«Menschen ertrinken meist leise»

Thun

Das heisse Sommerwetter hat zu einer Häufung von tödlichen Badeunfällen geführt. Allen voran zwei Fälle haben in der Region Bern die Gefährlichkeit von Gewässern wieder mal ins Bewusstsein gerufen.

Philipp Binaghi, Mediensprecher der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG).

Philipp Binaghi, Mediensprecher der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG).

(Bild: Christian Pfander)

Michael Bucher@MichuBucher

Zum einen die 16-jährige Gymnasiastin, welche am 27. Juni in Bern bei einem mittäglichen Aareschwumm ertrank. Zum anderen die 24-jährige YB-Spielerin Florijana Ismaili, welche nur zwei Tage später in den Comersee sprang und nicht mehr auftauchte.

Die endgültige Todesursache von Ismaili wird erst in rund einem Monat bekannt sein. Ein Thermoschock wird nicht ausgeschlossen. Gerade bei hohen Temperaturen wie zuletzt kann es gefährlich sein, überhitzt ins Wasser zu springen. «Die plötzliche Kälte setzt den Körper unter Stress», sagt Philipp Binaghi, Mediensprecher der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG).

Die Muskeln ziehen sich zusammen, die Blutgefässe verengen sich. Mögliche Folgen sind Krämpfe, Kreislaufprobleme oder auch Ohnmacht. Als Tipp bleibt Binaghi nichts anderes übrig, als den allseits bekannten Grundsatz zu wiederholen: Nicht überhitzt ins kühle Nass springen, sondern annetzen und langsam ins Wasser steigen oder zuvor kurz duschen.

Kampagne zielt auf Junge

Ein erster Obduktionsbericht hat zudem ergeben, dass Ismaili «reichlich Nahrung im Magen» gehabt habe. Mindestens eine Stunde Badepause nach dem Mittagessen! Auch das hört man von Kindesbeinen an von den Eltern. Binaghi will sich jedoch auf keine genaue Zeitangabe festlegen, die es einzuhalten gilt. So mache es etwa einen Unterschied, ob jemand Burger und Pommes gegessen habe oder nur einen Salat. Er appelliert vielmehr daran, aufs eigene Körpergefühl zu hören. Fühle ich mich wohl und fit? Das solle man sich vor dem Schwimmen fragen. Das gelte auch im umgekehrten Fall, also wenn die letzte Mahlzeit länger zurückliegt. «Man geht ja auch nicht mit ganz leerem oder ganz vollem Magen auf eine Wanderung», meint Binaghi.

Generell empfiehlt der SLRG-Sprecher, lange Strecken nicht alleine zu schwimmen. Die Berner Gymnasiastin war zwar mit Gspänli in der Aare, doch trotzdem kams zum tödlichen Unglück. Binaghi sagt dazu: «Menschen ertrinken meist leise, die anderen Badegäste bekommen dies oft gar nicht mit.» Es sei eine falsche Vorstellung, dass Ertrinkende mit den Armen winken und laut schreien würden.

Obwohl bei den beiden Fällen zwei junge Frauen die Opfer waren, sind doch junge Männer die grösste Risikogruppe. Im Schnitt ertrinken in der Schweiz pro Jahr 44 Menschen, 83 Prozent davon sind Männer im Alter zwischen 15 und 30. Junge Männer überschätzen sich laut Binaghi oft. Sie wollten imponieren und Grenzen ausloten. Deshalb hat die SLRG zusammen mit der Visana diesen Sommer eine Onlinepräventionskampagne lanciert.

«Save your Friends» heisst sie und soll mittels einer Videoserie die Generation Instagram sensibilisieren. Die kurzen Clips fokussieren deshalb auf problematische Szenarien, wie sie häufig bei Jungen vorkommen: das Zusammenbinden von Booten, das Springen in unbekannte Gewässer und das Baden unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen. Angesprochen sind dabei in erster Linie nicht die Betroffenen selbst, sondern die «risikobewussteren Gspänli» innerhalb einer Gruppe, wie Binaghi festhält. (mib)

https:www.saveyourfriends.ch

Berner Zeitung

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