Schule verrottet – und Eltern laufen Sturm

Thun

Die Primarschule Seefeld ist seit über 20 Jahren in einer alten Baracke untergebracht, die allmählich verrottet. Auch wenn Eltern und Lehrkräfte schon länger darauf hinweisen, ist seitens der Stadt wenig bis nichts geschehen.

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Im Thuner Seefeldquartier brodelt es derzeit gewaltig: Der Zustand der Schule, die seit über 20 Jahren in einer alten Baracke an der Äusseren Ringstrasse untergebracht ist, lässt die Emotionen hochgehen.

Der Grund ist ein Schreiben der Mittelstufenlehrerin Sandra Luginbühl an die Eltern, in welchem sie ihre Kündigung auf Ende Schuljahr mitteilt und den Schritt unter ­anderem mit dem desolaten Zustand des Gebäudes begründet.

Das Fass lief über

«Das hat das Fass zum Überlaufen gebracht», sagt eine Mutter, die nicht namentlich genannt werden will, gegenüber dieser Zeitung. «Wir als Eltern haben das baufällige Gebäude lange akzeptiert, weil wir mit dem Unterricht, der darin stattfand, sehr zufrieden waren.»

Dass sich aber jetzt eine beliebte Lehrkraft verabschiede, die sich immer wieder für eine Verbesserung der Situation eingesetzt habe, selber Mobiliar für die Schulräume angeschafft und die Wände im Klassenzimmer gestrichen habe, gehe zu weit.

Sie und andere Eltern wurden deshalb bei der Stadt vorstellig, die mittlerweile einen grossen Aktionismus an den Tag legt: Vor zwei Wochen wurde kurzerhand der alte, verrottete Teppich im Eingangsbereich der Schule ersetzt und andere Flickarbeiten ausgeführt.

Dies ist aber nur ein Tropfen auf den heissen Stein, wie ein Augenschein vor Ort zeigt: Bereits der Zustand der Fassade beweist, dass in den ­vergangenen Jahrzehnten wenig bis nichts am Gebäude gemacht wurde. Die Aussenverschalung blättert vor sich hin, die Fenster sind undicht und die Türen alt und schmutzig. Auch der Pausenraum im Garten lässt zu wünschen übrig, da er nicht genügend Platz für alle Kinder bietet und die Spielgeräte zum Teil defekt sind.

Zu wenig Platz...

Im Innenbereich der Schule täuscht die Tatsache, dass die beiden aktuellen Lehrerinnen die Räume mit viel Eigeninitiative wohnlich gestaltet haben, darüber hinweg, dass auch hier einiges im Argen liegt. In der Garderobe hat es nicht genügend Raum für alle Schüler.

Es gibt kaum Schränke, das Lehrerzimmer ist gleichzeitig Bibliothek und Gruppenraum, und die Toilette müssen sich die Lehrerinnen mit den Kindern teilen. Ein Problem stellen auch die frei stehenden Elektroöfen sowie die nicht funktionierenden Fluchtwege dar, welche durch falsch öffnende Türen blockiert werden.

...und ein undichtes Dach

Ein weiterer Mangel ist das undichte Dach im Kindergartenbereich. Hier müssen bei Starkregen Kübel hingestellt werden, welche das Wasser auffangen. Und alle Eltern erwähnen den muffigen Geruch im ganzen Gebäude: «Wenn unsere Kinder von der Schule heimkommen, stinken sie jeweils so, als kämen sie aus einem Kellerloch», sagt eine Mutter.

Dass dieser Umstand nicht neu ist, beweist die Aussage eines Vaters, dessen Töchter die Schule vor rund 15 Jahren besuchten: «Wir haben diesen Punkt bereits damals moniert», sagt dieser, «passiert ist aber nichts.»

Da es sich beim Ganzen wohl um einen Verrottungsprozess handle, könnten gesundheitsgefährdende Pilzsporen in der Luft oder am Gebäude die Ur­sache sein. Eine entsprechende ­Abklärung sei offenbar in all den Jahren nicht durchgeführt worden.

Missstände gemeldet

Beide Lehrerinnen – die Unterstufenlehrerin hat mittlerweile auch auf Ende Schuljahr gekündigt – meldeten die Missstände nach eigenen Aussagen zu wiederholten Malen der Schulleitung. Ohne dass etwas geschehen wäre.

