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Jenseits des grossen Teiches

Einen Monat lang war Simone vom Peffer-Team unterwegs in Kanada. Sie nutzte die Gelegenheit,aktuelle Themen, welche die Schweiz bewegen, aus der Ferne zu betrachten..

Die Bahn dient nicht nur in Banff vorab dem Gütertransport.
Die Bahn dient nicht nur in Banff vorab dem Gütertransport.
Simone Sommer
Der Lake Louise-
Der Lake Louise-
Simone Sommer
Trucks sind allgegenwärtig, nicht nur in Gastown Vancuver.
Trucks sind allgegenwärtig, nicht nur in Gastown Vancuver.
Simone Sommer
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Im vergangenen Sommer hatte ich das Privileg, einen Monat in meinem Traumland verbringen zu können: Kanada. Ich war zwar vorher noch nie dort, aber ich wusste, dass es genau mein Ding sein würde. Unendliche Weiten, Wälder und eisblaue Seen. Am anderen Ende der Welt scheint alles so perfekt. Kann doch eigentlich gar nicht sein, oder?

Klimawandel, Feminismus, Lohngleichheit – wir Schweizer haben uns in den letzten Jahren mit unzähligen Krisen und Problemen herumgeschlagen. Es stellte sich mir die Frage, ob die Menschen in Kanada diese Brennpunkte mit uns teilen. Folglich habe ich während der vierwöchigen Rundreise vermehrt darauf geachtet, mit welchen Hindernissen dieses wunderbare Land zu kämpfen hat.

Die Sache mit den Trucks

Klimaerwärmung – ein wichtiges Thema. Das Vorurteil gegenüber Kanada und den Vereinigten Staaten, sie würden nur riesige, unökologische Trucks fahren, hat sich meiner Meinung nach bewahrheitet. Man findet selten einen kleinen Toyota Yaris, jedenfalls nicht ausserhalb der grossen Städte, welche nur einen kleinen Teil des Landes ausmachen.

Während wir in der Schweiz predigen, die Bevölkerung müsse vermehrt auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen und das Auto stehen lassen, steht dies in Kanada gar nicht zur Diskussion. Es ist nämlich schwer, mit dem Zug von West nach Ost zu kommen. Die Menschen sind auf ihre Autos angewiesen, sofern sie nicht im Wagen eines Kohlezugs von A nach B reisen möchten. Da wunderte es mich nicht, dass wir das Thema Klimawandel eher selten antrafen.

Alles auf Pump

Auch im finanziellen Bereich ticken die Kanadier etwas anders als wir Schweizer. Auch wenn es manche nicht gerne hören, so sind wir in der Schweiz in einigen Bereichen in der Tat etwas, wie soll man es ausdrücken, eigen. Unser «Bünzlitum» erstreckt sich auf alles, was uns überlebenswichtig erscheint – allem voran unsere Finanzen. So wird die Mehrheit der Bevölkerung sich davor hüten, grössere Schuldenberge anzuhäufen, mal abgesehen von den gelegent­lichen Zahlungsschwierigkeiten am Ende des Monats.

In Kanada hingegen läuft alles auf Pump, so würde der Schweizer sagen. Kaum ein Haus, Auto oder Boot ist wirklich abbezahlt. Junge Leute nehmen mörderische Kredite auf, um sich einen GMC-Truck in der Grösse eines kleinen Panzers zu kaufen. Bezahlt wird quasi nie mit Bargeld, und die Kreditkartenrechnung wird nicht direkt abgegolten, sondern von der nächsten Kreditkarte gedeckt. Kaum vorstellbar für Herrn und Frau Bünzli, die Durchschnittsschweizer.

Die netten Kanadier

Im Vorfeld zu unserer Reise wurde mir oft vorgeschwärmt, wie nett und höflich die Kanadier seien. Und auch dieses Klischee bewahrheitete sich. Selten hatten wir beim Bezahlen an einer Supermarktkasse solch nette Gespräche mit den Angestellten und anderen Kunden, und dass, obwohl schon eine lange Schlange hinter uns entstanden war und die Leute folglich länger warten mussten, um bedient zu werden.

Aber sich darüber aufregen? Nicht mit den Kanadiern! Du stehst etwas verdutzt an einer Kreuzung? Bestimmt nicht lange, da innerhalb weniger Minuten bestimmt zwei Personen nachfragen, ob du Hilfe benötigst. Generell sind die Menschen jenseits des Grossen Teiches sehr interessiert an ihrem Gegenüber.

Manche mögen jetzt denken, das sei bestimmt alles nur oberflächliches Geschwätz. Kann man so betrachten, muss man aber nicht. Meiner Meinung nach können sich die Schweizer eine grosse Scheibe davon abschneiden. Viele wären begeistert davon, zu merken, was ein kleines Lächeln oder ein Hilfsangebot bewirken kann.

Politische Spannungen

Ich wage mich nur selten an die Politik. Ich mag es nicht, dass sich manche Individuen rasch persönlich angegriffen fühlen, wenn man ihre ­Meinung nicht teilt. Oftmals wird ein produktiver Dialog durch Hetzreden und Vorurteile ersetzt.

Doch wie jedes Land ist auch Kanada politisch gespalten, was wir durch einige Gespräche mit ansässigen Locals erfuhren. Die Kanadier scheinen also auch kein Allheilmittel gegen politische Spannungen und Vorurteile gegenüber anderen Ansichten gefunden zu haben. Irgendwie auch beruhigend, nicht?

All dies sind nur Erfahrungen, die ich gemacht habe. In keiner Weise möchte ich behaupten, dass alle Kanadier gleich sind, ebenso wenig, wie alle Schweizer gleich sind. Manchmal ist es jedoch sinnvoll, den Blick über den Tellerrand zu wagen. Menschen haben eine Tendenz dazu, zu glauben, man selbst mache es am besten.

Einblicke in die Kultur anderer Länder inspirieren zum Nachdenken. Und wenn man sich diesen Eindrücken gegenüber öffnet, kehrt man nicht nur mit schönen Erinnerungsfotos aus dem Urlaub zurück – sondern vielleicht auch mit dem einen oder anderen Vorurteil weniger.

Simone Sommer (22) aus Thun studiert Jura an der Uni Bern. In ihrer Freizeit tanzt und liest sie, liebt Sport und die Natur.

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