Mädchen für IT-Berufe begeistern

Steffisburg

«Girls in ICT» hiess es am Donnerstag in den Oberstufenschulen Zulg und Schönau. Im Workshop «Nur für Mädchen» drehte sich alles um Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT).

Projektleiter Amir Sahi arbeitet mit einer Gruppe Schülerinnen an Roboter Thymio.

Projektleiter Amir Sahi arbeitet mit einer Gruppe Schülerinnen an Roboter Thymio.

(Bild: Christoph Gerber)

Das Bild des sittsamen, Strümpfe stopfenden Mädchens wird als geschichtliches Phänomen belächelt. Mit einem Frauenstreik im nächsten Sommer soll das ewige Spiel um geringer verdienende Frauen in gleichen Berufen wie die Männer noch mehr unter Druck kommen.

Unterdessen greift die Digitalisierung immer massiver in die Berufswelt ein. Gemäss Prognosen sollen 60 Prozent der Grundschüler künftig in Berufen arbeiten, die es heute noch gar nicht gibt. Dringend braucht es auch mehr Frauen in der IT-Branche als die heutigen gerade mal 18 Prozent.

Das soll anders werden. Die Initiative «Girls in ICT» wurde von der Internationalen Fernmeldeunion (ITU), einem Arm der Vereinten Nationen UNO, lanciert. Ziel ist es, junge Mädchen an einem digitalen Schultag für Berufe in der Informations- und Kommunikationstechnik zu gewinnen. Jungen müssen draussen bleiben. «Girls in ICT» findet dieses Jahr in 140 Ländern statt – und in Steffisburg.

Begehrte Plätze

Das ausrichtende Unternehmen Ernst & Young (EY) führt den Slogan «Building a better working world». Es gehört weltweit zu den grössten Buchprüfungs- und Beratungsunternehmen. Im Fokus steht für EY die Förderung von Begabung in einem immer globaler werdenden Umfeld. EY-Projektleiter, Amir Sahi, trat gestern mit fünf Kolleginnen und drei Kollegen in Steffisburg an, um 40 Mädchen zwischen 12 und 14 Jahren zu begrüssen. «Über 60 Schülerinnen haben sich angemeldet, leider konnten wir dieses Jahr nur 40 Plätze vergeben», bedauerte Sahi, freute sich aber sehr über das grosse Interesse.

Für Projektleiter Sahi war der Workshop in Steffisburg ein besonderes Erlebnis. Denn vor zehn Jahren besuchte er selbst hier die Oberstufe: «Schulleiter Thomas Jost war mein Informatiklehrer», lächelte er, und schwenkte über zur eigentlichen Thematik: «Wer ist in einer Familien-Whatsapp-Gruppe?», wollte er von den 14 Schülerinnen wissen. Fast alle hoben die Hand. Die Zeiten seien vorbei, als seine Mutter ihn mit dem Fahrrad abends in Steffisburg gesucht habe. Heutzutage genüge eine kurze Whatsapp-Nachricht. Alle nickten. Mit einem Aufwärmspiel im Kreis namens «Spring in die Mitte, wenn ... du ein iPhone, ein Haustier oder einen Netflixzugang hast», begann der Workshop.

Roboter Thymio im Griff

In der Einführungspräsentation ging es um geschichtliche Hintergründe – die Mädchen sind ungefähr so alt wie Facebook mit Jahrgang 2004. Oder es ging um Begriffsbestimmungen wie Cloud Computing oder künstliche Intelligenz im Alltag – Facebook-Gesichtserkennung, Netflix-Empfehlungen... Dann bildeten die Mädchen vier Kleingruppen.

Ein paar Schülerinnen überlegten, welchen Unterricht die Jungen gerade stemmen müssen und lächelten gelassen. Ohne es wirklich belegen zu können, wurde klar, dass die Stimmung mit jungen Männern im Raum eine ganz andere gewesen wäre. «Viel weniger Stress», bestätigten die Teilnehmerinnen diese Annahme.

Der Höhepunkt des Workshops stand an, denn nun kam Thymio ins Spiel, der so gar nichts mit Thymian oder anderen Kräutern zu tun hat. Der kleine Roboter wurde zu pädagogischen Zwecken entwickelt, um jungen Menschen anschaulich und schnell das Programmieren in der Sprache Aseba näherzubringen. Die Mädchen hatten den kleinen, blinkenden Kasten schnell im Griff und bewältigten unterschiedlichste Aufgabenstellungen wie «Vorwärts-Rückwärts mit Mittelknopf, rechts-links fahren mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten oder einem schwarzen Strich folgen».

Das schwache Geschlecht?

Bei einem Quiz winkten kleine Preise und ein Teilnehmerinnen-Zertifikat wurde überreicht, während die Frage im Raum stand: Wer glaubt, dass Jungen sich mehr für Technik interessieren? Niemand meldete sich.

Vielmehr vertraten alle Schülerinnen die Ansicht, dass beide Geschlechter gleichermassen Interesse an Technik zeigen würden. Einige Berufswünsche wurden geäussert: Informatikerin, Lagertechnikerin, Lehrerin oder Chemielaborantin. Amir Sahi war hoch erfreut über diese Berufsziele und betonte: «Eine Massnahme zur Förderung von Mädchen ist das Unterrichten in Mädchen-Workshops.» Diese böten einen geschützten Raum zur Entwicklung und befreiten von Geschlechterrollen. «Sie trainieren sozusagen in der Schulzeit ihre Muskeln und können sich dann gut in der Berufswelt durchsetzen», ist Sahi überzeugt.

Um Jungen macht sich der Göttinger Neurobiologe und Lernforscher Gerald Hüther eher Sorgen. Sie seien im Durchschnitt extravertierter und suchten noch stärker als Mädchen nach Anerkennung. Mädchen würden sich weniger stark als Jungen am Aussen orientieren, so Hüther. Dies komme nach ihm daher, dass sie biologisch gesehen das schwache Geschlecht seien. So sei nachvollziehbar, warum Mädchen besser lernen, aber Jungen besser die Ellenbogen ausfahren können.

Thuner Tagblatt

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