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Mundartbühni mit fesselndem Jenseits-Schauspiel

Wie eindrucksvoll Komapatienten die Sinne wecken, führt die Mundartbühni Uetendorf mit «Hotel zu den zwei Welten» im Theater Alte Oele vor.

Christina Burghagen
Frau Doktor (vorne, Barbara Krebs) zeigt Magier Radschapur (Roberto De Simone) auf einem gläsernen Bildschirm, dass er aus seinem Koma nicht mehr erwachen wird.
Frau Doktor (vorne, Barbara Krebs) zeigt Magier Radschapur (Roberto De Simone) auf einem gläsernen Bildschirm, dass er aus seinem Koma nicht mehr erwachen wird.
pd

Eine sterile Szenerie mit gläsernen Stellwänden und vier schwarzen Bürostühlen schafft eine Atmosphäre der Beklemmung. Andreas Stettler erschuf im Kleintheater Alte Oele ein Bühnenbild als Kabinett und Treffpunkt für Menschen mit ungleichen Biografien.

Der französisch-belgische Erfolgsautor Eric Emmanuel Schmitt greift in seinem Theaterstück «Hotel zu den zwei Welten» die Frage nach dem Sinn des Lebens auf. Der Zuschauende fragt sich: Wo befinden wir uns? Was ist mit diesen Menschen geschehen? Zwei glatzköpfige Diener (Markus ­Rodin, Omar Dietrich) gleiten stumm auf leisen Sohlen durch den Raum und händigen den Ankommenden ihre Schuhe aus.

Fahrt ins Leben?

Sportjournalist Julian (Christoph Graf) wird aus einem Fahrstuhl gespuckt und weiss genauso wenig, wo er sich befindet, wie das Publikum. Ein BMW-Cabrio und drei Promille Alkohol im Blut waren schuld, dass er sich um einen Baum wickelte. «Ich lebe!», ruft Julian, doch so recht mag man ihm das nicht glauben.

Er ist nicht allein. Die junge Putzfrau Marie (Barbara Dietrich) erinnert sich noch an ihren Herzanfall, der Präsident (Andreas Stettler) schlug mit dem Kopf an einer Bordsteinkante auf, Magier Radschapur (Roberto De Simone), der eigentlich Marcel heisst, verweilt schon seit einem halben Jahr am mystischen Ort, und das Herz der jungen Laura (Eva Suter) droht aufzugeben.

Mit schleichender Gewissheit wird deutlich, dass sich alle im Koma befinden und zwischen zwei Welten am seidenen Lebensfaden hängen. Frau Doktor (Barbara Krebs) geleitet ihre Patienten nacheinander zum Fahrstuhl, der sie in den Himmel oder ins Leben zurück befördert.

Unter der Regie von Daniel Nobs gelang eine Inszenierung, deren Dramaturgie das Publikum auf fast zärtliche Weise mit dem Thema Tod konfrontiert. Ein Leichentuch wickelt sich aber nicht um das Bühnenstück. Wenn Marie von ihrem Ehemann erzählt, «der so faul war, wie man eigentlich nur als Toter sein kann. Nicht mal die kleinste Bumserei...», entlockt das bedauerndes Lachen.

Der Präsident vermutet stoisch, dass er sich in einer Psychi befindet, und beschwert sich pausenlos. Laura wirbelt lebenslustig die Angst aus den Köpfen der Anwesenden. Und dann ist da der Tod, der alle gleich werden lässt. Geht es nach oben oder nach unten?

Beichten, um zu fressen

«Kennen Sie jemanden, der sich gernhat?», fragt Marie den stirnrunzelnden Magier, der den Präsidenten anfährt: «Sie beichten, als würden sie kotzen, damit sie wieder fressen können.» Seit sechs Monaten liest er das «Thuner Tagblatt» vom 5. September – es sei nie besser gewesen. Gekicher im Publikum.

Tiefschürfendes Schauspiel und starke Dialoge schubsen den Zuschauenden sanft, aber bestimmt in die gern verdrängte Thematik des eigenen Todes. «Das Leben ist ein Geschenk, der Tod auch», weiss Frau Doktor. Das «Hotel zwischen den zwei Welten» bietet emotionsstarke Momente auf vielschichtige Weise, die lange nachwirken. Ein enttäuschtes «Ooooooh» vom Publikum steht am Schluss dieser beeindruckenden Produktion der Mundartbühni Uetendorf. Das Ensemble kam angesichts des langen Beifalls kaum aus dem Sichverbeugen heraus.

«Hotel zwischen den zwei Welten», Eric Emmanuel Schmitt, Kleintheater Alte Oele, Thun, 2. bis 21. Februar, 20 Uhr, sonntags 17 Uhr.

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