jans Exfrau Ella ist sich sicher: «Du wirsch no bis zur letschte Minute de hübsche Chrankeschwöschtere nachepfyffe!»

Sprühender Schlagabtausch fördert so manche Leiche aus dem Keller zutage. Die Feier ermöglicht allen Beteiligten, aus­zusprechen, was sie sich sonst nie getraut hätten, aber angesichts der morbiden Ausnahmesituation hervorsprudelt.

Das Stück «Ufbräche» entlässt das Publikum im Stockental ab dem 1. Juni mit der Gewissheit: Sterben tut man an einem einzigen Tag, an ­allen anderen Tagen nicht.

Aufführungen: 1., 2., 6., 8., 9., 13., 15., 16., 20., 22., 23., 27., 29. Juni, 20.30 Uhr, ca. 85 Minuten ohne Pause. Vorverkauf: Mo–Fr 17.30 bis 19.30: Tel. 079 953 45 33, www.theater-stocken.ch. STI-Linie 3, Thun Bahnhof ab 19 Uhr von der Kante X an der Seefeldstrasse bis Oberstocken Wolfbuchen. Rückfahrt: Einstieg bei der Landi (Scheune, Richtung Reutigen) um 21.30, 22.30 und 23.30 Uhr über Reutigen nach Thun. Das Busticket ist nicht im Theaterticket inbegriffen.

Thuner Tagblatt

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