Neun Oberländer Alternativen zur Fussball-WM

Für Fussball-Fans gibt es in den kommenen vier Wochen nur eines: Die WM. Für alle anderen hat unsere Redaktion neun Alternativen aus der Region zusammengetragen. Ein subjektiver, unvollständiger, launiger Überblick.

Bild: Cartoon: Sandro Fiscalini

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1. Steh-Oper und Lesen

Ich halte es mit Pedro Lenz: Boykottiert diese WM im ach so ­nahen korrupten Russland mit all diesen geldgierigen Fussballfunktionären! Unter diesen Vor­aussetzungen macht es doch wirklich keinen Spass. Sollen die Schweizer halt mal ohne mich spielen: Am 17. (gegen Brasilien) und am 27. Juni (gegen Costa Rica) werde ich ergreifenden Geschichten Folge leisten, die auf der Bühne stattfinden.

Einmal stehe ich mir mit lieben Mitmenschen die Füsse im Nationaltheater München wund (genau: Stehplatz!), wenn die höfische Narrenfigur Rigoletto in Verdis gleichnamiger Oper in tragische Abgründe gestossen wird. Wir werden uns im Anschluss mit Bier und Weisswürsten trösten. Beim zweiten Mal winkt ein grosser tragischer Stoff aus russischen Landen und slawischer Feder: «Katja Kabanowa» von Leoš Janá?ek handelt von einer durch die Gesellschaft in den Selbstmord getriebenen Frau. Diesmal erfolgt der Besuch sitzend und im Stadttheater Bern. Wenn Ihnen solche Stoffe zu fest an die Substanz gehen oder der Weg dorthin zu weit ist, so bleiben die Freilichttheater und Musikfestivals, von denen das Oberland reich gesegnet ist.

Oder noch einfacher: Nehmen Sie (immer) wieder mal ein Buch zur Hand. Zum Beispiel «Dr Goalie bin ig» von Pedro Lenz. Es geht um den Lebenskünstler Ernst, von allen nur «Goalie» genannt, der nach einem Jahr Gefängnisaufenthalt neu anfangen will. Fussball mit viel Lebensrealität vermischt. Kann man auch tonlos zu einem Livespiel machen, wenn grad eh taktiert wird. Und sein Bier trotzdem dazu geniessen. Svend Peternell

2. Alternativen zu was?

Ein Verein, dem Korruption nach­gewiesen wird, veranstaltet einen grossen Sportanlass in einem Land, das von einem totalitären Regime regiert wird und sich unter anderem notorisch allem Kampf gegen Doping im Sport entzieht. Wen interessierts? Es ist mir deshalb schlicht ein Rätsel, warum jemand nach Alternativen zur Fussball-WM suchen muss.

Wir leben in der Region Thun. Wir haben Wasser, Wald und Wege vor der Haustüre, es locken Berge, Flüsse und Seen – und das erst noch im Sommer. Wer unter diesen Voraussetzungen lieber jeden Tag Stunden damit verbringt, vor dem Bildschirm zu sitzen und zuzusehen, wie überbezahlte Fussballer vor den Augen mutmasslich korrupter Funktionäre und Politiker rundem Leder nacheilen, dem ist – excusez l’expression – nicht mehr zu helfen.

Viel lieber geniesse ich die Sommermomente mit Familie und Freunden, ohne dass mir dauernd ein hysterischer Kommentator ins Wort fällt. Und was in Russland läuft, kriegen wir eh mit, wenn je nach TV-Anbieter der Torjubel im 3-Sekunden-Takt verzögert durchs Quartier hallt. Marco Zysset

3. Ab in die Beiz, In die Hügel. Auf die Alp.

Ich gebe es gleich zu Beginn zu. Alternativen zur Fussball-WM suche ich nur in zweiter Linie für mich selber. Da aber meine Liebste dem Ballgetrete herzlich wenig abgewinnen kann, wird sie diese Zeilen sicher gerne lesen. (Und dann hoffentlich wenigstens die Spiele ihrer zweiten Heimat Frankreich mit mir schauen.)