Die angesprochene Schulleiterin Regine Gfeller von der Schulleitung der Schulen Pestalozzi, Göttibach und Seefeld verwies bei einer Anfrage dieser Zeitung auf die Schulkommission (siehe Infobox). Diese wiederum nennt die Stadt als alleinige Zuständige für die baulichen Aspekte.

Stadt lädt zum Infoanlass

Dies und die vermehrten Elternanfragen haben die Stadt offenbar dazu veranlasst, am Mittwochabend zu einem Informationsanlass in die Aula des Gymnasiums zu laden.

Gemäss dem zuständigen Gemeinderat Roman Gimmel (SVP) war dieser Anlass schon lange geplant: «Die Erstinformation erfolgt am Mittwochabend im Rahmen der längstens organisierten Veranstaltung für die betroffenen Eltern zum Bereich Infrastruktur und Schulraumplanung», liess er lediglich verlauten. Die Veranstaltung sei ausschliesslich für «einen überblickbaren Adressatenkreis» gedacht.

«Der einzige Vorwurf, den man uns machen kann, ist, dass wir zu wenig offensiv kommuniziert haben.»Gemeinderat Roman Gimmel

Es sei aber in der Vergangenheit mehr geschehen, als viele meinten. «Der einzige Vorwurf, den man uns machen kann, ist, dass wir zu wenig offensiv kommuniziert haben.»

Stadt im Gegenwind

Wie dem auch sei: Roman Gimmel wird sich am Mittwochabend auf einige brisante Fragen aus dem Kreis der Eltern gefasst machen müssen. Fragen, welche ihm diese bereits im Vorfeld zukommen liessen.

Dieser Zeitung liegt der umfassende Katalog vor, welcher von der Stadt unter anderem Antworten darauf verlangt, wann genau welche baulichen Massnahmen beim Seefeldschulhaus ergriffen und welche finanziellen Mittel eingesetzt wurden.

Und falls es keine solchen Massnahmen gab, weshalb die Stadt in der Vergangenheit nicht gehandelt habe. Die Eltern möchten auch bestätigt haben, dass kein gesundheit­liches Risiko für ihre Kinder ­besteht.

Und es stört sie, dass ­wenige Hundert Meter entfernt Millionen in die Sanierung des Pestalozzischulhauses gesteckt wurden, während die Seefeldschule leer ausging. «Das ist eine extreme Ungleichbehandlung», sagt denn auch eine Mutter. «Das Pestalozzischulhaus hat alles, das Seefeldschulhaus nicht das Nötigste.»

«Das ist eine extreme Ungleichbehandlung. Das Pestalozzischulhaus hat alles, das Seefeldschulhaus nicht das Nötigste.»Eine Mutter

Konkret wollen die Eltern – viele unter ihnen sind Juristen – zudem wissen, wie sich die ­Zusammenarbeit zwischen der Schulleitung, dem Amt für Bildung und Sport von Roman ­Gimmel sowie dem Amt für Stadtliegenschaften von Konrad Hädener gestaltet und wie diese in Zukunft verbessert werden kann. Es sei schliesslich ein ­«offenes Geheimnis», dass es in der Zusammenarbeit Probleme gebe.»

Schliesslich fragen die Eltern auch, ob konkrete Alternativen für den Schulstandort geprüft wurden: zum einen im neu errichteten Pavillon des Kantons auf dem Areal des Gymnasiums, zum andern in den Baracken an der Schuberstrasse, wo auch ein Kindergarten untergebracht ist.

Liefert Stadt Antworten?

Am Mittwochabend will die Stadt den Eltern Antworten liefern. Eine wird womöglich sein, dass man den Neubau des Gymnasiums am Standort Schadau abwarten und auf diesen Zeitpunkt hin frei werdende Räume im Seefeld beziehen will.

Gemäss Angaben des Kantons wird der Neubau in der Schadau aber frühstens 2020 Realität sein. Ein Zeithorizont, den viele Eltern wohl kaum akzeptieren werden.

Damit auch die Stimmbürger als Steuerzahler wissen, wie es im Seefeld weitergeht, hat die Stadt auf Donnerstagmorgen ein Mediencommuniqué in Aussicht gestellt.

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