Musikalisches Looping ins neue Jahr

Thun

Lautakrobat Martin O. und das Blasorchester Oberland Thun nahmen an den Neujahrskonzerten im KKThun ihr Publikum mit auf eine musikalische Weltreise ganz ohne CO2.

Das Blasorchester Oberland Thun spielte zum Neujahrskonzert im KKThun auf.

Das Blasorchester Oberland Thun spielte zum Neujahrskonzert im KKThun auf.

(Bild: Markus Hubacher)

«Makes me feel good – the Neujahrskonzerte in the KKThun», gospelt Martin O. und spendiert eine weitere Stimme aus dem Symphonium, wie er sein Loop-Gerät bezeichnet. Es sei aus Appenzeller Holz geschnitzt, erklärt er den 500 Gästen am Nachmittagskonzert im Schadausaal. So könne er bis sieben Stimmen nacheinander aufnehmen und zusammen abspielen. Voraussetzung für die Klangzauberei ist allerdings, dass der Künstler in der Lage ist, alle Stimmen zu liefern.

Martin O. trägt einen gemischten Chor in seiner Goldkehle, der vom Bass bis zum Sopran brilliert – seine Stimme geht auf wie ein Hefeteig. Das Gleiche gilt für die Bühne, die raumgreifend in den Saal ragt, sodass die ersten fünf Stuhlreihen für die über 50 Musikerinnen und Musiker des Blasorchesters Oberland Thun (BOOT) weichen müssen.

Musikalische Reise um die Welt

Das Stück zum Start dieser Weltreise, «Take off» von Daniel Weinberger, bläst soundgewaltig die Neujahrsfrisuren hinter die Ohren. Martin O. parliert in Fantasie-Chinesisch weiter, und die Trommelsolistinnen und -solisten finden im Trippel- oder Sumoringerschritt zu ihren Instrumenten, wo sie gekonnt mit Ralph Marks «Hoo Daiko» miesen Erinnerungen aus dem alten Jahr das Fell traktieren. Begeisterungsquieker aus dem Publikum und donnernder Applaus feiern den archaischen Vortrag ebenso wie das asiatisch angehauchte Looping des Soundjongleurs, das ins vortreffliche Jodeln kippt.

Weiter geht es ins Land der Sultane und Sultaninen samt arabischen Kehllauten des Moderators, an dem die Gäste Spass finden. Das Blasorchester Oberland Thun unter der Leitung von Tobias Salzgeber indes betört mit «Strange Humors» von John Mackey, bei dessen Klängen imaginäre Kamele über die Bühne schaukeln. Raus aus der Wüste, rein ins dschungelige Afrika besingt Martin O. ein Klischee, das von Kolonialisten vor 150 Jahren stammen könnte.

Der Höhepunkt des Konzerts bahnt sich an, als der Saxofonist Jonas Tschanz an einem zierlichen Frisiertisch Platz nimmt, um sein Gesicht weiss zu schminken, und das BOOT Johann de Meijs «Fellini» anstimmt. Das zwanzigminütige Werk mit Orchester, Alto-Sax von Tschanz und ­Harfe von Edmée-Angeline Sansonnens spielt auf der ganzen Klaviatur der Emotionen.

Beschwingt, bedrückend, berauschend und irritierend nimmt es das Publikum gefangen, das plötzlich ein Tschingderassabumm durch die offene Tür aus dem Foyer vernimmt. Jetzt fällt auf, dass das Gesicht des rot­benasten Solisten nur zur Hälfte weiss geschminkt ist. Sehnsüchtige Klänge hier, marschierende Musik da – das strahlt Zerrissenheit aus, dazwischen das beredte Solo-Sax. Die rote Nase fällt mit dem letzten Takt. Die Aufführung wird nach kurzer Stille im Saal mit langem Beifall bedacht.

Besinnliche Stücke – und zum Abschluss ein Rap

Drei weitere, von Johann de Meij arrangierte Stücke erklingen: «Riverdance», «Songs from the Catskills» und «Joropo». Einen nachdenklichen Touch bekommt das Neujahrskonzert, als Martin O. «Amazing Grace» anstimmt und der Saal besinnlich mitsummt. Der Sänger erzählt die Geschichte des Kirchenliedes von John Newton, Kapitän eines Sklaven­schiffs. In schwerer Seenot betete er 1748 zusammen mit den Sklaven an Deck. Nach der Rettung wurde er Geistlicher und kämpfte mit William Wilberforce gegen die Sklaverei, die allerdings noch über ein Jahrhundert andauern sollte. Sein Lied wurde zur Hymne gegen Sklaverei und Unmenschlichkeit. «Schauen wir, welche Transkriptionwir 2020 zustande bringen», schliesst der Moderator.

Das BOOT und Martin O. geizen nicht mit Zugaben, die schliesslich in einem fetzigen Rap anstatt des gewohnten Radetzkymarschs enden. Das Publikum applaudiert nach der zweistündigen Musikshow zum Neujahr begeistert samt stehenden Ovationen.

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