Zwei Dinge funktionieren als ­Alternativen aber auch für mich (fast) immer: Schlemmen und schwitzen. Ein deliziöses Znacht mit Freunden – da spricht herzlich wenig dagegen. Warum nicht im kleinen, feinen Parada 30 auf dem Thuner Mühleplatz, inklusive leckeres mexikanisches Bier? (Einen klitzekleinen Hintergedanken hat der Tipp ja: Die wichtigsten Tore bekommt man nämlich aus der Umgebung unweigerlich trotzdem mit . . .)

Am Tag darauf kann der zweite Teil folgen: Schwitzen auf dem Drahtesel. Warum nicht über den Schallenberg ab in die Emmentaler Hügel? (Diesmal ohne Hintergedanken: Autocorsos mit feiernden Fans dürften es kaum bis hierhin schaffen.) Nebenbei: Das Finalwochen­ende verbringe ich auf einer Alp im Tessin beim Heuen. Strom gibt es nicht, die nächste Grossleinwand ist ca. 11/2 Stunden Fussmarsch entfernt. Michael Gurtner

4. Das eine tun, das andere nicht lassen

Blick vom Augstmatthorn in ­Richtung Suggiture. Foto: Roger Probst.

Ganz oder gar nicht? Weiss oder Schwarz? Wieso muss es denn immer das Extreme sein? Ohne Wenn und Aber? Das verstehe ich nicht. Es geht doch auch anders. Wieso nicht am Morgen in aller Herrgottsfrühe die Wanderschuhe schnüren und auf zur Lombachalp? Von dort gelangt man in rund anderthalb Stunden auf das Augstmatthorn. Die Aussicht entschädigt für den Schweiss, den man beim steilen Aufstieg vergossen hat.

Nach einem Stück Brot, einem Salametti und einem Glas Gipfelwein geht es dann gestärkt Richtung Suggiture, wo man in aller Ruhe das Steinwild beobachten kann. Hier oben ist die Natur noch Natur. Der Handyempfang ist mässig, ein Public Viewing undenkbar. Wer hier oben ist, ist es, weil er es will – und weil er bereit ist, etwas dafür zu tun. Ein paar Stunden und etliche Eindrücke später erreicht man den Harder. Hier pulsiert das Leben wieder. Mit der Ruhe ist es vorbei, aber das muss nicht schlecht sein. Auf dem Heimweg lockt der kühle Thunersee zum Bade, zum Beispiel beim Neuhaus oder bei der Hüneggkurve.

Müde, aber erfrischt ist man danach bereit, sich einen guten Platz vor einer der zahlreichen Grossleinwände zu suchen, denn Fussballspiele muss man in Gesellschaft anschauen. Es gibt nichts Schöneres, als den Fussballexperten zu mimen, jeden Offside- oder Freistosspfiff bis ins letzte Detail zu analysieren, bewusst die Gegenposition der anderen Anwesenden einzunehmen, nur um sie aus der Reserve zu locken. Dazu gehört ein kühles Bier, idealerweise gebraut in einem der beiden Länder, welche gerade um Ruhm und Ehre auf dem grünen Rasen streiten. Roger Probst

5. Dem Fuchs dicht auf den Fersen

Einer der Foxtrails führt auch auf das Jakobshübeli in Thun. Foto: Gabriel Berger.

Wer denkt, er kenne Thun und die unmittelbare Umgebung wie seine Westentasche, täuscht sich womöglich. Unweit der gängigen Hotspots und Flaniermeilen verbirgt sich noch mehr – es lässt sich dank des Freizeitangebots Foxtrail spielerisch und mit viel Rätselspass erkunden. Auf der Schnitzeljagd begibt man sich, zu zweit oder in grösseren Gruppen, auf die Fährte des (fiktiven) Fuchses. Er hinterlässt Hinweise, wie man vom einen zum nächsten Posten gelangt. Mal ist eher der Orientierungssinn gefragt, mal hilft Kopfrechnen weiter, oft genügt aber bereits der gesunde Menschenverstand dafür, von A nach B zu kommen.

