Jubilierende Klänge im Uhrzeigersinn

Thun

Am Wochenende ertönten beim 20. Drehorgelfestival rund 190 kleine und grosse Instrumente in allen Gassen Thuns. Die Passanten nutzten die Gelegenheit zu einem Schwatz mit den leidenschaftlichen Fastmusikanten. Ein Spaziergang.

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«Da kam der Leutnant von der Garde und raubte ihr die Unschuld weg. Das Mädchen voller Güte rief: Heimat, süsse Heimat, wann werden wir uns wiedersehen?» Die Moritatensängerinnen und -sänger Maria und Werner Schnell sowie Ute und Franz Weber aus Deutschland sind voll in ihrem Element und haben rund hundert Fans des Bänkelgesangs in der Oberen Hauptgasse um sich geschart.

Im Lied vom «Mädchen voller Güte» erleben die Zuhörenden nach alter Sitte mit Bildtafeln und geschnitztem Zeigestock die schauerlich-schöne Geschichte: «Ins tiefste Wasser wollt das Mädchen gehen . . .» – Jedoch: «Wie heisst der Fluss hier?», fragt der Sänger, das Publikum ruft: «Aare!» – «. . . die Aare aber war zugefroren, und keine Öffnung war zu sehen . . .» Was für ein Glück, dass die Gütige keine Öffnung fand. So kehrte sie heim und bekam ein Kind: «Den Vater hat es nie gekannt!»

Das Facebook von einst

Zur dramatischen Story des Vortrags liefern Walzen- und Notenbankorgeln den typischen alt­hergebrachten Klangteppich. Moritatensänger stellten anno dazumal wohl das heutige Facebook dar, um der analphabetischen Landbevölkerung Wissenswertes, Moralisches und Gruseliges unterhaltsam mitzuteilen – gegen ein paar Münzen. Zettelchen mit dem Liedtext vom «Zigeunerkind» werden ans Publikum verteilt: «Singt mit, es kostet nur eure Stimme!»

Namhafte Orgelhersteller aus Überlingen, Waldkirch oder Berlin sind auf den oft verspielt ­bemalten Drehinstrumenten des Festivals in der Thuner Innenstadt zu lesen. Dort ein blaues Blümchen, hier ein goldenes Ornament. Eine Dame in eierschalenfarbenem Spitzenensemble und feschem Hut entlockt ihrem tönenden Koffer «Schwarzbraun ist die Haselnuss» mit entrücktem Lächeln. Eine Wiener Notenband-Orgel fällt ins Auge, denn oben und an den Seiten drehen sich Figuren im Takt. Ein paar Schritte weiter pfeift es «country roads, take me home». Schritt für Schritt wechseln die Melodien vom schmissigen Cancan zum Udo-Jürgens-Hit «Griechischer Wein», wo einige Damen stehen geblieben sind und «. . . ist so wie das Blut der Erde» singend ergänzen.

Zum Glück nicht zu heiss

Die OK-Mitglieder des Drehorgelfestivals haben ihren Posten als Zentrale im Rathaus bezogen, um den reibungslosen Ablauf zu begleiten und notfalls tätig zu werden. Anne-Käthi Ochsenbein zeigt sich glücklich über das Wetter: «Es ist nicht ganz so heiss wie 2015. Da hatten wir Angst, dass so mancher Drehorgelspieler in der prallen Sonne kollabiert. Dieses Jahr ists nicht ganz so heftig», freut sie sich. Ihr Mann Peter Ochsenbein hat sich gerade auf den Weg durch die Innenstadt gemacht, um nach dem Rechten zu sehen. Daniel Hubacher als Medienbeauftragter fängt das Spektakel mit der Fotokamera ein.

Im Bälliz füllen die Orgeln die Zwischenräume der Verkaufsstände des Marktes. Ein südamerikanischer Verkäufer von kunterbunter Kinderbekleidung beäugt sichtlich erstaunt die beiden Orgeln neben sich. Ein Herr in feinem Zwirn mit Weste ringt seinem Kasten «See You Later, Alligator» ab, bei dem junges Publikum die Hüften schwingt. Zwei Männer an ihren Notenbandorgeln liefern gar ein Duett «Heut ist so ein schöner Tag».

Kleidernostalgie

Ob in Berner Tracht, langer Sommerrobe mit Schlapp- oder Strohhut oder Samtweste samt Kreissäge: Die Drehorgelspielerinnen und -spieler haben sich nostalgisch treffend fürs Festival in Schale geschmissen. Ein deutscher Tourist erzählt einem Musikanten, 1918 habe die Regierung in Deutschland Linkshänderdrehorgeln subventioniert, um den Kriegsversehrten aus dem 1. Weltkrieg einen Broterwerb zu ermöglichen. Der Angesprochene schaut etwas betrübt.

Auf der Höhe Krebser erklingt das meistgespielte Lied der Welt: «La Paloma», Kinder reiten mit strahlenden Gesichtern auf den weissen Pferdchen des Rösslispiels. Am Bahnhof steht eine russische Walzdrehorgel von 1890 zum Verkauf, und die grosse Karussellorgel daneben lässt das bekannte Zitherlied aus «Der dritte Mann» hören. Von den vielen Melodien schwirrt der Kopf. «Ein schöner Tag zu Ende geht, wir reichen uns die Hand.»

Thuner Tagblatt

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