In und um Thun gibt es mehrere verschiedene Trails (. . . kein Wunder, wurde die mittlerweile schweizweit verbreitete «Fuchsjagd» 2001 doch vom Thuner Fredy Wiederkehr ins Leben gerufen). Die einzelnen Trails beanspruchen zwischen 2 und 41/2 Stunden Zeit, führen auf den Schlossberg, an den Thunersee oder zur Cholerenschlucht und sind teilweise auch im Rollstuhl oder mit dem Kinderwagen zu bewältigen. Und zu guter Letzt: Wer den Foxtrail lieber in historischer Kulisse absolviert, findet auch einen im Freilichtmuseum Ballenberg. Gabriel Berger

6. Ungesalzene Suppe

Jammern, Wunden lecken und nochmals jammern: Die Anhänger der italienischen Nationalmannschaft wandeln mit ziemlich geknickter Haltung umher und wissen nicht so recht, wohin mit den aufgestauten Emotionen: Die Welt feiert die Fussball-Weltmeisterschaft, und die Grande Nazione, der viermalige Fussballweltmeister, ist an der Endrunde nicht dabei.

Entsprechende Alternativen zu finden, fällt uns Tifosi saumässig schwer. Ein Städtewochenende in Firenze oder Napoli vielleicht, um trotz allem doch noch ein kleines bisschen Sentimenti mediterranei zu erleben? Hmm, dürfte aufgrund der dort herumhetzenden Touristen aus aller Welt kaum das Wahre sein. Ein Theaterbesuch in Verona? Nichts für Kulturbanausen. Nein, man kann es wenden und drehen, wie man will, für die Italiener gibt es kaum eine vernünftige Alternative zum Fussball, denn Italien ist Fussball. Das ist Amore. Das ist Anima. Das ist Passione.

Und so bleibt wohl wenig anderes übrig, als die ungesalzene Suppe trotzdem leer zu löffeln – sprich die Endrunde ohne unsere Squadra azzurra mitzuverfolgen. Wenigstens sucht mit den Holländern wohl auch eine andere Nation nach mehr oder weniger sinnvollen Alternativen. Bruno Petroni

7. Ab nach Abländschen

Wenn im städtischen Umfeld Public Viewings, feierwütige Fans in Nationaltrikots und mit der Flagge des favorisierten Teams bestückte Autos die Herrschaft übernehmen, hilft als Anti-Fan nur eins: Nichts wie weg. Zum Beispiel nach Abländschen. Das liegt im äussersten Winkel des Kantons Bern und gehört zur Gemeinde Saanen. Hätten Sie es gewusst? Ich auch nicht.

Aber gelesen, in Regula Tanners Reiseführer «111 Orte im Berner Oberland, die man gesehen haben muss» (Emons). Der kleine Weiler mit 38 Einwohnern und traumhaftem Blick auf die Gastlosen bietet – obwohl sich bestimmt auch hier der eine oder die andere ein WM-Spiel ansieht – anscheinend genau das, was ich als Fussballflüchtige suche: Ruhe, Natur, Entschleunigung. Und ein Ausflug dorthin unterstützt meinen Plan für den Sommer, der da lautet, weniger bekannte Ecken unseres Oberlandes kennen zu lernen. Wobei Tanners Buch als willkommener Leitfaden dient.

Na gut, ab und an werde auch ich mir ein Spiel ansehen. Darunter das am 22. Juni, wenn die Schweizer sich mit den Serben messen. Die Wahl ist purer Zufall, es zählt einzig, dass ich den Abend in netter Gesellschaft verbringen werde. So macht Fuss­ball auch mir Spass. Janine Zürcher

8. Ein Überredungsversuch

Seit Monaten in meiner Agenda eingetragen: Jede Partie der Fussball-WM. Foto: Barbara Schluchter-Donski.

Eigentlich habe ich auf dieser Seite so gut wie gar nichts ver­loren. Ich weiss auch nicht, wer von meinen lieben Redaktionskolleginnen und -kollegen auf die abwegige Idee gekommen ist, ich könnte etwas zum Thema WM-Alternativen beitragen. Denn Fussball und damit natürlich auch das Mitfiebern mit der Schweizer Nationalmannschaft sind meine grosse Leidenschaft. Wieso das so ist, weiss ich auch nicht.

Vielleicht hängt es damit zusammen, dass mein Grossvater selig damals die Vereinskasse des FC Thun führte, als der Club noch in der 2. Liga vor sich hin dümpelte. Und mich nicht selten an eines der Spiele mitnahm. Irgendwann muss der Fussballvirus dann wohl auf mich übergesprungen sein. Seither verfolge ich das Schicksal des FC Thun mit sehr viel Herzblut, freue mich, leide aber auch, wenn es wieder einmal nicht so läuft, wie ich es mir wünsche.

Und weil ich den Sport liebe, schaue ich natürlich auch möglichst viele WM-Partien in Russland (wohl wissend, dass es auch Gründe gibt, dies nicht zu tun). Schliesslich habe ich sämtliche Vorrundenpartien und die Finalspiele seit Monaten in meiner Agenda eingetragen...

Deshalb nochmals, liebe Redaktionsgspänli: Ich bin definitiv die Falsche für diese Rubrik. Was ich an dieser Stelle einzig bieten kann, ist ein Überredungsversuch für all diejenigen, welche mit Fussball im Allgemeinen und der WM im Besonderen nicht viel am Hut haben: Versuchen Sies trotzdem und gesellen Sie sich zu Fussballfans hinzu.

Es gibt wohl kaum Schöneres, als das Spiel mit Freunden draussen vor einer Grossleinwand zu verfolgen, dazu ein kühles Bier zu trinken und gemeinsam über die (mehr oder weniger gelungenen) Spielzüge der Lieblingsmannschaft und die (genauso umstrittenen) Entscheidungen des Schiedsrichters zu fachsimpeln. Lassen Sie sich auf die faulen Sprüche und die launigen Zoten Ihrer Freunde ein und geniessen Sie das Zusammensein. Wetten, dass auch Sie einem Fussballabend plötzlich etwas (es muss auch nicht alles sein) abgewinnen können . Barbara Schluchter-Donski

9. Die schönste Nebensache der Welt

Die Nits – gestandene Musiker, bald «In the Swiss Mountains». Foto: PD.

Was verbinden Sie mit den Niederlanden? Endlose kunterbunte Tulpenfelder? Die sämige Sauce hollandaise? Coffeeshops und Grachten in Amsterdam? Wohnwagenkarawanen am Gotthard? Oder doch eher die Rastalocken Ruud Gullits? Letztere stünden für die oft fälschlicherweise als schönste Nebensache der Welt gepriesene Sache, den Fussball.

Nachfolgend geht es aber nicht um das lediglich Zweitschönste, sondern um das Allerschönste, die Musik. Solcher der erquickenden Art kann vom 22. bis 24. Juno direkt am selbst ernannt schönsten Talabschluss der Alpen gelauscht werden, direkt vor dem tosend zu Tale schiessenden Lenker Simmenfall. In praller Natur geht das Mittsommerfestival zum zweiten Mal während dreier Tage über die Bühne. Und mittendrin: die holländischen Legenden des filigranen Pops. Die Nits, seit nunmehr 44 Jahren musikalische Weltenbummler, werden ihren Klassiker «In the Dutch Mountains» für einmal inmitten richtig ­hoher Erhebungen zu Gehör bringen können.

Am Festival am Simmenfall gibt es aber nicht nur Ohren- (Züri West, Bubi Eifach oder Veronica Fusaro), sondern auch Gaumenschmaus (lokales Bier oder Würste von der Bergmetzgerei). Das Savoir-vivre wird zur Sommersonnenwende vielfältig zelebriert: So bitten die Veranstalter die Besucher etwa, ihre Smartphones auf dem Festivalareal auf Flugmodus zu stellen. Für einen ungestörten Genuss der schönsten Nebensache der Welt. Jürg Spielmann

Erstellt: 13.06.2018, 13:08 Uhr

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